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Herzogenrath: Vetrotex: Unsichere Zukunft nach den Entlassungen

Herzogenrath : Vetrotex: Unsichere Zukunft nach den Entlassungen

Der globalisierte Markt hat wieder zugeschlagen: Der Herzogenrather Glasfaserhersteller Vetrotex hat 90 Stellen streichen müssen.

70 Beschäftigte stehen auf der Straße und werden von einer Transferagentur betreut, zehn wurden in Schwesterfirmen vermittelt und weitere zehn nutzen den Vorruhestand. Im Oktober wurde der Sozialplan erstellt und jetzt im weihnachtlichen Dezember müssen die ersten Beschäftigten den Hut nehmen. Bis Juni wird sich der Exodus hinziehen. 380 werden weiter arbeiten können. Fragt sich bloß: wie lange noch?

Die asiatische Konkurrenz macht der Saint-Gobain-Tochter zu schaffen. Vor allem China, das Kanzler Schröder gerade mit einer hochrangigen Wirtschaftsdelegation besucht hat. „Die verkaufen zu Preisen, zu denen wir nicht herstellen können”, stellt Wolfgang Rüland, seit acht Jahren Betriebsratsvorsitzender bei Vetrotex, bitter fest.

Die Hoffnung stirbt bekanntlich immer zuletzt. Also will auch Rüland sie nicht aufgeben. „Ein bisschen Licht ist ja zu sehen”, sagt er mit Blick auf die Konjunkturentwicklung. „Wir sind eigentlich optimistisch.”

Eigentlich - denn da gibt es noch ein Problem: Die derzeit benutzte Schmelzwanne, in der unter enormen Temperaturen aus Sand Glas entsteht, muss über kurz oder lang einer Sanierung unterzogen werden. Und das dürfte teuer werden, schließlich kann in der Zeit nicht produziert werden.

Wird man in der Pariser Konzernzentrale grünes Licht geben? Oder wird man kurzerhand, wie gerade im Philips-Bildröhrenwerk in Aachen geschehen, den Daumen nach unten drehen und schließen?

Herzogenraths Kämmerer Helmut Jahn mag gar nicht daran denken! „Wenn Vetrotex ganz wegfallen würde, würde uns das schon weh tun.” Nicht nur wegen der wegbrechenden Gewerbesteuern. Diesbezüglich sieht es ohnehin nicht rosig aus. So macht sich das Fehlen von Einnahmen jetzt schon sehr bemerkbar, etwa durch die Situation bei den Kohlscheider Niederlassungen von Ericsson und Aixtron.

Aber Jahn verweist jedoch noch auf etwas anderes. Als vor Jahren die Kläranlagen in Worm erweitert wurden, geschah das in erster Linie der Glasindustrie wegen. Wenn nicht mehr soviel Wasser gebraucht werden sollte, werde es auch für den Bürger zu einer Erhöhung der Abwassergebühren „in sicher beachtlicher Größenordnung” kommen.

Es wird eng

So oder so: Für Herzogenrath wird es eng. Viele der von der Philips-Schließung Betroffenen wohnen im Stadtgebiet. Also rechnet Jahn mit einer Steigerung der Sozialausgaben. Und ganz egal, was bei der Gemeindesteuerreform herauskomme, es werde nicht so viel sein, dass das strukturelle Defizit von sechs Millionen Euro ausgeglichen werden könne. Mit anderen Worten: Das Damoklesschwert „Haushaltssicherungskonzept” schwebt heute schon bedrohlich tief über der Stadt und dürfte im Jahre 2005 vollends Realität werden.

Da ist es dann doch tröstlich, dass es noch Erfreuliches gibt. Beim - mittelbaren - Autozulieferer Saint-Gobain Glass kann nicht einmal von Kurzarbeit die Rede sein. Die Auftragsbücher sind voll. Schließlich sind deutsche Autos im Ausland derzeit überaus gefragt. So rettet in den USA der „Cayenne” die Porsche-Bilanz. Der Export blühe, bestätigt denn auch der Werksleiter, Dipl.-Ing. Thomas Schuster. Und er erinnert daran, dass Volkswagen, ein wichtiger Kunde von Saint-Gobain Glass, unlängst die Samstagsschicht wieder eingeführt hat.