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Würselen: Wider den Zeitgeist der schnellen Bilder

Würselen : Wider den Zeitgeist der schnellen Bilder

Die „Tage der Poesie” im Alten Rathaus fanden ihre Fortsetzung mit „Schritte. Lieder von und mit Christoph Birken”.

Mit schon „biblischer Regelmäßigkeit” - alle sieben Jahre - findet sich der gebürtige Würselener Germanist und Poet Christoph Birken, der jetzt in Aachen lebt, mit einem Programm in seiner alten Heimat ein.

Wie sein Mix aus alten und neuen Liedern - demnächst erscheint seine dritte CD auf dem Markt - zeigte, lösen sich bei ihm jedoch nicht sieben fette mit sieben mageren Jahren (der Inspiration) ab.

Seine Poesie von vor 14 Jahren wie seine heutigen Gedanken zeugen von einer Farbigkeit und Tiefe, die sich wider den Zeitgeist der schnellen Medienbilder tapfer zu behaupten wissen.

Gegen diesen Zeit-(Un)geist der verdorbenen Sprache und konformer Haltungen setzt der 36-jährige Birken keine ebenso plakativen Protestparolen, sondern die Kraft sanfter Sprache und nachdenklicher Betroffenheit.

Begleitet von dem musikalischen Multitalent Harald Claßen an Saxophon, Piano und Akkordeon und dabei selbst mit dem Barden-Instrument der Gitarre ausgerüstet, näherte sich Christoph Birken in schöner und sensibler Liedermacher-Tradition dem Politisch-Unerfreulichen ebenso wie den seelischen Befindlichkeiten des sich nicht unterkriegenden Ich in seinem Verhältnis zu Außenwelt und „Du”.

Auch als Mittdreißiger konstatiert Birken für sich jenen Zustand, der im Spezialisten-Zeitalter der schnellen Verfüg- und Verwendbarkeit entgegenstehen kann: „Bin niemals ein gemachter Mann, kein Verein wird mich bewachen.

Ich misstraue jedem Zwang. Jedoch - ich bin der Narr, doch nicht der Tor.” Es geht ihm nach wie vor um die Kunst, „Kind zu bleiben und doch zu reifen”.

Ein anderes Lied heißt „Umwege” und schlägt einen ähnlichen Ton an: Es verteidigt einen krummen Lebenslauf gegen programmierte „Mittelmäßigkeit” und die äußerliche Glattheit des roten Fadens.

„Im Leben ist nichts überdacht”, konstatiert Birken und gesteht sich (und den Menschen) zu: „Ich hab noch vieles falsch zu machen. Denn allzu oft bin ich im Planquadrat gegangen.”

Die nur scheinbar cleane Perfektion und Computer- und Internet-Welt nimmt Christoph Birken in seinem Song „Wir brauchen Links” aufs Korn.

Ob es um boomende Singlebörsen und Porno-Industrie im „Netz” oder die Verbreitung radikaler Botschaften im hochgelobten Zeitalter der Globalisierung geht, der bittere Befund Birkens über diese schöne neue Welt lautet: „Wir öffnen neue Fenster - und glauben wieder an Gespenster”.

Doch auch die - durch Sprechblasen „angereicherten” - Bilder der Fernsehwelt mehren den Kummer des Poeten. Er kritisiert die „Märchenonkel für Idioten” - Entertainer und Politiker - und fragt: „Wie lang werden wir noch über Leichen gehen?”

Melancholie und Ironie lösen sich bei Birken in „reine Poesie” auf, wenn er die Liebe besingt. Das kann er, wie bei diesem schönen Gedicht: „Du öffnest längst verschlossene Türen, Du warnest mich vor List und Tücken, wenn ich nicht mehr weiter weiß, baust Du mir neue Brücken...”