Früherkennung und Therapiesteuerung bei Rheuma

Forum Medizin am Rhein-Maas Klinikum : Rheuma – ein Fall für Arzt und Patient

Schnell ist die Rede von Rheuma, wenn es in Gelenken, Knochen und Weichteilen wie Muskeln und Bändern zieht und schmerzt. Aber was im Volksmund und von Laien angenommen wird, sieht der Mediziner aus guten Gründen viel kritischer.

Denn Rheuma ist ein Sammelbegriff für verschiedene Krankheiten, mit denen zwar ähnliche Beschwerden einhergehen mögen, die aber allesamt sorgfältige und differenzierte Diagnosen und Behandlungsformen verlangen, um dem Patienten gezielt helfen zu können.

So liegt dem „echten“ Rheuma meist ein chronischer Entzündungsprozess zugrunde, wie Dr. Peter Bartz-Bazzanella betont. Der Leiter der Klinik für Internistische Rheumatologie am Rhein-Maas Klinikum Würselen (RMK) und sein Team behandeln jedes Jahr rund 650 Patienten stationär und weitere 2000 in der Rheuma-Ambulanz des Hauses. Bartz-Bazanella ist Hauptreferent des Forums Medizin, das das Rhein-Maas Klinikum, von unserer Zeitung präsentiert, für den Dienstag, 21. Mai, zum Thema Rheuma vorbereitet.

Chance auf Genesung

„Es ist wichtig, entzündlich-rheumatische Erkrankungen möglichst frühzeitig zu erkennen“, sagt der Klinikchef. Vornehmliche Aufgabe des Rheumatologen sei es, entzündlich-rheumatische Erkrankungen zu erkennen und mögliche Auswirkungen auf Organe festzustellen bzw. auszuschließen und gegebenenfalls zu therapieren, um Schlimmeres zu verhindern.

Und je früher entzündliches Rheuma entdeckt wird, desto größer ist die Chance auf Remission, also auf einen möglichst günstigen „Outcome“ (Ergebnis). Im Idealfall kann nach erfolgreicher Behandlung der Aktutphase sogar eine Genesung ohne weitere Behandlung oder ein Stillstand unter Behandlung erreicht werden, erklärt Bartz-Bazanella.

Der Bedarf nach exakter Klärung des Krankheitsbildes ist groß. Rund 25 Prozent der Bevölkerung in Deutschland leiden an chronischen Schmerzen bzw. Einschränkungen des Bewegungsapparats, die durch eine Form entzündlichen Rheumas verursacht sein könnten. Wie Erfahrungswerte zeigen, liegt bei zwei bis drei Prozent der Erwachsenen in der Tat eine derartige entzündlich-rheumatische Erkrankung vor. Allerdings besteht bundesweit leider ein erheblicher Versorgungsengpass in der internistischen Rheumatologie, wie Bartz-Bazzanella betont. So geht wichtige Zeit verloren, bevor die Krankheit überhaupt erkannt wird.

Der Kapazitätsengpass hat verschiedene Gründe. Zum einen spielt Rheumatologie während der universitären Ausbildung nur eine untergeordnete Rolle. „Es gibt zu wenig Lehrstühle“, sagt Bartz-Bazzanella. Studenten kommen nur am Rande mit dem Thema in Kontakt. Entsprechend gering ist der Anteil der Forschung. Zum anderen werden die Leistungen der Rheumatologen im Vergleich zu anderen Facharztgruppen schlecht vergütet. „Da sind der Bund und die Länder, aber auch die Kassenärztliche Vereinigung und die Krankenkassen gefordert“, drängt der Fachmann auf Verbesserungen.

Online-Fragebogen

Aber allein darauf zu setzen, ist ihm und Mitstreitern zu wenig. Um die vorhandenen Kapazitäten effizienter nutzen zu können und Patienten eine bessere Option auf Früherkennung zu verschaffen, wurde das Projekt RhePort.de entwickelt. Dabei handelt es sich um ein frei zugängliches medizinisches Web-Portal, das aus einem Förderprojekt des Landes vom Netzwerk Aachener Rheumatologen und einem IT-Partner vorangetrieben wird. Durch Ausfüllen eines ausgeklügelten Online-Fragebogens können nach Auswertung durch einen Computeralgorithmus Patienten mit enzündlich-rheumatischen Krankheiten identifiziert werden (Wahrscheinlichkeit korrespondiert mit der Punktzahl der Auswertung).

Dr. Peter Bartz-Bazzanella. Foto: RMK/Harald Reusmann

Sie erhalten dann schneller einen Untersuchungstermin bei einem Spezialisten in der Region, erklärt Bartz-Bazzanella das Prinzip. „Wir haben auf diese Weise bereits rund 2800 Untersuchungstermine vergeben.“ Während es bei RhePort.de um das Erkennen der Krankheit geht, stellt RheVital eine neue Rheuma-Therapiekontrolle per App dar, die aber noch in der Entwicklung ist. „Das ist ein intelligentes, interaktives System zur Therapiesteuerung.“ Wenn man so will, bilden Arzt und Patient dabei ein Team. Regelmäßig geben Erkrankte ihre subjektiven Beobachtungen über den Krankheitsverlauf und ihre Befindlichkeit in die App ein (Gelenkschwellungen, Steifigkeit, Schmerzstärke). Diese Angaben werden in die elektronische Krankenakte übertragen und mit den bisherigen Erkenntnissen und dem Krankheitsverlauf durch ein Computerprogramm verglichen.

Drohenden Schub erkennen

Daraus ergeben sich gegebenenfalls Handlungsempfehlungen. So könnte die Medikamentierung geändert, Physiotherapie verordnet oder ein Reha-Bedarf erkannt werden. Im Extremfall erhält der behandelnde Arzt dank App frühzeitig Hinweise auf einen sich abzeichnenden Rheuma-Schub und kann rechtzeitig gegensteuern und den Patienten frühzeitig einbestellen, wie Bartz-Bazzanella erläutert. Erste Testauswertungen der RheVital-App sollen Anfang 2020 vorliegen.