Was uns die Namen von Wegen und Straßen über unsere Heimat verraten

Lokale Experten im Nordkreis berichten : Jede Straße erzählt eine Geschichte

Wer neu in eine der vier Nordkreis-Kommunen kommt, der wird sich bei so manchem Straßennamen verdutzt die Augen reiben. Begriffe wie „Roskaul”, „Kaninsberg”, „Bockreiterstraße” oder „Maria-Hauptschacht” finden sich auf heimischer Beschilderung wieder.

„Alteingesessene” haben die Namen verinnerlicht, es ist ein Stück Heimat, zahllose Male geschrieben auf Briefköpfen und gelesen auf Straßenkarten. Dennoch lohnt sich ein Blick in die Geschichte dieser Straßennamen.

Von der Antike bis in die industrielle Neuzeit hat die Geschichte auf den schlichten Metallschildern ihren Stempel hinterlassen. Zusammen mit lokalen Experten aus der Heimatforschung stellen wir zum Auftakt dieser Reihe eine Auswahl dieser „Fundstücke” vor. Natürlich ranken sich auch Mythen und Legenden, die getrost dem Reich der Fantasie zugeordnet werden können, um den ein oder anderen Namen.

Wer von Haaren kommend in Richtung Würselen unterwegs ist, für den bleibt der „Kaninsberg” am Rande der Düvelstadt nicht unbemerkt. Die Ähnlichkeit des Wortstammes zum „Kaninchen” ist allerdings ein Trugschluss, wie Günter Breuer von der Geschichtswerkstatt Würselen erklärt. Vielmehr rührt die ungewöhnliche Bezeichnung her vom Begriff „König”. Der kleine Berg auf der Stadtgrenze lag auf einem sogenannten „Krönungsweg”, der Frankfurt (Ort der Königswahl) und Aachen (Krönung in der Königspfalz) verband. Die Geschichte der „Aachen-Frankfurter Heerstraße” (via regia) ist also verantwortlich für die Namensgebung.

Nach dem SPD-Politiker Kurt Koblitz wurde die B57 im Stadtgebiet von Alsdorf benannt. Foto: ZVA-Zentralarchiv

Salmanusstraße und -hof verdanken ihre Betitlung dagegen ganz logisch dem heiligen Salmanus, der als Einsiedler und Missionar im 7. Jahrhundert im heutigen Würselener Stadtteil Dobach lebte. Sein Grab wurde zu einer Wallfahrtsstätte, unter anderem besonders für Menschen mit Leiden an der Lunge und den Atemwegen. Eine Kapelle nahe der Salmanusstraße wurde 1818 abgerissen, ein Wegkreuz markiert heute die Stelle.

Das bis heute eher ländlich geprägte Areal um Dobach, Dommerswinkel und dem westlichen Broichweiden warten passenderweise mit einigen „Feldchen” auf. Ob „Mauerfeldchen”, „Kapellenfeldchen” oder „Helleter Feldchen” – auffallend ist die Verkleinerungsform, die es bis in die moderne Namensgebung geschafft hat. Während das Kapellenfeldchen auf die bereits genannte Salmanus-Kapelle hinweist, erinnert das Mauerfeldchen an archäologische Funde von Hausbauten aus der Römerzeit. Das Helleter Feldchen am Rande des ehemals längsten Straßendorfs Europas, Broichweiden, entspringt dem Würselener platt. „Hell” kann frei mit „verborgen” oder „abgelegen” übersetzt werden. Erst im 20. Jahrhundert wurden die Gebiete hinter der westlichen Häuserlinie der Weidener Hauptstraße städtebaulich erschlossen.

Reminiszenz an Familie Rey

In Baesweiler stößt man auf zwei besonders ausgefallene Namen, die ebenfalls eine spannende Geschichte erzählen. Die heutige Architektur des Reyplatzes im Zentrum der Löwenstadt erinnert nur noch in geringster Form an das Gehöft der Familie Rey. Dieses war im 19. Jahrhundert durch Heirat in den Besitz der von Altmerberen (Hofanlage in der Feldflur an der südlichen Stadtgrenze) stammenden Familie gekommen.

