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Freundschaftsgesellschaft Würselen-Réo: Es krankt an allen Ecken und Enden in Burkina Faso

Freundschaftsgesellschaft Würselen-Réo : Es krankt an allen Ecken und Enden in Burkina Faso

Peter Kipping von der Freundschaftsgesellschaft Würselen-Réo spricht über das Engagement in Burkina Faso. Afrika darf in der Berichterstattung um das Coronavirus nicht vergessen werden.

Afrika wird häufig als „der vergessene Kontinent“ bezeichnet. Wieso das so ist, ruft dieser Tage auch die Corona-Krise in Erinnerung. Während etwa über die Situation in den USA, Lateinamerika und natürlich den EU-Staaten regelmäßig und ausführlich berichtet wird, muss schon deutlich genauer hinsehen, wer nach Informationen aus den afrikanischen Ländern sucht.

Würselen hat eine Partnerstadt auf dem afrikanischen Kontinent: Réo in Burkina Faso. Zusammen mit Morlaix in der Bretagne wird eine Dreiecks-Partnerschaft gepflegt, die vor genau 30 Jahren entstand. Der stellvertretende Vorsitzende der Freundschaftsgesellschaft in Würselen, Peter Kipping, hat mit Jan Mönch über die Arbeit gesprochen, die – innerhalb wie außerhalb der Corona-Krise – in Réo geleistet wird.

Herr Kipping, vermutlich waren nicht viele unserer Leser in Afrika und die allerwenigsten in Burkina Faso. Was ist das für ein Land?

Kipping: Burkina Faso ist ein Binnenland in Westafrika und liegt südlich der Sahara. Es handelt sich um eines der ärmsten Länder der Welt. Es herrscht Trockenheit, die ländlichen Gebiete sind schlecht mit Wasser und Lebensmitteln versorgt. Unsere Partnerstadt Réo ist weniger eine Stadt im gängigen Sinne als eine Agglomeration von zwölf Dörfern und neun Sektoren. Die Menschen dort habe ich als wenig hektisch, ausgeglichen und sehr ruhig empfunden. Früher war Burkina Faso eine französische Kolonie, und diesen Einfluss spürt man bis heute. Zum Beispiel ist Französisch Amtssprache.

Neue Bedrohungen kommen aus den Nachbarstaaten.

Kipping: Es gibt ein zunehmendes Terrorismus-Problem aus Richtung Niger und Mali. Der Norden und Nordosten sind schon stark von Islamisten infiltriert: Schulen sind geschlossen und Lehrer vertrieben worden, die Verwaltung und das Militär sind wohl recht ohnmächtig. Réo ist dagegen ein ruhiges Gebiet, da ist der Terrorismus noch nicht angekommen. In der Hauptstadt, die 100 Kilometer östlich von Réo liegt, sieht das bereits anders aus. Die Gefahr ist groß, denn 60 Prozent der Bevölkerung ist muslimisch, hat aber bislang friedlich mit Menschen anderen Glaubens zusammengelebt. Rund ein Viertel der Bevölkerung sind Christen, die meisten davon katholisch, aber auch traditionelle afrikanische Religionen sind noch verbreitet.

Wie kam die Partnerschaft zwischen Réo und Würselen zustande?

Kipping: Über unsere Partnerschaft mit Morlaix in der Bretagne. Unsere Partner in Morlaix haben uns eines Tages gefragt, ob wir nicht an Projekten in Réo mitarbeiten wollen, und wir haben Ja gesagt. Daraus wurde eine Dreiecks-Partnerschaft zwischen Morlaix, Réo und Würselen.

Peter Kipping, stellvertretender Vorsitzender der Freundschaftsgesellschaft Würselen-Réo, bei seinem bislang letzten Besuch in Réo. Foto: Peter Kipping/privat

Wie helfen Sie vor Ort?

Kipping: Es gab schon ganz verschiedene Ansätze. Das größte Projekt, an dem wir zusammen mit unseren Freunden aus Morlaix und einer Stiftung aus Monaco gearbeitet haben, ist ein Regenrückhaltebecken. Die Regenzeit beginnt im Juni und dauert meist bis Oktober. Das Wasser fließt auf dem trockenen Boden zu schnell ab, es muss aufgefangen werden. Dabei geht es nicht nur um die Wässerung der Felder und darum, das Vieh zu tränken, sondern um den Wasserspiegel in den Brunnen. Gemeinsam mit Morlaix finanzieren wir zudem Bauern Zäune für ihre Felder, damit herumlaufende Ziegen oder Schweine die Saat nicht wegfressen. Einen Teil der Kosten müssen die Bauern später zurückzahlen, davon finanzieren wir weitere Zäune. Das funktioniert sehr gut.

