Herzogenrath: Unterrichtsausfall: Mehr Ressourcen wären wünschenswert

Herzogenrath: Unterrichtsausfall: Mehr Ressourcen wären wünschenswert

„Klassenfahrten und Exkursionen sind Unterricht, da vom Landesschulgesetz ausdrücklich vorgesehen“, da lässt Daniel Bick, Direktor der Europaschule in Merkstein, keine Zweifel zu. „Es ist eben die Frage, was wie gezählt wird.“

Stichprobenartig hat sich die Landesregierung des Unterrichtsausfalls angenommen, dazu 770 von rund 5700 öffentlichen Schulen im Lande (rund 12 Prozent) mit Fragebögen ausgestattet. Das Ergebnis: 1,7 Prozent des Unterrichts in NRW fallen aus, vor fünf Jahren seien es noch durchschnittlich 2,4 Prozent gewesen, sieht NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann die Klagen über einen massiven Anstieg in den vergangenen Jahren nunmehr widerlegt.

Merkstein bei der Stichprobe

Aber kaum war die Studie vorgestellt, standen auch schon die Kritiker auf dem Plan. Denn der Vertretungsunterricht habe von 5,6 auf 7,5 Prozent zugenommen. Darunter werden Stunden fachfremder Lehrer, Ersatzunterricht, aber auch eigenverantwortliches Lernen ohne Lehrer gerechnet. Zugelegt hat auch der „Unterricht in besonderer Form“, sprich Klassenfahrten, Projekttage und Schulfeste. Bis zu acht Prozent mehr Lehrer fordert die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Und die Landeselternschaft bezweifelt die Zahlen aufgrund anderer Wahrnehmung ohnehin.

Die Gesamtschule in Merkstein gehörte zu den per Zufallprinzip vom Land ausgewählten Bildungsstätten. „Der Berichtszeitraum vom 15. bis 26. September 2014 fiel ausgerechnet in die Klassenfahrten-Woche“, ist Daniel Bick dennoch mit dem Ergebnis, das dem Landesschnitt entspreche, zufrieden. Fast die halbe Schule war auf Tour. Letztlich seien aber in der Oberstufe nur elf von 231 Stunden ausgefallen und in der Sekundarstufe keine von immerhin 1928 Stunden.

Aufgefangen wurde alles durch gezielt in diese Zeit gelegte Projekte. Unter anderem hat in diesem Zeitraum die achte Jahrgangsstufe im Zuge der „Kulturagenten“ eine Kulturwoche veranstaltet. Die Neunte hatte ihre Berufsorientierungsphase und die Fünftklässler Trainingsprojekte. Planbares lasse sich im Jahresterminplan eben schon bestens regeln. Zum Krankenstand konstatiert Bick zufrieden, dass sein Kollegium unter dem Schnitt des öffentlichen Dienstes liege: „Lehrer sind wegen der vielen Kontakte abgehärteter.“ Anfang Februar jedoch waren acht Kollegen auf einen Schlag erkrankt, von der derzeitigen Grippewelle sei die Schule aber (noch) verschont geblieben.

Ein Kollege beschäftige sich als Sonderaufgabe alleine mit dem Thema Vertretungen, die deswegen gut geregelt seien. Allerdings sagt Bick ganz klar: „In jedem Fall Fachvertretungen zu ermöglichen, ist personell nicht leistbar.“ So seien in Merkstein etwa zwei Stellen im Bereich Mathe, Physik, Technik und Hauswirtschaft für Sekundarstufe I unbesetzt. Fächer, die auf der Agenda stehen, doch die nötigen Bewerber hat es bis jetzt nicht gegeben. Bick mit auf die neue Generation Junglehrer, die im Mai fertig wird: „Ich warte lieber die nächste Einstellungsrunde ab, als diese Stellen mit fachfremden Bewerbern zu besetzen.“

Klare Vorgaben hat das Land gemacht, um Vertretungskonzepte zu entwickeln und möglichst keine Schüler nach Hause zu schicken, wenn es Engpässe gibt. „Bei uns klappt das gut“, sagt auch Lydia Becker-Jax, Direktorin des Gymnasiums der Stadt Würselen. So wird Unterrichtsmaterial fachspezifisch vorbereitet, das sowohl zur Vertretung eingesetzte Fachkollegen als auch fachfremde Lehrer nutzen können. „Bei Vertretungen immer Fachlehrer einzusetzen, geht aus systemischen Gründen nicht“, wäre die Direktorin durchaus dankbar für mehr Ressourcen. „Doch im Normalfall kommen wir personell hin.“ Becker-Jax weiß auch: „Die Eltern sind nicht immer zufrieden, aber wenn ein Kollege krank ist, muss er vertreten werden.“

„Unterrichtsausfall ist an unserer Schule immer krankheitsbedingt beziehungsweise durch Fortbildungen verursacht“, sagt Barbara Onkels, Leiterin der Gesamtschule in Kohlscheid. In der Regel werden die Stunden vertreten, das heißt: Der Unterricht beginnt ausnahmslos um 8 Uhr. Mitunter müssten 8. oder 9. Stunde abgehängt werden, wenn keine Lehrkraft zur Verfügung stehe. Schüler, die nicht nach Hause gehen können, werden von Schulsozialarbeitern betreut. Onkels: „Generellen Unterrichtsausfall wegen Lehrermangels gibt es bei uns nicht.“

Auf ein ausgereiftes Konzept verweist auch Maria Foerster, stellvertretende Leiterin des Heilig-Geist-Gymnasiums in Broich: „Wir sind sehr bemüht, Engpässe aufzufangen und sachgerechte Vertretungen zu gewähren.“ Personell sei die Schule gut ausgestattet.

„Dalton“ hilft weiter

Das Alsdorfer Gymnasium ist dank des „Dalton“-Selbstlernkonzepts fein raus. In vielen Stunden können sich Schüler Klassenraum und Lehrer aussuchen. Da sitzen zwar eventuell mal mehr Schüler in einem Raum, wenn weniger Lehrer da sind, aber sie sind versorgt — und lernen ohnehin weitgehend eigenständig. „Wenn wir einen Ganztag haben, muss der auch gelebt werden“, sagt Schulleiter Wilfried Bock. Dass Stunden ausfallen? Nein, das komme an seiner Schule so gut wie nicht vor.

Im Baesweiler Gymnasium kommt es vor, dass Unterricht ausfällt. Das sei bei größeren Krankheitswellen kaum vermeidbar, sagt Schulleiter Wilhelm Merschen. Wo seine Schule im Vergleich zum Landesdurchschnitt steht, könne er „aus dem Bauch heraus“ zwar nicht sagen, jedoch bemühe man sich um ein Vertretungskonzept, bei dem die Nähe zu den Schülern vor fachspezifische Dinge geht. Soll heißen: Erkrankt ein Kollege, übernimmt zunächst einmal der die Klasse, der sie schon — aus anderen Fächern — kennt. Und der wird in der Regel von dem Erkrankten per Fax oder Mail mit Unterrichtsmaterial versorgt, das es zudem in Ordnern in der Schule gibt. „Es ist wichtig, dass die menschliche Grundlage schon mal stimmt“, sagt Merschen zu dieser Priorität im Vertretungskonzept. Zweite Option wäre, dass ein Kollege übernimmt, der zwar das Fach hat, aber die Klasse nicht kennt. Aber das komme nur selten vor.