Bis 1954 stand das während des Zweiten Weltkriegs massiv beschädigte Gebäude. Die Familienerben veräußerten die Hoffläche an die Gemeinde, die einen Platz anlegte. Als Reminiszenz an die früheren Grundbesitzer wurde der Name „Reyplatz” gewählt. Die Kreuzanlage auf dem Gelände ließ Regina Rey 1930 errichten. Seine jetzige Gestalt als beliebter Aufenthalts- und Veranstaltungsort erhielt der Reyplatz durch seinen Umbau Anfang der 2000er-Jahre.

Fußläufig erreichbar ist von dieser Position aus die „Roskaul”. Hilger I. Schäfer, seit 79 Jahren Baesweiler durch und durch, hat in seinem Werk „Baesweiler von A bis Z” allerhand Wissenswertes zusammengetragen. Das als Nachschlagewerk aufgebaute Buch hat zu besagter Straße einen wahren Fundus an Informationen parat.

Der Steigerweg erinnert an den Steinkohlenbergbau in Alsdorf. Foto: Yannick Longerich

Eine von zwei Theorien besagt, dass der Name eine „Royßkuhle, wodurch das Wasser abfließt”, beschreibt. Er könnte von der Aufbereitung von Flachspflanzen in offenen Wassergruben – der Flachsröste oder -rotte – hergeleitet sein. Die plattdeutsche Bezeichnung „Rueskull” deutet ebenfalls darauf hin. Die zweite Theorie beschreibt die „Sage von der Roskaul”. Als eine Pestepidemie im späten Mittelalter die Anwohner der Senke komplett auslöschte und die Witterung die Gebäude binnen weniger Jahre abtrug, überwucherten Sträucher und Heckenrosen die Wüstung. Zur Blütezeit bot sich ein malerisch schönes Bild, weswegen die neuen Anwohner sie „Rosenkuhle” nannten.

In Herzogenrath ist die Nähe und Verbundenheit zur niederländischen Stadt Kerkrade ausschlaggebend für viele Überschneidungen. Zwar ist die Neustraße (Nieuwstraat) auf Höhe des Stadtteils Straß namenstechnisch kein Einzelfall. Die 800 Jahre lange Geschichte der Grenzstraße ist es aber umso mehr. Nachdem Herzogenrath (Bedeutung etwa „Die Rodung des Herzogs”) und die Burg Rode erstmals 1104 urkundlich erwähnt worden waren, wurde auf dem Gebiet der „Rodung” mit dem Bau einer Kirche ein zweites Stadtzentrum errichtet. Diese „Kirche auf der Rodung” ist der Ursprung des heutigen Kerkrade.

Der Einsiedler und Missionar Salmanus ist noch heute in Würselen in guter Erinnerung. Foto: Yannick Longerich

Eine unbefestigte Straße existierte zwischen den beiden Orten bereits seit Jahrhunderten, ehe 1760 das regionale Straßennetz auf Weisung der Abtei Rolduc großflächig ausgebaut und gepflastert wurde. Dies diente zum besseren Transport der abgebauten Steinkohle nach Aachen. Eine Siedlung zwischen den beiden Städten wurde entsprechend der Handelsstraße Straß genannt. Die neu ausgebaute Straße, die den Ort trennte, erhielt den Namen Neustraße. Sie wurde unter dem neuen Namen 1783 eingeweiht.

In Folge des Wiener Kongresses 1814 bis 1815 vereinbarten der preußische König Friedrich Wilhelm III. und der niederländische König Wilhelm der I. den neuen Grenzverlauf auf der Neustraße. Es begann die Zeit der Grenzanlagen, die den älteren Mitbürgern noch unter dem Begriff „Schmugglerzentrum” ein Begriff sein sollte. 1991 beschlossen Herzogenrath und Kerkrade, sich im Verbund Eurode als erste europäische Modellgemeinde zusammenzuschließen.

