Fledermaus-Schutz: Würselens Zentralfriedhof, ein Ort des Lebens

Schutz für die Fledermaus : Würselens Zentralfriedhof, ein Ort des Lebens

Die Fledermaus ist in Deutschland stark bedroht. Hinter dem Zentralfriedhof St. Sebastian in Würselen wurden nun 43 Nistkästen angebracht. Jeder bietet Platz für bis zu 50 Tiere.

Vereinzelt haben sich schon Bewohner eingefunden. Um das herauszufinden, genügen eine Taschenlampe und ein prüfender Blick senkrecht den Baumstamm hinauf in die Höhe. Mal hockt eine Spinne im Nistkasten, im nächsten ein Falter. Aber noch keine Fledermaus. Die Enttäuschung bei Holger Körber hält sich in Grenzen, denn dass sich vor dem Frühjahr viel tut, damit war sowieso nicht unbedingt zu rechnen. Körber knipst die Lampe aus und steckt sie wieder ein. Hätte ja sein können.

Holger Körber und seine Frau Henrike leiten zusammen den Arbeitskreis Fledermausschutz Aachen, Düren, Euskirchen. Circa vier Wochen ist es her, dass in einer gemeinsamen Aktion mit dem Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) Aachen-Land 43 Nistkästen für Fledermäuse auf dem Würselener Zentralfriedhof St. Sebastian angebracht wurden. Es handelt sich um Spezialanfertigungen aus Holzbeton, jede von ihnen ist vielleicht so groß wie eine Handtasche. Von innen sind sie mit Holzspänen versehen, die Halt bieten. Ein schmaler Schlitz an der Unterseite gewährt Fledermäusen Eintritt – und Menschen Einblick.

Es gibt wohl kaum ein Säugetier, das mitten unter uns lebt und uns doch so rätselhaft erscheint. Nachtaktiv und scheu ist die Fledermaus, von bizarrem Aussehen und unterwegs in einer Welt, die sie sich aus Ultraschallsignalen zusammensetzt. Die Popkultur hat aus diesen Attributen Batman und Graf Dracula gesponnen, es gibt alte Darstellungen des Satans mit Fledermausflügeln, und auch in der Heraldik ist die Fledermaus anzutreffen. Im Stadtwappen von Valencia zum Beispiel breitet sie ihre Schwingen über der Krone aus. Doch selbst in der Rolle der Beschützerin wird sie umweht von einer gewissen Düsternis.

Die Realität im Jahre 2019 ist eine andere. „Die Fledermaus ist das am stärksten bedrohte Säugetier, das es in Deutschland gibt“, sagt Holger Körber. Sämtliche Arten stünden auf der Liste der bedrohten Arten. In Nordrhein-Westfalen gibt es nur noch rund 20 Arten, von denen die Zwergfledermaus mit Abstand die häufigste ist. Und selbst die gilt als gefährdet. Das in Mythologie und Kulturgeschichte so wehrhaft erscheinende Tier braucht also eigentlich nur eines: Schutz.

Jürgen Thönnessen, Franz-Josef Emundts, Holger und Dr. Henrike Körber, Sylvia Rosenthal und Michael Soika (v. l.) haben in einer gemeinsamen Aktion von Arbeitskreis Fledermausschutz und BUND 43 Nistkästen auf dem Würselener Zentralfriedhof angebracht. Foto: Jan Mönch

Soll ein bestimmtes Tier geschützt werden, geht es doch nie nur um das eine Tier selbst, sondern auch um seine Stellung im Ökosystem und in der Nahrungskette. Fledermäuse jagen Insekten, bis zu 1000 Exemplare fressen sie in einer Nacht. Fressfeinde der Fledermaus wiederum sind der Marder und die Schleiereule. Sterben die Insekten, schadet das der Eule.

