Würselen: Theater-Ensemble „Bühnenreif“ sticht munter in See

Würselen: Theater-Ensemble „Bühnenreif“ sticht munter in See

Ein Hafen in Broichweiden? Am Wochenende war das kein Problem! Denn in der jüngsten Inszenierung des Ensembles „Bühnenreif“ nahm sich die spielfreudige Truppe das Traumschiff vor.

Sehr frei nach Bernd Spehling ging es unter der Überschrift „Bühnenreifs Traumschiff“ vom neuen Hafen an der Luciastraße aus mit der „M.S. Lucia“ und 250 Passagieren pro Fahrt direkt auf hohe See. Bali hieß das Ziel und Sascha von Hehn (Martin Tremöhlen) — sehr zum Verdruss der Crewmitglieder — der Kapitän. Der wollte eigentlich mal Pilot werden, wachte aber nach durchzechter Nacht etwas spät auf und meldete sich versehentlich zur Marine.

Und mit genauso viel Ahnung wie eine Landratte von der Seefahrt hat, führt er sein Kommando: Eher nach einem leckeren Tröpfchen und dem nächsten Rock hält von Hehn Ausschau, statt sich mit Feuerübung oder Auslaufen aus dem Hafen zu beschäftigen. Die Quittung kommt prompt, denn der Erste Offizier Sören Sörensen (Pascal Seifert) übernimmt das Manöver, lässt aber versehentlich den in einer amourösen Situation mit Passagierin Sabine Hübner (Kathrin Goertz) befindlichen Kapitän bei einer Übung zu Wasser und vergisst, ihn wieder an Bord zu nehmen. Natürlich muss sich der Erste Offizier in der Bordbar, Dreh- und Angelpunkt der Geschichte, ob des verlustigen Kapitäns erstmal einen Cognac genehmigen.

Dort sitzen schon Trude Gerolfsen (Verena Leenders), Mechthild Wachberg (Andrea Kirsch) und Edelgard Müller (Anna Mathieu) vom Kegelclub „Einer steht immer“, die es sich gut gehen lassen. Da macht es nichts, dass Edelgard zwar alt und schwerhörig ist, ihre Erfahrung lässt sie auch schwierige Situationen schnell durchblicken. Schnell weg vom Bullauge ist Mechthild, die sich ein wenig zu schnell in Stimmung trinkt. Und Trude zeigt sich nicht nur als tolle Sängerin, sondern wäre auch einem Liebesabenteuer nicht abgeneigt. Rein trinktechnisch passt Siegfried „Siggi“ Engel (Wilfried Born) bestens dazu.

Der Clochard kam durch eine Verkettung diverser Umstände an sein Ticket — durch das Los einer Straßentombola, das er nicht einmal bezahlt hatte. Vollverpflegung und Taschengeld inklusive. Siggi wird zum richtigen Mann am richtigen Ort, denn Sören und dem nie um eine Lösung verlegenen Barkeeper Roger Schönfelder (Thomas Eikermann) bleibt nichts anderes übrig, als nach dem Verlust des Kapitäns einen anderen in diese Funktion zu hieven — um den Schein zu wahren. Dass es Siggi trifft, ist der Startpunkt vieler weiterer Verwicklungen. Dabei spielen Gernot Hübner (Marcel Simons) als gehörnter Ehemann mit zu hohem Blutdruck, Dr. Ilse Zapf (Angela Müller) — auch „Zäpfchen“ genannt — und der Mann am Klavier, Thorsten Krause, eine gewichtige Rolle. Letzterer greift immer dann musikalisch ins Geschehen ein, wenn die Dramaturgie des Zweiakters Musicalcharakter gebrauchen kann.

Neben Öcher Lokalkolorit bieten die Bühnenreifen ein Hit-Aufgebot, das durch neue Texte deutlich dazugewinnt. So singt sich bei „Es fährt ein Schiff nach Nirgendwo“ beispielsweise der Erste Offizier die Last, den Kapitän unterwegs vergessen zu haben, von der Seele. Musikalisch, spielerisch und seemännisch haben die „Bühnenreifen“ ihre Seetauglichkeit bewiesen. Mit flotten Dialogen, einem Text, der Gags auf allen Decks locker miteinander verbindet, und grenzenloser Spielfreude sowie zwei ausverkauften Vorstellungen beweisen sie, dass sie in die erste Reihe gehören. Dafür gab es zu Recht viel Jubel und Applaus eines teils schlapp gelachten Publikums.

(mabie)
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