Rhein-Maas-Klinik Würselen: Sechs Stunden in der Notaufnahme

Rhein-Maas-Klinik : Sechs Stunden in der Notaufnahme gewartet

Eine Frau fürchtet, sich den Finger gebrochen zu haben, und sucht die Notaufnahme der Rhein-Maas-Klinik in Würselen auf. Erst nach sechs Stunden Wartezeit ist sie an der Reihe. Das Krankenhaus sagt: Die Notfallversorgung in Deutschland gehört reformiert.

Da hatte es wohl einer etwas zu gut gemeint. Auf der Baustelle musste ein festgenageltes Brett entfernt werden, und der tüchtige Helfer wollte das Problem mit einem beherzten Fußtritt lösen. Der geriet etwas zu kräftig, das Brett flog quer durch den Rohbau des Einfamilienhauses, und Carmen Schuster, die Bauherrin, wehrte es gerade noch so ab.

Danach konnte sie ihren linken Ringfinger nicht mehr bewegen. Es war ein Samstagnachmittag. Schuster fuhr zur Notaufnahme der Rhein-Maas-Klinik (RMK) in Würselen. Sechs Stunden später bereute sie diese Entscheidung. So lange dauerte es, bis sie an die Reihe kam.

„So in keinem Krankenhaus erlebt“

Nicht nur die Wartezeit missfiel ihr deutlich. Sondern auch die fehlende Privatsphäre. Jeder der wartenden Patienten habe mithören können beziehungsweise müssen, was die Neuankömmlinge so vortragen. Geht es um einen lädierten Finger, mag das nicht so schlimm sein. Ein anderer Patient aber war ein Insasse der Aachener Justizvollzugsanstalt auf Freigang, was dann auch jeder im Wartezimmer erfuhr. Eine weitere Patientin, „die wohl psychisch was hatte, lag stundenlang schreiend auf dem Flur“, berichtet Schuster weiter. „Das habe ich so noch in keinem Krankenhaus erlebt.“

Udo Sausen (hinten links) ist seit Anfang dieses Jahres Leiter der Notaufnahme der Rhein-Maas-Klinik. Foto: Andreas Rehkopp

Schuster, die in Wirklichkeit anders heißt, ist die dritte Leserin, die sich innerhalb eines guten halben Jahres über die Notaufnahme des RMK bei unserer Zeitung beschwert hat. Das mag nach nicht viel klingen. Unterstellt man aber, dass sich längst nicht jeder Patient, der sich über die Notaufnahme geärgert hat, bei der Presse meldet, ist es doch Grund genug für eine Nachfrage vor Ort. Was ist da los?

Die Notaufnahme des RMK wird geleitet von Udo Sausen. Er bestätigt in aller Offenheit, dass die Belastung ein Problem sei. Allerdings sei dies kein RMK-spezifisches Thema, sondern bedingt durch ein überarbeitungsbedürftiges System. Denn ein großer Teil der Patienten, die die Notaufnahme aufsuchen, wäre laut Sausen eigentlich beim hausärztlichen Notdienst richtig. Dieses Wissen fehle bei vielen.

Das sagt nicht nur Udo Sausen. Das Göttinger Institut für angewandte Qualitätsförderung und Forschung im Gesundheitswesen schätzt, dass ein Drittel bis knapp die Hälfte aller Patienten, die die Notaufnahme aufsuchen, ebenso gut von einem Hausarzt behandelt werden könnten. Und eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa ergab jüngst, dass mehr als 20 Prozent der 18- bis 70-Jährigen gar nicht wissen, dass es einen hausärztlichen Notdienst gibt. Ein Drittel der Befragten gab sogar an, bei akuten, aber nicht lebensbedrohlichen Beschwerden die Notaufnahme selbst dann anzusteuern, wenn die Arztpraxen geöffnet sind. Worin das resultiert, ist relativ offensichtlich: in überlasteten Notaufnahmen.

Pläne des Ministeriums

Am RMK verfährt man nach der sogenannten Manchester-Triage. Eine Fachkraft ordnet die Patienten auf einer fünfstufigen Skala ein. Die höchste Stufe liegt vor, wenn akute Lebensgefahr besteht (siehe Zusatzbox). Carmen Schusters Finger dürfte Stufe vier oder fünf entsprochen haben. Das bedeutet, dass die meisten anderen vor ihr an die Reihe kamen. Die Reihenfolge der Ankunft spielt keine Rolle. „Wer um Leib und Leben kämpft, muss als erstes behandelt werden“, sagt Sausen.

Die Notfallversorgung beschäftigt seit einigen Monaten auch die Bundespolitik. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will die Notfallversorgung reformieren. Für die Notrufnummer 112 und die – weniger bekannte – Nummer für den hausärztlichen Notdienst 116117 soll eine gemeinsame Leitstelle eingerichtet werden, die die Anrufer an die geeignete Stelle vermittelt. Bei Chefarzt Sausen rennt der Minister offene Türen ein. „Herr Spahn bringt die richtigen Themen auf den Tisch“, sagt er. „Wir müssen die Patienten lenken. Das System ist aus dem Ruder gelaufen.“

Das Prinzip einer gemeinsamen Leitstelle wird seit Mai am RMK umgesetzt, aber nicht virtuell, sondern in Form eines gemeinsamen Empfangs. Es wird nicht nur entschieden, welcher der fünf Dringlichkeitsstufen der Patient zuzuordnen ist, sondern auch, ob er in die Notaufnahme gehört oder in die angeschlossene hausärztliche Notdienstpraxis. Carmen Schusters Finger allerdings musste geröntgt werden, daher kam es dann doch zu der sehr langen Wartezeit. Die Beschwerden zur Notaufnahme seien aktuell aber „stark rückläufig“, teilt die RMK-Pressestelle mit.

Auch hinsichtlich der fehlenden Privatsphäre wolle man tätig werden. „Zielführende Umbaumaßnahmen“ seien geplant.

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