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Kerkrade: Unfalltourismus am Ort des Ensetzens

Kerkrade : Unfalltourismus am Ort des Ensetzens

Das junge Pärchen trägt dunkle Sonnenbrillen. Ihre fassungslosen Blicke können diese jedoch nicht verbergen.

Noch vor ein paar Monaten haben die beiden dort gewohnt, im zweiten Stockwerk. Dort, wo einmal Küche und Esszimmer standen, ragen gestern nur noch ein paar verbrannte Balken empor. „Ich selbst habe öfters im Geschäft unten ausgeholfen”, sagt die Frau, erschrickt bei den eigenen Worten und hält sich dann zum wiederholten Mal die Hand vor den Mund.

Der Lastwagen, der am vergangenen Freitag ungebremst in den kleinen Supermarkt am Ende des Haanrader Weges raste und vermutlich drei Menschen in den Tod riss, hätte an einem anderen Tag durchaus auch sie treffen können. Heute wohnt das Paar knapp dreihundert Meter bergaufwärts vom Unfallort entfernt. Den Knall hat die Frau gehört, ist gleich die Straße gesprungen und konnte den Anblick kaum ertragen. Rauch, Flammen, ein einziges Chaos aus Metall und Beton. Am Sonntag ist sie erneut zur Unfallstelle gegangen, blickt auf die blauen Plastikabsperrungen, die die komplette untere Hälfte des Gebäudes gnädig verhüllen.

Leichen von zwei Mitarbeitern geborgen

Erst am Samstag hatten die Einsatzkräfte aus den Trümmern des weitgehend zerstörten Gebäudes die stark verkohlten Leichen von zwei Mitarbeitern Geschäftes bergen können. Vorher war eine Suche mit Spezialhunden wegen der großen Hitze nicht möglich gewesen. Drittes tödliches Opfer ist der 41-jährige Fahrer des Unglücks-Lkw, der mit schweren Stahlplatten beladen war. Vermutlich hatten an dem Fahrzeug die Bremsen versagt.

Die Bremsen an den Autos, die am Tag zwei nach der Kerkrader Katastrophe zur Unglücksstelle kommen, funktionieren. Immer wieder kommen am Sonntag Wagen an den Orts des Ensetzens, halten an, spucken Unfalltouristen aus. Am Samstag noch waren im Zuge der Rettungsarbeiten die Grenzübergänge an der Eygelshovener Straße und der Kirchrather Straße in Herzogenrath von den Behörden gesperrt worden.

Am Sonntag aber war freie Durchfahrt angesagt. Für Schaulustige aus allen Richtungen. „Ja, wir waren einfach neugierig”, sagt Berti Ramakers und lächelt - beinahe entschuldigend. Mit ihrem Mann Hubert ist sie aus Vaals nach Kerkrade gefahren um in natura die Stelle zu stehen, die beinahe stündlich in den niederländischen Nachrichten über die Bildschirme flimmert. „Wir waren entsetzt, als wir davon erfahren haben.”

Das Unfassbare fassen

So wirken auch die gut 40 übrigen Zaungäste, die in kleinen Grüppchen zusammenstehen und mit weit ausholenden Gesten immer wieder den Unfallhergang zu skizzieren versuchen. Vor dem Sichtschutz-Zaun tun zwei Polizisten ihren Dienst, sprechen mit Leuten, die das Unfassbare zu fassen versuchen.

In einer Ecke des Zauns, der die Unfallstelle absichert, haben Trauernde mittlerweile eine Art Schrein errichtet und Kerzen und Blumensträuße auf den Boden gelegt.

Der Brandgeruch hat sich bereits verzogen, das Mitgefühl bleibt.