Aachen: Tivoli: Vollbier, Leichtbier, gar kein Bier?

Aachen: Tivoli: Vollbier, Leichtbier, gar kein Bier?

Hand aufs Herz: Das Bierchen beim Fußballgucken gehört für viele Besucher selbstverständlich dazu. Am Tivoli jedoch müssten eigentlich — wie wohl in sehr vielen Stadien in den Ligen 1 bis 4 — sofort die Zapfhähne hochgedreht werden. Im konkreten Fall Aachen hätte zumindest schon vom ersten Spieltag in der dritten Liga an kein Bier mehr ausgeschenkt werden dürfen — jedenfalls kein alkoholisches.

Fakt ist nämlich, dass es sowohl in den Statuten der Deutschen Fußball-Liga (DFL, Liga 1 und 2), des Deutschen Fußball-Bundes (DFB, Liga 3) und des Westdeutschen Fußball- und Leichtathletikverbands (WFLV, Liga 4) wortgleich heißt: „Der Verkauf und die öffentliche Abgabe von alkoholischen Getränken sind vor und während des Spiels innerhalb des gesamten umfriedeten Geländes der Platzanlage grundsätzlich untersagt.“

Kaum ein Verein hält sich daran

Weiter heißt es, dass der Verein „auf eigene Verantwortung“ und „ausnahmsweise“ alkoholreduziertes Bier (bis 2,5 Prozent Alkohol) oder Vollbier (maximal fünf Prozent) verkaufen darf. Nur: Dazu bedürfe es der „ausdrücklichen Einwilligung der örtlich zuständigen Sicherheitsorgane unter maßgeblicher Einbindung der zuständigen Polizeibehörde“. Eine solche Einwilligung wurde in Aachen — weder beim Ordnungsamt, noch bei der Polizei, wie die Behörden auf AZ-Nachfrage sagten — für die vergangene wie auch die laufende Saison seitens des Klubs abgefragt, logischerweise also auch nicht ausgesprochen.

Die Sache mit der Bewilligung ist nicht unkompliziert. Denn: „Für die Einwilligung hat der Veranstalter begründet darzulegen, dass alkoholbedingte Ausbrüche von Gewalt und Ausschreitungen von Zuschauern nicht zu befürchten sind, wobei die Erkenntnisse der Polizei einzubeziehen sind.“ Da dürften es Polizei und Ordnungsamt nicht leicht haben, so etwas zu unterschreiben.

Nun hat nach diesen Paragraphen bislang kaum ein Hahn gekräht, fast alle Klubs verstoßen dagegen. Das hat sich allerdings geändert, nachdem der KFC Uerdingen in die vierte Liga aufgestiegen ist. Das Krefelder Ordnungsamt hat sich die Verbandsvorschriften vorgenommen und entsprechend dem Verein mitgeteilt, er dürfe fortan in der Grotenburg, dem Uerdinger Stadion, nur noch alkoholreduziertes Bier ausschenken. Das hat Wellen geschlagen. Die CDU in Krefeld hat das Thema auf die Tagesordnung des dortigen Sportausschusses gehoben. Spätestens seit der Duisburger Loveparade will sich schließlich niemand mehr dem Vorwurf aussetzen, schlampig gehandelt zu haben — nach dem Motto: Wehe, wenn etwas passiert. Nun soll es in der kommenden Woche ein Gespräch mit dem WFLV geben.

Darauf hebt auch der Aachener Fachbereich Sicherheit und Ordnung ab. Dessen Chef Detlev Fröhlke sagt, diese Statuten seien fragwürdig. Darüber müsse mit den Verbänden gesprochen werden. „Es ist ein Unding, dass ein Verband solche lebensfremden Vorschriften auf die Ordnungsbehörden abwälzt“, so der Fachbereichsleiter. Er hält die bisher praktizierte Regelung für sinnvoll, ein Alkoholverbot nur bei brisanten Partien im Einzelfall zu verhängen. Das Gespräch zwischen den Krefeldern und dem Verband wird aber wohl auch keine Änderung bringen. Laut Verbandssprecher Roland Leroi ist es eher ein informelles Gespräch. Leroi sagt, dass der WFLV das Alkoholverbot keineswegs für lebensfremd oder überholt hält, sondern für sinnvoll und zeitgemäß. Aber die Sicherheitsbehörden vor Ort könnten das ja auch anders entscheiden.

Polizeidirektor Christian Außem als ständiger Einsatzleiter am Tivoli weiß um die formal fehlende Einwilligung, sagt jedoch, dass man die Sache bislang „pragmatisch“ angegangen sei. Ohnehin sei das Bier im Stadion nicht das Problem. „Die Problemfans kommen schon betrunken zum Spiel“, so Außem. Die schicke man dann gegebenenfalls auch wieder nach Hause. Alemannia-Sprecher Holger Voskuhl sagte Dienstag auf Anfrage nur so viel: „Vor jedem Spiel gibt es eine Sicherheitsbesprechung, bei der auch Alkohol thematisiert wird.“ Möglicherweise wird man sich nun — nach dem Fall Krefeld — aber doch noch um die Einwilligung kümmern müssen.

Sollte Alemannia die Ausnahmeerlaubnis erhalten, so wird in den Statuten auch gleich festgelegt, wann sie zu widerrufen ist: „Wenn aufgrund alkoholbedingter Ausschreitungen weitere Vorfälle zu prognostizieren sind.“ Dann könne sich der Widerruf „auf einen Zeitraum von einem Spieltag bis zu sechs Monaten“ erstrecken. Strafen wegen Missachtung des Alkoholverbots sind indes noch nie ausgesprochen worden. Offenkundig geht es dem Verband um die Frage der Verantwortlichkeiten, falls tatsächlich einmal etwas durch übermäßigen Alkoholkonsum im Stadion passiert.

Übrigens: Beim DFB sind von der Alkoholregelung die Spiele der Frauen-Bundesligen ausdrücklich ausgenommen. Da darf man sich im Stadion theoretisch auch betrinken. Warum, das steht da nicht.