Nordkreis: Verein car4twenty verleiht Autos an Bedürftige. Kostenlos.

Nordkreis : Verein car4twenty verleiht Autos an Bedürftige. Kostenlos.

Als Jacqueline Gerstner davon berichtet, wie sich in den vergangenen drei Wochen ihr Leben verändert hat, kämpft sie vor Rührung mit den Tränen.

Alleinerziehend mit einem zehnjährigen Sohn, arbeitssuchend, in Sorge um die kranke Mutter, die regelmäßig für Behandlungen zum Augenarzt muss, und auf Bus und Taxi angewiesen, sucht die Alsdorferin im vergangenen Jahr auf einer Auto-Vermietungsplattform nach einem Leihwagen, um die Großeinkäufe für die Familie und einfache Fahrten weniger umständlich erledigen zu können.

Auf der Plattform lernt sie Hajo Rottmann aus Baesweiler kennen. Er leiht ihr seinen Opel Astra. Die beiden kommen ins Gespräch und nähern sich an. Es ist der Grundstein für die Zusammenarbeit bei einem Projekt, dem ersten seiner Art im Nordkreis.

Unbürokratisch helfen

Im März gründet Hajo Rottmann nach einem Aufruf bei YouTube mit einigen anderen den mildtätigen Verein car4twenty, um Menschen wie „Jacky“ unbürokratisch zu helfen. Der Verein mit dem Motto „Zusammen etwas bewegen“ und Mitgliedern aus ganz Deutschland kauft alte und vernachlässigte Autos günstig auf, bringt sie in Kooperation mit Werkstätten und Aufbereitungsfirmen optisch und technisch wieder in Schuss und verleiht sie kostenlos an Bedürftige.

„Früher mussten meine Mutter und ich nach dem Großeinkauf am Supermarkt immer ein Taxi rufen. Da haben wir dann die Einkäufe reingeladen und das Taxi zu uns nach Hause geschickt“, erzählt Gerstner. Mit dem Bus könne ihre Mutter nicht fahren, aus Angst zu stürzen. Allein die Taxifahrten zu Arztterminen hätten die Familie in den vergangenen Monaten so Hunderte Euro gekostet.

Diese finanzielle Belastung hat nun seit rund drei Wochen ein Ende. Denn so lange fährt sie nun mit einem aufbereiteten VW-Passat des Vereins. Sogar eine Auszeit vom Alltag konnten sie sich so gönnen: „Wir wollten schon immer mal ans Meer. Das haben wir jetzt gemacht. Es war das erste Mal, dass mein Sohn das Meer gesehen hat“, erzählt sie. Drei bis sechs Monate lang verleiht der Verein die Autos an Einzelpersonen oder Familien, bei Bedarf auch länger.

Finanziert werden die einzelnen Projekte, also der Kauf des Autos für eine Person oder Familie, die Versicherung und Steuern, durch Spenden und Mitgliedsbeiträge.

Leihvertrag mit Testphase

Nachdem der Verein die Bedürftigkeit des Empfängers durch einen Arbeitslosengeld- oder Sozialbescheid überprüft hat, setzt er einen Leihvertrag mit Testphase auf. Wenn möglich beteiligt sich der Empfänger nach drei Monaten an den Kosten für die Versicherung. „Wir begleiten aber auch anderweitig. Zum Beispiel beraten wir so gut wir können in finanziellen Fragen oder bei der Jobsuche.“

Es gehe den Mitgliedern dabei vor allem um eins: „Es wird ein Ja möglich, wo diejenigen, die Hilfe brauchen, sonst immer nur ein Nein gehört haben“, sagt Rottmann, der hauptberuflich als Sprachtrainer arbeitet. Ein Stück vom eigenen Wohlstand abgeben, um anderen ein selbstbestimmteres Leben zu ermöglichen, steht im Fokus.

So leitet sich auch der Name car4twenty ab, der mit „Auto für zwanzig“ übersetzt werden kann. Das „zwanzig“ steht dabei für monatlich 20 Euro Beitrag für ordentliche Mitglieder. „So viel, wie fast jeder für eine Mitgliedschaft im Fitnessstudio bezahlt, in das er dann eh nicht geht“, sagt Rottmann.

Dass ihre Hilfe etwas bewirkt, haben Rottmann und die anderen direkt bei ihrem ersten Projekt gemerkt: „Das haben wir in Bamberg gemacht“, erzählt Rottmann. Zwei Wochen habe es gedauert, dann hätte der, dem sie das Auto geliehen hatten, dank seiner neu gewonnen Mobilität einen Job gefunden.

Doch nicht immer läuft alles glatt für den Verein: Der Passat, den Gerstner aktuell fährt, muss in wenigen Monaten zum TÜV. Größere Investitionen sind nötig, damit das Auto fahrtüchtig bleibt. Die Alternative wäre der Kauf eines anderen Kombis. Deshalb organisiert Rottmann einen Flohmarkt, um die anfallenden Kosten zu decken. „Wir sind dankbar für jeden, der etwas dafür spenden möchte“, sagt er.

Und auch Gerstner hofft, dass sie noch einige Zeit mit einem Auto fahren kann. „Für mich bedeutet es ein Stück Freiheit.“

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