Die Neustraße wurde als „erste europäische Straße“ deklariert und ein Abriss der Mauer auf dem Mittelstreifen als dringlichste Aufgabe gewertet. 1993 wurden sie entfernt und ein gemeinsamer Umbau der Neustraße begonnen. Catharina Scholtens, unter anderem Vorstandsmitglied des Kuratoriums Burg Rode und Chefin der Stichting Eurode 2000+, stand unserer Zeitung als Expertin zur Verfügung.

Die Neustraße steht für die „Verbindung“ von Herzogenrath mit Kerkrade. Foto: Yannick Longerich

Im Juni 1978 wurde weiter nördlich im Stadtgebiet das Teilstück zwischen Gertrudis-, Saarstraße und dem entsprechenden Erschließungsgebiet in „Bockreiterstraße” umbenannt. Die „schwarzen Gesellen” waren unter dem Namen „Bockreiter” im 18. Jahrhundert auf Beutezug in der Region. Die Verarmung nach dem 30-jährigen Krieg sorgte für eine regen Zustrom bei den Gesetzlosen, die dem Volksglauben nach rücklings auf Böcken und vermummt durch die Lüfte ritten. Das Beutegut wurde unter anderem an die notleidende Bevölkerung verteilt.

Die Herzogenrather Bevölkerung wird seit dieser Zeit mit dem Namen der damaligen Gesellen identifiziert. Manchmal wird die Stadt auch mit dem Begriff „Bockreiterstadt“ umschrieben. Eine Karnevalsgesellschaft nennt sich seit Jahren mit Stolz „De Bockrijjer“. Ebenfalls existiert auch ein Campingclub, der sich „Die Bockreiter“ nennt.

Kurt Koblitz dürfte vielen Nordkreis‘lern vor allem als Namenspatron der gleichnamigen Ringstraße (B57) von Alsdorf bis nach Baesweiler bekannt sein. Der aus Niederschlesien stammende SPD-Politiker lebte nach Kriegseinsatz, politischer Arbeit in der sowjetischen Besatzungszone, Verhaftung und Verurteilung zur Zwangsarbeit seit 1955 in Alsdorf. Ab 1972 war er für die Sozialdemokraten im Bundestag. Seine zweite Legislaturperiode konnte er aufgrund seines plötzlichen Todes nicht mehr beenden.

Bergbau und Bundespolitik

Die SPD im Kreis Aachen verleiht zu seinem Gedenken jährlich die Kurt-Koblitz-Medaille an Personen, die sich im sozialen Bereich im Kreis Aachen überdurchschnittlich engagieren.

Natürlich ist die zurückliegende Bergbaugeschichte ebenfalls fest in der Alsdorfer Nomenklatur verankert. Beispiele hierfür sind mannigfaltig.

Neben dem selbsterklärenden Namen „Zum Maria-Hauptschacht” (Grube Maria im Stadtteil Mariadorf) nennt Rudolf Bast, Ehrenvorsitzender des Alsdorfer Geschichtsvereins, allen voran den „Steigerweg” auf dem ehemaligen Zechengelände der Gruben Anna I und Anna II. Dieser Dienstweg des Steigers (Vorgesetzter eines Bergmännergruppe von 50 bis 100 Mann) war jahrzehntelang ein wichtiger Bestandteil der Arbeit im Bergbau.

Heimatgeschichte erzählt der Tischelkauler Weg in unmittelbarer Nachbarschaft zur Alsdorfer Burg. Die Lehmvorkommen an dieser Stelle speisten eine kleine Ziegelbrennerei namens „Tischelkaule”. Im ausgehenden 19. Jahrhundert war der Betrieb aktiv, bis heute erinnert das kleine Verbindungsstück zwischen Burgstraße und Oidtweilerweg an das Unternehmen.