Anonymes Schreiben beklagt Arbeitsbedingungen im Würselener Rathaus

Anonymer Brandbrief an die Politik : Arbeitsbedingungen im Würselener Rathaus beklagt

In einem anonymen Schreiben werden die Arbeitsbedingungen im Würselener Rathaus beklagt. Die Politik will sich nun damit beschäftigen. Aber wie ernst muss man den Brief nehmen?

Der Schärfegrad ist beträchtlich. Und die Adressierung lässt keinen Zweifel daran zu, dass die Schärfe auch wahrgenommen werden soll. Auf knapp zwei DIN-A4-Textseiten werden die Arbeitsbedingungen im Würselener Rathaus beklagt. Es geht um „schlechte“ Bezahlung, „nur suggerierte“ Aufstiegschancen und „unmotivierte“ Mitarbeiter, die „ihre Arbeitszeiten mit Krankenschein“ anpassen.

Diese und weitere Vorwürfe gingen vergangene Wochen an die Würselener Ratsfraktionen, auch unserer Zeitung liegt das Schreiben vor. Auf den ersten Blick handelt es sich um einen Brandbrief und Hilferuf. Auf den zweiten Blick stellt sich die Frage, wer oder was dahintersteckt.

Nur „Dienst nach Vorschrift“?

Dem Autor kann man sie nicht stellen, denn er oder sie gibt sich nicht namentlich zu erkennen. Soweit es aus dem Schreiben hervorgeht, war eine Nachfrage aus dem Stadtrat nach dem hohen Krankenstand in der Verwaltung der direkte Anlass. „Nun, egal wie hübsch die Personalabteilung diesen Missstand auch formuliert haben mag, hier ist die ungeschönte Wahrheit“, wird in noch gemäßigtem Ton eingeleitet.

Dann geht es ans Eingemachte. Mitarbeiter würden „gnadenlos aufgerieben“ und mit „leeren Versprechen bei der Stange gehalten“. Viele resignierten und machten nur noch „Dienst nach Vorschrift“, andere verließen das Haus in Richtung anderer Verwaltungen, wo sie höher eingestuft würden. „Keine Jobtickets, nicht mal einen Pausenraum und keine Anerkennung – das ist mit Abstand das Schlimmste!“

Die Zeilen sind unterschrieben mit „viele verärgerte Angestellte & Beamte“, so dass sich über die Urheberschaft trefflich spekulieren lässt. Zweierlei jedenfalls ist auch für Leser ohne sprachforensische Grundausbildung auffällig. Erstens beinhaltet das Schreiben viel Insider-Wissen, so dass es tatsächlich aus der Verwaltung oder von jemandem kommen muss, der ihr nahe steht und entsprechende Einblicke hat. Zweitens sind Ausdruck und Interpunktion recht holprig geraten, was deutlich dagegen spricht, dass wirklich besonders viele Autoren an dem Schreiben mitgewirkt oder es zumindest gegengelesen haben. Dazu passt, dass der Text an zwei Stellen von der ersten Person Plural in die erste Person Singular rutscht – statt „wir“ heißt es plötzlich „ich“.

Keine Zweifel können hingegen daran aufkommen, auf wen das Schreiben gemünzt ist: auf Bürgermeister Arno Nelles (SPD). „Wir wissen, dass die innere Verwaltung dem Bürgermeister obliegt. Da es ihm aber offenbar egal ist“, steht da, trete man nun an den Rat heran.

Nelles muss sich darauf einstellen, dass die Politik das Schreiben in der Tat thematisieren wird. Zwar missfiel allen Ratsvertretern, mit denen unsere Zeitung sprechen konnte, dass der Absender sich nicht zu erkennen gibt. Einfach so im Raume stehen gelassen wird das Thema aber voraussichtlich trotzdem nicht. „Prinzipiell sage ich ja immer, wenn nicht mit offenem Visier gekämpft wird, reagiere ich auch nicht“, sagt Karl-Jürgen Schmitz, Vorsitzender der CDU-Fraktion. Andererseits fühle er sich in vielen Kritikpunkten bestätigt, die seine Fraktion schon seit längerem geäußert habe. „Der extrem hohe Krankenstand ist ein Indiz dafür, dass im Rathaus wirklich etwas nicht stimmt. Ich glaube schon, dass die Sache inhaltlich nicht ohne Hintergrund ist.“ Die CDU werde das Schreiben also in jedem Falle „politisch aufgreifen“.

Ähnlich klingt das beim FDP-Fraktionsvorsitzenden Hans Carduck. Er sei angesichts des Inhalts zwar „etwas im Zwiespalt“, denn weder halte er die Rathausmitarbeiter für schlecht bezahlt noch für durch die Bank überarbeitet. Jedoch bekomme auch er selbst regelmäßig Klagen frustrierter Mitarbeiter zu hören. „Eine gewisse Unzufriedenheit gibt es im Rathaus, und darüber muss gesprochen werden“, so Carduck. Seinem Eindruck nach fehle ein funktionierendes Leistungsprinzip, Engagement werde nicht nachvollziehbar genug belohnt.

UWG-Fraktionsvorsitzender Theo Scherberich sieht eine „hohe Brisanz“ in dem Schreiben. „Und es wird einiges ausgesprochen, was wir schon lange bemängeln“, sagt er, Bezahlung und Organisationsstrukturen müssten sich verbessern. Personelle Dinge seien richtigerweise ein Geschäft der laufenden Verwaltung, müssten also nicht durch den Rat. Er wünsche sich aber mehr Transparenz, beispielsweise in Form von Berichten, die der Politik regelmäßig erstattet werden. „Letztendlich profitiert der Bürger von einer guten Verwaltung, und er leidet unter einer schlechten Verwaltung. Darüber müssen wir alle uns im Klaren sein.“

Dr. Renate Knauf, Vorsitzende der Grünen, liegt das Schreiben bislang nicht vor. „Wir werden uns aber damit auseinandersetzen“, kündigt sie an. Sie würde sich wünschen, dass der Verfasser sich zu erkennen gibt und auf die Grünen zukommt.

SPD-Fraktionsvorsitzender Christoph Küppers indes lehnt es ab, sich zu einem anonymen Schreiben zu äußern. Er stellt lediglich ganz allgemein fest, dass die SPD die Belange der Rathausmitarbeiter ernst nehme und stets in engem Austausch mit dem Personalrat stehe.

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