Baesweiler: Wohnblöcke am Breslauer Weg sollen weg

Baesweiler: Wohnblöcke am Breslauer Weg sollen weg

Viele Namen sind nicht mehr übrig. Einige Klingelschilder sind überklebt, andere abgerissen. Hinter den Fenstern sieht man kaum Gardinen, oft sind da bloß nackte Wände. Doch ein wenig Leben gibt es noch in den fünfstöckigen Wohnhäusern am Breslauer Weg, Hausnummern 2 bis 4. Betonung auf: noch.

Denn die Abrisspläne für die drei Blöcke liegen auf dem Tisch. Von „erheblichen und wirtschaftlich nicht zu beseitigenden Mängeln“, spricht die Vivawest Wohnen GmbH als Eigentümerin dieser Gebäude. Von Traurigkeit und Unsicherheit sprechen die, die noch drin sind.

Reif für den Bagger: Die Wohnblöcke sollen bald weichen. Foto: Stefan Schaum

1965 wurden diese Häuser gebaut, damals wurde noch fleißig Kohle gefördert, der Zuzug in Setterich war groß, der Wohnraum knapp. Luxus war seinerzeit nicht gefragt, keines der Häuser hat einen Aufzug, Wärmedämmung war auch kein Thema. Mittlerweile ist das „Rohrleitungssystem marode und die Elektroinstallation datiert noch aus dem Ursprungsbaujahr“, heißt es auf Anfrage seitens der Vivawest. Komfort sieht sicher anders aus.

Einladend nimmt sich auch das Umfeld der Gebäude nicht aus. Vorn an der Straße steht ein Altkleidercontainer, daneben stapelt sich der wilde Müll. An den Wänden Graffiti, auf den Wegen abgestellte Einkaufswagen aus einem nahen Supermarkt. Doch für die, die dort leben ist das alles nicht zuletzt auch das: ein über die Jahrzehnte hinweg vertraut gewordenes Umfeld.

Frühestens in der zweiten Jahreshälfte ist der Abriss geplant, den die Stadt laut Vivawest „ausdrücklich befürwortet“. Bis dahin sollen die Mieter raus. 21 Wohnungen stehen bereits leer, denn neu vermietet wurde hier schon lang nicht mehr. „Ab dem 2. Obergeschoss sind die Wohnungen nahezu unvermietbar“, so die Begründung von Vivawest. Bleiben aber 15 Mieter übrig.

Das kam unerwartet

Einer davon ist Wolfgang Halfar. Im November lag die Kündigung im Briefkasten, erinnert er sich. Ihn und seine Frau habe das unerwartet getroffen. 1982 kam er aus Schlesien nach Deutschland, fing als Kumpel unter Tage auf der Grube Anna an.

Seit 1983 wohnt der 57-Jährige am Breslauer Weg 4. Erst vor drei Jahren hat er sich eine neue, U-förmige Küchenzeile geleistet, die genau an das Räumchen angepasst wurde. „Hätte ich das früher geahnt mit dem Abriss, hätte ich mir die doch nicht mehr gekauft“, ärgert er sich. Raus will er zwar nicht, aber bis zuletzt warten auch nicht. „Ich habe geschaut, dass ich möglichst schnell etwas Neues finde.“

Sicher: „Vivawest hat mir bereits andere Wohnungen angeboten“. Davon gibt es ja auch einige. „Wir haben in Baesweiler-Setterich-Ost einen weiteren Kernbestand von 354 Wohneinheiten“, heißt es seitens der Gesellschaft, „wir führen derzeit Gespräche mit den Mietern und sondieren geeignete Alternativwohnungen.“ Doch für ihn sei unter den Angeboten nicht das Richtige darunter gewesen, sagt Wolfgang Halfar. Nicht bloß, weil seine Küche nicht passte. „Eine Wohnung im zweiten Stock wollte ich in meinem Alter auch nicht mehr. Wenn ich schon umziehen muss, dann nur nach Parterre.“

Jetzt zahlt er mehr

Er wurde bei einem anderen Vermieter fündig, wohnt dann weiterhin in Setterich-Ost, aber auf weniger Quadratmetern — und zahlt dafür 150 Euro mehr. Er nimmt es in Kauf. „Ist im Grunde beschissen, aber dann kann ich dieses Kapitel wenigstens beenden.“

Was ihn am meisten wurmt: „So schlimm ist das Haus gar nicht. Hier wurde nur lange nichts mehr getan. Hätte man vor zehn Jahren einen Hausmeister installiert, dann könnte es hier ganz anders aussehen.“

So weit, mit dem Haus abzuschließen, ist Uwe Beckers noch nicht. Er wohnt seit 20 Jahren im Gebäude, 1. Etage, ist alleinerziehender Vater zweier Kinder. Man habe da immer mal wieder Gerüchte gehört, dass die Häuser weg sollen, sagt er. Aber so richtig konkret? „War das nie.“ Nun weiß er nicht, wohin. Selbst nach neuen Wohnungen suchen will er jedenfalls nicht. „Wenn die wollen, dass ich ausziehe, dann sollen die mir eine neue Wohnung anbieten!“

Platz für Einfamilienhäuser

Wenn die Bagger ihre Arbeit getan haben, soll das Wohnumfeld deutlich attraktiver werden. Das Grundstück wird nach Abriss an Bauherren veräußert, geplant sind Einfamilienhäuser. Schöner werden — das ist auch Ziel des Projekts „Soziale Stadt Setterich-Nord“, in dessen Fortschreibung (siehe Infobox) die Neuordnung am Breslauer Weg als so genannte „flankierende Maßnahme“ auftaucht.

Die ist nicht erforderlich, um förderungsfähig zu sein, passt aber offenbar ins Gesamtkonzept, das im Bau- und Planungsausschuss vorgestellt und vornehmlich begrüßt wurde. Deutliche Kritik formulierte Lara Basten seitens der Linken. „Aus sozialer Sicht ist es einfach nur unverantwortlich, dass diese Häuser abgerissen werden. Da hängen doch schließlich Existenzen dran!“

Weil das Vivawest-Vorhaben auch in dem von der Aachener Planungsgruppe MWM vorgestellten Gesamtkonzept auftauchte, verweigerte die Linke als einzige Fraktion der Empfehlung an den Rat die Stimme, den Förderantrag zu stellen.

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