Alsdorf: „Verbotene Eigenmacht“: Der Circus Amany muss weichen, aber wohin?

Alsdorf: „Verbotene Eigenmacht“: Der Circus Amany muss weichen, aber wohin?

Jetzt ist das Urteil zugestellt und in seiner Aussage so eindeutig, wie es sich die Stadt Alsdorf gewünscht hat: Der Circus Amany muss seine Zelte abbrechen und das eigentlich sofort: Der Richter hat das „Gastspiel“ auf dem Gelände an der Prämienstraße als „verbotene Eigenmacht“ eingestuft und sein Urteil als „vorläufig vollstreckbar“ erklärt.

Zum Hintergrund: Die Artistenfamilie Neigert hatte zwecks Winterquartier und Weihnachtszirkus vor Monaten eine Fläche angemietet und dazu einen Vertrag mit der Franz Plum GmbH & Co KG geschlossen. Doch bezüglich der Grundstücksgrenzen herrschte offenbar Unklarheit, so dass der Tross sich auf einem Bereich des Platzes an der Prämienstraße niederließ, der gar nicht Plum gehört, sondern der EBV GmbH und seit 2011 an die Stadt Alsdorf vermietet ist.

Ein wenig Weihnachtsseligkeit: Zwischen den nassen Wohnwagen haben die Zirkuskinder Dekofigürchen zusammengestellt und eine blinkende Lichterkette aufgehängt.

Die zeigte sich verärgert darüber, dass der Zirkus sich hier schon seit Wochen ungefragt breit gemacht habe und zog vor Gericht. Alleine schon, um keinen Präzedenzfall zu schaffen, wie Rechtsassessor Hans-Peter Hermanns auf Anfrage unserer Zeitung erläutert. Die Fläche ist als Erweiterung des Park & Ride-Parkplatzes gedacht. Aber mittlerweile wohl auch aus anderen Gründen: Am Donnerstag, so Hermanns, habe sich der Außendienst des Bauordnungsamts vor Ort umgesehen und wenig Erfreuliches entdeckt, nämlich „teilweise erhebliche“ Ölverschmutzungen und die Tatsache, dass die Abwässer einfach so aufs Grundstück abgeleitet würden. Woraufhin die Untere Wasserbehörde in Kenntnis gesetzt worden sei. Mittlerweile ist von offizieller Stelle eine Ableitung in den Kanal verlegt worden.

Nicht vor Weihnachten

Vor Weihnachten möchte man seitens der Stadt von weiteren Maßnahmen aber erst einmal absehen. In der Hoffnung, dass die Artistenfamilie sich von alleine in Bewegung setzt. Anderenfalls sei nach dem Fest die Zwangsräumung angesagt, mit allen Konsequenzen, die die finanziell knappe Artistenfamilie teuer zu stehen kommen könnte. Dann werde ein Gerichtsvollzieher beauftragt — da die Stadt Mieterin eines Privatgrundstücks ist, muss sie wie eine Privatperson handeln. In der Konsequenz, so erläutert Hermanns, würden Aufbauten und Fahrzeuge des Zirkus‘ abgeschleppt und anderweitig untergestellt. Und auch die Menschen und Tiere gelte es dann irgendwo unterzubringen.

„Doch soweit wollen wir es am liebsten gar nicht kommen lassen“, setzt Hermanns auf Einsicht bei den Neigerts. „Die sozialste und günstigste Lösung wäre, wenn der Zirkus einfach ein paar Meter weiter zieht.“ Da sei ihm ein Grundstück der Firma Plum angeboten worden, weiß Hermanns.

„Das ist viel zu klein“, sagt indes Ludwig Neigert, Seniorchef des Zirkus‘. Das Ausweichgrundstück ist zudem nur durch vergleichsweise schmale Einfahrten zu erreichen, „da kommen wir schon mit unseren Wagen gar nicht durch.“

Neigert betont: „Wir möchten ja auch so schnell wie möglich von diesem Platz hier verschwinden. Hier versinken wir ja im Schlamm.“ Alleine: Es habe sich kein anderer Ort gefunden, an dem der Zirkus mit Mann und Maus überwintern könnte. „Ich bin lange vor Weihnachten wie ein Irrer in den Städten herumgefahren und habe überall angefragt. Aber immer hieß es: ‚Wir haben den Platz schon winterfest gemacht, das Wasser ist abgeschaltet.‘ Oder: ‚Wir müssen die Fläche für Flüchtlinge vorhalten‘.“

Mit ausgestreutem Kies und Holzschnitzeln, ausgelegten alten Teppichen und Brettern versucht die Familie derweil, sich zwischen den Wohnwagen hin und her zu bewegen, ohne durch den Matsch stapfen zu müssen.

Immerhin stehen die Tiere trocken, wie auf einer Insel auf einem der befestigten Bereiche des Platzes. Genüsslich kauen die Lamas, Ponys und Ziegen an frischem Gemüse. Neigert öffnet die Tür zu einem großen alten Zirkuswagen, vollgestopft mit Heu. Hungern werden die Vierbeiner also nicht müssen. Der Bauer, von dem der Zirkus gewöhnlicherweise das Futter bezieht, hat die Bezahlung gestundet, bis wieder mehr Geld in der Kasse ist. Denn aus dem Weihnachtsgeschäft ist nichts geworden, da der geplante Weihnachtszirkus nun nicht über die Bühne gehen kann.

Doch die Kosten laufen weiter: 500 Euro Kaution etwa hat das Standrohr von Enwor gekostet, das den Zirkus mit Frischwasser versorgt. Und für rund 300 Euro habe der Zirkus bereits Strom verbraucht, den er mittels Zwischenzähler bei Plum anzapfen dürfe, sagt Neigert. Von den täglichen Lebenshaltungskosten und Weihnachtsgeschenken einmal ganz zu schweigen. Da kommen wohl die Weihnachtskisten ganz recht, die in der Pfarre St. Josef überzählig waren und die Pastor Bobby van den Berg dem Zirkus hat zukommen lassen, den er ja auch schon seit Jahren kenne, wie er unserer Zeitung berichtet.

Trotzdem wird aus einem gemeinsamen Weihnachtsmahl der Großfamilie wohl nichts werden. Denn der Frachtcontainer, den die Firma Plum zur Verfügung gestellt hatte, wird angesichts der unsicheren Lage ungenutzt bleiben. „Wir hatten vor, hier eine Küche einzubauen“, erzählt Neigert. Damit die ganze Familie mal an einem Ort zusammen essen kann. Das Festmahl wird nun in Etappen in den engen Wohnwagen serviert werden. Und was soll nun generell werden? Neigert weiß es nicht. Nach Weihnachten will er sich erneut aufmachen, um einen Platz zu finden. „Vielleicht kann uns ja einer Ihrer Leser weiterhelfen?“, sagt er und will die Hoffnung nicht aufgeben. Auch für kleinere Aufführungen stehe man zur Verfügung.