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Nordkreis: Verständigung geht auch durch den Magen

Nordkreis : Verständigung geht auch durch den Magen

„Manche meiner Landsleute haben gar keine Hoffnung mehr.” Zu lange schon währt aus Sicht von Sibel Kurt das Ringen um einen möglichen EU-Beitritt der Türkei. Die hitzig geführte Diskussion darum beschäftigt auch die Menschen im Nordkreis.

Die 31-Jährige kennt ein sehr deutsches Sprichwort: „Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht.” Damit meint sie zwar die türkischen Waren in ihrem Feinkostgeschäft an der Krefelder Straße in Würselen, die nicht alle auch von deutschen Kunden gern goutiert werden. Doch passt es irgendwie auch auf das zähe Fortkommen der Beitrittsverhandlungen.

„Da ist viel Unwissenheit dabei”, bedauert Sibel Kurt die Mauer aus Unkenntnis und Vorurteilen, die viele EU-Politiker derzeit als fadenscheinigen Schutzwall gegen die Türkei errichtet hätten. Dabei sind viele Türken längst in Europa angekommen, haben sich eine Existenz aufgebaut und sind lebendes Beispiel dafür, dass der Grenzgang zwischen den Kulturen gut machbar ist.

Ein Erlebnis

Fladenbrote, Schafskäse und eingelegte Oliven kaufen auch die deutschen Kunden gern bei Sibel Kurt und lassen sich Tipps zur Zubereitung geben. Das Einkaufen in einem türkischen Lebensmittelgeschäft kann durchaus ein Erlebnis sein. Riesige Weißkohlköpfe gibt es dort, die gut und gerne acht Kilo auf die Waage bringen. Die machen auch Großfamilien satt. Meist werden sie mit Salz, Essig und Wasser eingelegt.

Auch sonst fallen die Mengen recht üppig aus. Reis wird in Fünf-Kilo-Säcken angeboten, Mini-Mengen in Kochbeuteln sucht man in einem türkischen Lebensmittelgeschäft vergebens. Dafür bleibt der Blick an der langen Reihe von Gewürzen hängen, die schon allein durch ihre kräftige Farbenpracht beeindrucken und exotische Düfte verströmen.

Solch einen Besuch im Lebensmittelgeschäft genießen deutsche Kunden vor allem nach einem Türkeiurlaub gern. „Das erinnert sie noch mal ein wenig an die Reise”, Berber Yücel kennt das. Der 33-Jährige betreibt ein Lebensmittelgeschäft an der Broicher Straße in Alsdorf. Er hat einen deutschen Pass und fühlt sich auch mehr als Deutscher, denn als Türke. In die Türkei zieht es ihn eher selten, bloß jedes zweite Jahr macht er dort Urlaub.

Er denkt nicht, dass ein Beitritt der Türkei das Tor aufstößt für die von manchem Politiker befürchteten Massen von Einwanderern. „Die Türkei entwickelt sich doch ganz prächtig. Wenn es ihr gut geht, warum sollten dann die Menschen nach Deutschland kommen?”

Üppige Portionen

Auch in seinem Laden sind die Portionen üppig, wird der Tee in riesigen Tüten angeboten. Rasch aufgebraucht ist er dennoch. „Eine türkische Familie verbraucht bis zu 2000 Kilo Tee pro Jahr”, sagt er. Ein Tässchen „?ay”, so der türkische Name für den Tee, der in winzigen Gläschen mit sehr viel Zucker angeboten wird, serviert Gastronom Haydar Koyuncu seinen Gästen gern.

Zwei Imbissbuden betreibt der 48-jährige in Alsdorf, zudem hat er kürzlich ein Restaurant auf der Bahnhofstraße in Alsdorf eröffnet. „Ich bin gerne hier in Alsdorf”, sagt er, „ich fühle mich hier zuhause”.

Jüngst erst hat er Verwandte in der Türkei besucht. „Der Beitritt ist dort ein Riesenthema”, beschreibt er die immer noch erwartungsfrohe Stimmung. Der mögliche Beitritt sei ein sehr sensibles Thema und nicht zuletzt auch eine Frage der Ehre. „Wenn die EU jetzt die Türe zuknallt, wäre die Türkei vor der ganzen Welt blamiert!”

„Keine geschlossenen Gesellschaften”

Mit zwölf Jahren kam Haydar Koyuncu nach Deutschland, hat hier längst Wurzeln geschlagen. „Die meisten Türken bleiben längst nicht mehr nur unter sich, da bilden sich keine geschlossenen Gesellschaften.” Sorge bereitet ihm allerdings mitunter die Akzeptanz. Das Abschneiden der Republikaner bei der Kommunalwahl, die gut acht Prozent holten, sei geradezu erschreckend. „Das ist kein angenehmes Gefühl für mich”, sagt er, „aber das ist schließlich auch kein schönes Bild für die Stadt”.

Das christliche Abendland sieht Wilfried Wienen, pädagogischer Leiter des Herzogenrather Nell-Breuning-Hauses, durch einen Beitritt der Türkei nicht gefährdet. „Das ist eine einmalige Chance, ein Tor zur muslimischen Welt zu haben und Vorurteile abzubauen”, sagt er.

Als Belastung für die europäische Wirtschaft sieht er die Türkei nicht. „Da tut sich ja auch ein Riesenmarkt auf.” Gleichwohl müsse sich in wirtschaftlicher Hinsicht noch einiges tun, „vor allem der landwirtschaftliche Bereich in der Türkei muss sich noch entwickeln”. Auch Fragen des Menschenrechts müssten noch stärker als bisher angepackt werden. Und gerade deshalb: „Als Partner auf europäischer Ebene hat man ja auch Einfluss darauf.”

„Probleme sind sicherlich da.” Doch auch Chancen sieht Jochem Loeber, politischer Fachbereichsleiter der VHS Alsdorf-Baesweiler. Vielleicht stellt das riesige Land eine Überbelastung für die EU dar, überlegt er. Dennoch: „Dann hätte man auch die EU-Osterweiterung nicht in Angriff nehmen dürfen.” Eine Überdehnung dürfe nicht allein der Türkei angelastet werden. „Europa ist insgesamt einfach zu schnell gewachsen.”