Wasserweg Wurm in Herzogenrath/Kerkrade steht vor der Eröffnung

Serie „Der Heimat auf der Spur“ (Teil 2) : Grenzüberschreitender Wasserweg Wurm steht vor der Eröffnung

„Kiri“ ist das Symboltier des grenzüberschreitenden „Wasserwegs Wurm“, den die Naturfreunde initiiert haben – und der am kommenden Sonntag eröffnet wird. In der Serie „Der Heimat auf der Spur“ stellen wir Orte im Nordkreis vor, die es sich lohnt, zu entdecken. Der neue Wasserweg gehört zweifelsohne dazu.

Kennen Sie Kiri, den Eisvogel? Noch nicht? Kein Problem, denn Kiri lädt in Bälde Naturliebhaber, Wanderfreunde und alle, die mehr über ihre Heimat erfahren wollen, ein, sein Revier zu entdecken: die Wurmauen zwischen Worm und Haanrade, das „reinste Paradies“ für den spitzschnäbeligen Vogel mit dem auffälligen türkis-orangefarbenen Gefieder.

Da, wo die Wurm in weiten Bögen, „mal schnell, mal langsam“ fließt, es „kleine Wasserfälle und seichte Buchten, Kiesinseln und sumpfige Auen“ gibt, hat er eine Heimat gefunden, wie er den Besuchern berichtet: „Bei Hochwasser wird alles überschwemmt, dann stürzen auch mal die alten Bäume – Weiden, Pappeln – um. Aber irgendwo wachsen wieder neue Bäume und Sträucher. Die Menschen kümmern sich nicht darum. Deshalb ist es so schön hier!“ Nachzulesen ist das alles auf den Infotafeln, die den neuen Wasserweg Wurm (WWW) bestücken.

Insgesamt 13 an der Zahl, grenzüberschreitend über 5,4 Kilometer hinweg aufgestellt im Zuge des landesweiten Projekts „Wasserwege“ der Naturfreunde NRW. Mit interaktiven Wanderwegen an Gewässern soll die Bevölkerung für die Schönheiten der Natur auch im Sinne des Umweltschutzes sensibilisiert und begeistert werden.

Die Ortsgruppe Herzogenrath-Merkstein hat sich diesem Vorhaben gerne angeschlossen. „Der WWW ist sicher das größte und arbeitsintensivste Projekt, das wir in den vergangenen Jahren auf die Beine gestellt haben“, sagt der Vorsitzende der Naturfreunde Herzogenrath-Merkstein, Bruno Barth. Und da die mäandernde Wurm die Landesgrenze zu den Niederlanden markiert, ist ein binationaler Rundweg entstanden, der gleichzeitig als Projekt im Sinne des Herzogenrath-Kerkrader Zweckverbandes Eurode gelten kann.

Die Infotexte sind in niederländischer und deutscher Sprache formuliert, in enger Zusammenarbeit mit Mitgliedern des Kerkrader Naturschutzverbands „IVN Ubach over Worms“, wie Heidy Bloi im Gespräch darlegt, die durch ihre Mitgliedschaft in beiden Verbänden eine „Klammer“ zwischen IVN und den Naturfreunden bildet.

Dargestellt wird nicht nur die Wurmaue als wertvolles Ökosystem, sondern auch Details zur Kultur- und Industriegeschichte der beiden Schwesterstädte. So erzählt „Kiri“ dem geneigten Wanderer an einem der Teiche, der heute noch „Flaschenweiher“ heißt, von der Nievelsteiner Flaschenfabrik, die hier einst gestanden hat – begünstigt durch den Quarzsandabbau hinter der nahen Bahnstrecke.

Von 1860 bis 1877 wurden hier Flachglas und Flaschen hergestellt, dann wurde das Werk wegen mangelnden Absatzes geschlossen. In den 1920er Jahren dienten die verfallenen Bauten als Notunterkunft für aus den Niederlanden abgeschobene deutsche Familien. Zeitungen berichteten damals von großer Not in „höhlenartigen Wohnungen“. 1967 wurden die Ruinen abgerissen, heute kann sich kaum noch einer an sie erinnern.

Wirklich niemals in Vergessenheit geraten sollte indes, was sich auf Höhe des Eygelshovener Wolfswegs während des Nazi-Regimes abspielte. Die Hebamme Anna Nöhlen, die in Nievelstein inmitten von geschlossenen Mühlen und Fabriken lebte, versteckte jüdische Flüchtlinge vor den Nazischergen in ihrer Wohnung.

Bei günstiger Gelegenheit führte sie sie über die Wurm, wie Dr. Hans-Joachim Helbig in einem Aufsatz für „Kerkrade Onderweg“, Band 21, einer Publikation des „Historische Kring Kerkrade“, ausführt. Nöhlen wurde Ende 1939 verraten, inhaftiert und am 4. April 1942 schließlich in Bernburg unweit des KZ Ravensbrück ermordet. Die Ansiedlung Nievelstein gibt es heute nicht mehr, wohl aber eine Brücke über die Wurm, die den Namen einer ihrer mutigsten Einwohnerinnen trägt.

„Wie gut, dass wir heute ein Europa ohne Grenzen haben“, sagt Heidy Bloi, deren Anliegen es ist, nachhaltige Kontakte über die Grenzen hinweg zu knüpfen. Mit dem binationalen Wasserweg haben die Naturfreunde einen weiteren wichtigen Baustein für das Haus Europa gesetzt.

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