Würselen: Vortrag: Veränderungen in der Bestattungskultur dargelegt

Würselen: Vortrag: Veränderungen in der Bestattungskultur dargelegt

„Taugen unsere Friedhöfe für die Zukunft? Dieser Frage ging Professor Dr. Reiner Sörries bei einer Infoveranstaltung nach, zu der die Würselener Kirchen und Religionsgemeinschaften ins Alte Rathaus geladen hatten.

In seine fachkundige Analyse stimmten Bilder von der Einweihung des Ehrenfriedhofs St. Sebastian ein. Dr. Bruno Weyers, Geschäftsführer des Heimat- und Geschichtsvereins Euchen, zitierte dazu den damaligen Bürgermeister Wilhelm Gülpen: „Das Volk, das seine Toten nicht ehrt, hat das Recht verwirkt, sich ein Volk zu nennen.“ Dass sich die Menschen einst nicht gerne mit dem Tod beschäftigten, bestätigte der Experte, aber: „Sterben und Tod werden heute nicht mehr so tabuisiert wie noch vor Jahrzehnten.“ Die Mentalität habe sich geändert, es werde mehr über den Tod gesprochen. Sörries, Direktor des Museums und Zentralinstituts für Sepulkralkultur in Kassel und Herausgeber zahlreicher Schriften und Bücher, erinnerte daran, dass 1985 in Aachen das erste Hospiz Deutschlands eröffnet worden sei. Und wenige Jahre später die erste Urnen-Bestattungskirche, nämlich St. Josef.

Dass jeder Tote ein eigenes Grab habe, sei seit gerade einmal 200 Jahre der Fall, gab der Professor der Universität Erlangen-Nürnberg zu bedenken. Doch anstelle von Reihengräbern seien in jüngster Zeit verdichtete Grabfelder getreten — Urnen brauchten weniger Platz als Särge. Kritikern dieses „Verfalls“ der Begräbnis- und Trauerkultur setzte Sörries entgegen: „Die Angehörigen sind auch heute den Verstorbenen verbunden.“ Jedoch würden andere Erwartungen an ein Grab gestellt. Die Zahl der Feuerbestattungen habe sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten verdoppelt, bundesweit auf 66 Prozent. Angehörige treibe die Sorge um, dass sie ein Grab nicht pflegen könnten. Deshalb entschieden sie sich über den ökonomischen Aspekt hinaus, dass eine solche Bestattung kostengünstiger sei, für ein Grabfeld, das keine individuelle Pflege brauche.

„Ein Wandel, der Friedhofsverwaltungen in finanzielle Schwierigkeiten bringe. Sörries: „Auch heute suchen die Menschen nach Orten der Trauer und Erinnerungen.“ Doch möchten sie selbst entscheiden, wie sie trauern wollten. Die Aschenstreuwiese, eine von vielen Alternativen und Erbe der ehemaligen DDR, nehme nur wenig Fläche in Anspruch. Sozialistisches Gedankengut sei in Urnen-Gemeinschaftsanlagen eingeflossen. Sollte doch eine Bestattung die Hinterbliebenen nicht be-, sondern entlasten.

Trotz mahnender Worte von Bischöfen werde die Bestattung in freier Natur akzeptiert. „Auch von gläubigen Christen sind Friedgräber angenommen worden.“ An die Stelle des Familiengrabes sei oft ein Freundschaftsbaum getreten. Seit 2001 habe sich diese Idee aus England und der Schweiz auch in Deutschland durchgesetzt. Mittlerweile böten auch Kommunen auf ihren Friedhöfen Baumbestattungen an. Uniformität auf dem Friedhof sei nicht mehr zeitgemäß, die Menschen suchten im Trauerfall „größtmögliche Freiheit“. Wichtig sei aber, welche Bestattungsform zum Verstorbenen passe.

(ehg)