Auch die Schulbildung wird von Würselen aus unterstützt.

Kipping: Unser Schwerpunkt besteht in Schulpatenschaften. In Burkina Faso gibt es viele Waisen und Halbwaisen. Damit sie in die Schule gehen können, unterstützen wir jährlich mehr als 100 Schüler. Es wird zwar kein Schulgeld verlangt, aber Gebühren, die die Eltern oder Pflegeeltern nicht aufbringen können. An einigen Schulen haben wir zudem kleine Solaranlagen installieren lassen, denn die Stromversorgung bricht oft zusammen. Wir lassen uns die Abrechnungen vorlegen, damit das Geld auch wirklich dem Zweck zukommt, für den es gedacht ist. Vier große Solaranlagen für vier weitere Schulen sind geplant, Brunnen sollen mit solarbetriebenen Pumpen betrieben werden. Sauberes Wasser ist nicht selbstverständlich.

Wie steht es um das Gesundheitssystem?

Kipping: Schlecht. In Réo gibt nur eine leistungsfähige Sanitätsstation. Wer in ein richtiges Krankenhaus will, muss mindestens 60 oder 70 Kilometer zurücklegen. Und selbst das wenige, was an Gesundheitsversorgung da ist, können viele sich nicht leisten. Die Menschen in Burkina Faso müssen mit durchschnittlich zwei Dollar pro Tag auskommen. Wir haben 30 Frauen zu mobilen medizinischen Helferinnen ausbilden lassen. Die Frauen fahren mit Fahrrad, Kittel und einer Tasche mit elementaren medizinischen Artikeln in die verschiedenen Dörfer und leisten medizinische Erstversorgung und Aufklärung, zum Beispiel in Sachen Vorsorge bei Schwangerschaften. Sie werden jährlich fortgebildet. Trotzdem krankt und fehlt es natürlich an allen Ecken und Enden.

Wie finanzieren Sie diese und andere Aktionen?

Kipping: Wir finanzieren uns durch die Beiträge unserer gut 100 Mitglieder und über Spenden. Das Aufkommen der Spenden variiert dabei sehr stark. Dann sind wir noch auf drei Märkten präsent: Beim Würselener Cityfest, das im Mai gewesen wäre, außerdem auf den Weihnachtsmärkten in Bardenberg und an St. Sebastian. Da verkaufen wir Waren aus Afrika. Die Waren kommen von einem Großhändler, der die Menschen vor Ort fair entlohnen. Das garantiert ein Zertifikat.

Wie geht ein Land ohne funktionierendes Gesundheitssystem mit der Bedrohung durch Corona um?

Kipping: Vieles ist gar nicht so anders gelaufen als in Deutschland und Europa. Die Schulen wurden geschlossen, es gilt Maskenpflicht, von 21 bis 4 Uhr wurde ein Ausgehverbot verhängt. Kürzlich haben wir gemeinsam mit dem örtlichen Verein Association Pointoua ein Projekt zur Corona-Pandemie aufgelegt. Für 1800 Euro wurden Seife, Masken und Handschuhe gekauft. Die Artikel werden verteilt und Aufklärungsarbeit geleistet. An die Allerärmsten wurde zudem Hirse verteilt.

1800 Euro in Deutschland sind vermutlich nicht dasselbe wie 1800 Euro in Burkina Faso.

Kipping: Wir haben dafür 3000 Paar Handschuhe, 300 Masken, 1500 Stück feste Seife und noch Flüssigseife bekommen. Für Réos 60.000 Einwohner reicht das natürlich nicht, aber es ist schon was. Die Franzosen haben noch einmal dasselbe eingekauft.

Wie wird die Einführung einer Maskenpflicht in einem Land, das ohnehin schon so viele Probleme hat, aufgenommen?

Kipping: Soweit ich das aus der Distanz mitbekomme, sind die einen sehr aufgeschlossen, andere tragen die Maske nicht immer, die nächsten sagen: Was ein Quatsch, Corona gibt es nicht, wir sehen doch nichts, wir hören doch nichts. Im Grunde also so ähnlich wie bei uns.