Kerkrade: Weinlese im Dreiländereck: Kloster Rolduc erwartet die Rekordernte

Kerkrade: Weinlese im Dreiländereck: Kloster Rolduc erwartet die Rekordernte

Nach getaner Arbeit hat man sich ein Gläschen Wein verdient, findet Sjra Coenen. Auch wenn der Tag noch jung ist — wenn man ehrlich ist — so richtig viel Arbeit auch gar nicht anstand. Ein bisschen trockene Beeren rauszupfen, mal eben den Rasen mähen. Und das hat ja schon der Vereinsvorsitzende erledigt.

Aber was will man machen. Eine Woche vor der Weinlese kann man im Grunde nur noch eines: abwarten. Und das tun der 79-jährige Sjra Coenen und seine Vereinskollegen von der Catharinagilde Kerkrade nun ausgiebig.

Wie jeden Montagvormittag zwischen Karneval und der Ernte im Oktober sind sie hier, pflegen die Rebstöcke und vor allem: die Geselligkeit. Die rund zwei Dutzend Rentner und der eine noch-Berufstätige holen dann die Stühle aus dem Häuschen im hinteren Teil des Weingartens und nehmen in zwei gegenüberliegenden Reihen Platz. Die Sonne scheint auf zufrieden dreinblickende Gesichter. „Auf die Gesundheit!“ prosten sich die Hobby-Winzer zu, die kleinen Gläschen klirren.

Nach jahrhundertelanger Pause

Seit 2013 wächst auf Rolduc wieder Wein, nach jahrhundertelanger Pause. „Das wird eine Rekordernte“, weiß Coenen jetzt schon. Nun könnte man einwenden, dass solche Superlative in Anbetracht von erst zwei Ernten zu relativieren wären. Aber Coenen blickt über die Klostermauern hinaus und vergleicht die Ernte mit der auf dem Hügel etwa hundert Meter weiter. Dort unterhält sein Verein bereits seit 1999 ebenfalls eine Fläche mit Wein. Ein bisschen kennt Coenen sich also aus.

Und so erwartet er in diesem Jahr 900 Kilogramm Trauben mit 85 Grad Oechsle. Ein Kilo benötigt man für einen Liter Wein. Im vergangenen Jahr waren es an die 500 Flaschen. Bei der Frage nach seinem beruflichen Hintergrund vor dem Renteneintritt oder seiner Expertise verweist Coenen auf das „eine oder andere“ Weinseminar, das er besucht hat. Eine Verkostung, fügt er dann augenzwinkernd an. Wie die meisten in dieser Runde war er früher Lehrer, nur einer in der Runde hat als „Baumdoktor“ gearbeitet und somit eine Nähe zum Gärtnern.

Die Gläser sind leer, es wird nachgeschenkt. „Prost!“ Getrunken wird entweder der hellrote, eigene Abteiwein oder Weißwein aus Mayschoß. Ein bisschen geschummelt ist das schon.

Zu Recht darf der Gildenvorsitzende Wiel Hakens, der eben noch auf dem Aufsitzrasenmäher saß, an der Stelle aber den Zeigefinger heben und anmerken, dass es von Mayschoß nach Rolduc historisch und weinanbautechnisch nur ein Katzensprung ist. Denn: Graf Adalbert von Saffenberg (Graf von Saffenberg und Nörvenich), Herrscher auf Burg Rode und Vogt der Abtei Klosterrath (also Rolduc), hatte seinen Stammsitz in Mayschoß im Ahrtal.

Coenen und Hakens gehen davon aus, dass bis zur kleinen Eiszeit Anfang des 19. Jahrhunderts Wein auf Rolduc angebaut wurde. 1815 hatte es im heutigen Indonesien einen Vulkanausbruch gegeben, der als Ursache für eine kurze Kälteperiode in Europa angesehen wird. „Ein halbes Jahr hat Europa überhaupt keine Sonne gesehen“, erklärt Hakens, was zu verheerenden Ernteausfällen und Hunger geführt habe.

Hakens, 73, ist mit dem Weinanbau an seine alte Wirkungsstätte zurückgekehrt. Auf Rolduc hatte er an der ehemaligen weiterführenden Schule einst Biologie und Sport gelehrt. Er geht durch die Rebstockreihen. Der Boden sei zwar sehr fett, aber mit Kies versetzt, so dass die Regent-Traube hier gut gedeihen könne. Diese Sorte ist noch relativ jung und in Rheinhessen sowie der Pfalz weit verbreitet. Sie entstand 1967 als Kreuzung zwischen Diana und Chambourcin.

Die Verarbeitung der Beeren erfolgt aber nicht auf der Klosteranlage, sondern bei einem Winzer in der Nähe von Maastricht. Hier wird der Wein auch abgefüllt und kehrt dann — ausschließlich — ins Restaurant von Rolduc und den Verkauf an der Rezeption zurück. In diesem Jahr soll es ein Rosé werden. „Etwas ambitioniert“ findet Hakens das, aber nun gut.

Kräutergarten mit Teich

Der Wein ist nicht das einzige, was den Weg vom Garten auf den Tisch des Restaurants im Haupthaus findet. Vor ein paar Jahren hat die Gemeinde Kerkrade die Historie der dreigeteilten, terrassenförmigen Anlage untersuchen lassen. Im Anschluss hat ein Umwandlungsprozess begonnen, der noch nicht abgeschlossen ist und unter anderem eine Renaissance des Gemüse- und Kräutergartens auf der mittleren Terrasse mit sich brachte.

Über den Wandel informiert die Assistentin der Hotelleitung, Marianne Habets, die, wie es der Zufall will, eine ehemalige Schülerin von Hakens ist: „Wir gehen davon aus, dass der Haupteingang früher auf der anderen Seite lag.“ Also durch den Garten führte. Schon auf einer Karte aus dem Jahr 1865 könne man die Dreiteilung erkennen, was angepflanzt wurde, wisse man aber leider nicht.

So sieht es derzeit aus: An der einen Kurzseite des Weingartens befindet sich ein kleines, für die Öffentlichkeit unzugängliches Refugium — ein Kräutergarten mit Teich. Auf der anderen Seite wird er durch einen kleinen Friedhof begrenzt. Auf der nächsthöheren Stufe ist überwiegend Rasen gesät, der von zwei sternförmigen Blumenbeeten und geschwungenen Wegen durchbrochen wird. Ein Teil davon war einst ein Tennisplatz. Neben dem Friedhof stehen heute ein paar Gemüsebeete, in denen Salat, Bohnen und Erdbeeren wachsen.

Als Längsachse zwischen zwei Toren und Trennung zum Lustgarten direkt am Haus verläuft eine weitere Stufe höher ein Asphaltweg mit Kastanienallee. Die soll durch Linden ersetzt werden — nicht zuletzt wegen des weit verbreiteten Krankheitsbefalls, der auch die Blätter dieser Bäume austrocknet. Außerdem sollen die Pflasterflächen Rasen weichen, allerdings dann ohne Buchsbaum-Einfassung. Denn auch hier sind Schädlinge am Werk.

Auf den einzelnen symmetrischen Flächen stehen Skulpturen afrikanischer Provenienz, die ein Verein zu Gunsten von Schulen in Simbabwe verkauft. Die sollen bleiben, auch im weiteren Umgestaltungsprozess, der noch in diesem Jahr fortschreiten soll. Davon bleibt der Weingarten unberührt. Nach der Lese hält der Garten Winterschlaf.