Im Winter zieht die Fledermaus sich an frostfreie, aber feuchte Orte zurück: Kellergewölbe, Dächer, Stollen, Höhlen. Manche Arten zieht es auch nach dem Zugvogelprinzip in wärmere Gefilde. Ist der Winterschlaf beendet, wechselt die Fledermaus ihr Quartier tage- oder wochenweise. Sie sucht dann in Mauerspalten, hinter Baumrinden und unter Dachpfannen Zuflucht. Und bald vielleicht auch in den Nistkästen hinter St. Sebastian. 40 bis 50 Tiere finden in einem einzigen Kasten Platz. Trächtige Weibchen können dort ihre Jungtiere zur Welt bringen – in der Zoologie spricht man dann von der Wochenstube.

Friedhöfe eignen sich wegen der Ruhe und des verhältnismäßig alten Baumbestands gut für die Nistkästen. Und ganz nebenbei wäre es natürlich eine schöne Pointe, wenn ein Friedhof zum Ort des Lebens würde. Die Mitglieder des Arbeitskreises Fledermausschutz und des BUND sind froh darüber, dass Friedhofsverwaltung und Stadt sich sofort bereiterklärt haben, den Zentralfriedhof zur Verfügung zu stellen. Die Finanzierung der Nistkästen wurde von der Städteregion gefördert.

So sehr er zu schätzen weiß, bei den Ansprechpartnern auf offene Ohren zu stoßen, so viel Wert legt Holger Körber doch darauf, dass Nistkästen nur eine Übergangslösung sein können. Das eigentliche Ziel müsse darin bestehen, die natürlichen Lebensräume der Fledermaus wiederherzustellen. „Am besten fangen wir vor zehn Jahren damit an!“, sagt er.

Holger Körber blickt mit Hilfe einer Taschenlampe in einen der Nistkästen auf dem Würselener Zentralfriedhof St. Sebastian. Foto: Jan Mönch

Dennoch: Dass die Nistkästen ihren Zweck sehr gut erfüllen, haben die Naturschützer im Propsteier Wald bei Eschweiler erfahren. Auch dort wurden rund 50 Nistkästen angebracht. Auf die Population habe sich das eindrucksvoll ausgewirkt, die Fledermäuse nahmen die Kästen geschwind in Beschlag. Mit Schwerpunkten wie in Eschweiler und nun in Würselen soll ihnen ein Netz an Rückzugsorten gebaut werden. Angesichts eines nächtlichen Aktionsradius von – je nach Art – rund 50 Kilometern liegen die beiden Städte auch aus der Perspektive einer Fledermaus recht nahe beieinander.

Die Nistkästen dienen aber auch wissenschaftlichen Zwecken. Sind erst einmal Fledermäuse eingezogen, werden sie mit Ringen versehen. Jede beringte Fledermaus lässt sich von nun an genau identifizieren, ein bisschen so, als hätte man sie mit einem Personalausweis ausgestattet und in ein Melderegister eingetragen. Taucht die Fledermaus irgendwann zum Beispiel in Süddeutschland auf, ist wieder ein Stück Zugweg identifiziert. Daher weiß Holger Körber auch, dass die Fledermäuse aus dem Propsteier Wald unterwegs waren von Litauen nach Spanien.

Die Beringung ergibt natürlich nur bei ziehenden Arten Sinn. Ortstreueren Arten hingegen können kleine Sender aufgeklebt werden. Spätestens nach ein paar Wochen löst der sich von selbst wieder. Bis dahin liefern die Daten Erkenntnisse über die Wege, die die Tiere nachts zurücklegen, wenn sie auf Insektenjagd gehen. Durch derlei technische Möglichkeiten weiß man, dass Fledermäuse mit ihrer Umgebung schnell vertraut sind und über einen hervorragenden Orientierungssinn verfügen. Verscheucht man sie aus einem Nistkasten, kommt es vor, dass sie auf direktem Wege rüber zum nächsten fliegen. Ebenso werden die Spanien-Reisenden den Propsteier Wald problemlos wiederfinden.

In Würselen soll es bald schon weitergehen. Weitere Nistkästen im Bereich St. Sebastian sind geplant. Und vielleicht geht ja auch auf anderen Friedhöfen was?

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