1. Lokales
  2. Nordkreis

Herzogenrath: „Tanzende Stadt“ mit viel Beifall, aber auch Kopfschütteln

Herzogenrath : „Tanzende Stadt“ mit viel Beifall, aber auch Kopfschütteln

Schuhe — überall Schuhe. Von Sportschuhen über Stiefel und Pumps ist alles dabei. Mal paarweise, mal einzeln und kreuz und quer über den Ferdinand-Schmetz-Platz verteilt. Rund herum haben sich schon vor dem offiziellen Beginn Zuschauer versammelt, um von einem geeigneten Platz aus das bevorstehende Spektakel „Tanzende Stadt“ beobachten zu können.

Sitzsäcke werden herangeschafft und mitten auf dem Platz verteilt. Die Zuschauer sollen schließlich so nah wie möglich am Geschehen sein. Bereits zum 14. Mal war das Projekt unter der Leitung der Tanzvereinigung „Irene K.“ unterwegs und machte auch wieder Halt in Herzogenrath. In den vergangenen Tagen waren die Tänzerinnen und Tänzer, die zeitgenössischen Tanz auf Straßen und Plätze an verschiedene Orte bringen, schon in Monschau, Arnsberg und Düren. Auch im belgischen Durbuy sind sie gewesen, Verviers und Eupen folgten auf den Besuch in der Herzogenrather Innenstadt.

... vom Ballets Confidentiels aus Belgien mit „Visions of Miles“. Foto: Claudia Heindrichs

Mehr als zwei Stunden lang wurden in sieben verschiedenen Performances an sieben Stationen rund um den Ferdinand-Schmetz-Platz ganz unterschiedliche Tänze von verschiedenen internationalen Gruppen gezeigt. Den Anfang machten „Cia. Artesãos de Corpo“ aus Brasilien mit ihrer Vorstellung von „Refuge“. „Ich möchte bleiben, doch mein Körper ist gezwungen zu gehen“ lautete das Motto der abstrakten Dokumentation wahrer Geschichten aus Sao Paulo, die zeigten, wie der Pflicht- oder Wahlausländer sein eigener Protagonist in seiner neuen Lebensgestaltung ist.

Währenddessen gesellten sich immer mehr Zuschauer dazu. Sie rückten mit den Sitzsäcken näher, blieben stehen oder beobachteten das eindrucksvolle Spektakel aus sicherer Entfernung. Die meisten von ihnen — egal ob Alt oder Jung, Groß oder Klein — waren sehr angetan von den Performances.

„Wir kommen schon seit einigen Jahren immer vorbei, wenn ‚Tanzende Stadt‘ in der Nähe ist“, erzählte eine Zuschauerin aus Würselen. Sogar ihre Tochter komme immer extra aus Köln angereist, um die spannenden Tanzinszenierungen mit ihr gemeinsam anschauen zu können.

Tanzesemble „Compagnie Irene K.“ überzeugt

Nach jeder Performance wurde anerkennend geklatscht, und man zog ein Stück weiter, um den nächsten Auftritt in vollem Umfang sehen zu können. Ob zu zweit oder in einer Gruppe, mit auffälligen Kostümen oder ganz schlicht in schwarz, wilde Rhythmen oder zarte Gesten — kontrastreicher konnte das Programm kaum sein. Die „Compagnie Irene K.“, das professionelle Tanzensemble von „Irene K.“, überzeugte mit der Performance von „Murmures“, bei der die Individualität eines einzelnen Tänzers durch die Begegnung zu einer gemeinsamen Sprache und einer kollektiven Kraft wird.

Schockierend und zugleich eindrucksvoll performte der spanische Tänzer Diego Sinniger „Liov“, eine Gratwanderung zwischen Liebe und Gewalt, Begehren und Missbrauch, Opfer und Angreifer.

Die Tänzerinnen von „Ballets Confidentiels“ riefen mit ihrem „La Chute & Visions of Miles“ nicht nur Begeisterung unter den Zuschauern hervor. Mit Kopfschütteln und einem gemurmelten „Ich weiß nicht, was das soll“ beobachteten zwei ältere Damen die fragile Performance von einer Tänzerin, die immer wieder von einem Stuhl, der auf zwei Tischen stand, herunterfiel und wieder heraufkletterte.

„Frontier Danceland“ aus Singapore und „Compagnie Tamadia“ aus Burkina Faso gestalteten mit ihren kostümreichen und emotionalen Programmen den Schluss der kostenfreien Open-Air-Veranstaltung bevor der Tanzabend in einem großen Finale gipfelte.

„Tanzende Stadt“ hat auch in diesem Jahr wieder gezeigt, dass die Kunst — so individuell und abstrakt sie auch an mancher Stelle sein mag — den Zuschauer stets in irgendeiner Form berührt.

Und das zeigten die Anwesenden auch — durch gespannte Blicke und tosenden Beifall.