Städteregion: Schädigt die Regiotram die Landschaft?

Streckenverlauf der Regiotram : Klimaschutz versus Landschaftsschutz in der Städteregion

Der Konsens, dass die Menschen weg vom Individualverkehr müssen, war nie größer, der Ruf nach konsequenterem Klimaschutz nie so laut. Zugleich hat die Autoindustrie durch ihre Skandale an Ansehen eingebüßt.

Eigentlich könnte die Großwetterlage kaum besser sein, um den Bau einer Tram in die Wege zu leiten. Und in der Tat wird seit einigen Monaten in den Ausschüssen und Stadträten für die Schaffung der Tram getrommelt, die dereinst von Aachen über Würselen, Alsdorf und Herzogenrath bis nach Baesweiler führen soll.

Während die Politik dem Projekt bislang weitgehend aufgeschlossen gegenübersteht, kam nun im Naturschutzbeirat der Städteregion, der im Settericher Rathaus tagte, erstmals Gegenwind auf. Das entbehrt nicht einer gewissen Ironie, die sich zugespitzt so auf den Punkt bringen lässt: Klimaschutz steht gegen Landschaftsschutz.

Zwar kann keine Rede davon sein, dass die Berechtigung der Regiotram an sich in Frage gestellt worden wäre. Allerdings wurden deutliche Befürchtungen laut, dass Flora und Fauna unter die Räder geraten könnten. Dr. Stefan von der Ruhren, der als Projektleiter des Allgemeinen Verkehrsverbunds (AVV) Rede und Antwort stand, betonte mehrfach den frühen Stand der Planung. Aktuell werde eine Machbarkeitsstudie vorbereitet, die ein externes Unternehmen fertigen und dabei auch Alternativrouten in den Blick nehmen soll. Vorzeigbar ist aktuell aber nur der eine mögliche Streckenverlauf – und für diesen warnte der Beirat vor Wildunfällen, gekappten Biotopverbindungen und der Gefährdung geschützter Landschaftsteile.

Ein anschauliches Beispiel ist das Bergsenkungsgewässer, das sich östlich des Übacher Wegs zwischen Alsdorf und Boscheln befindet. Das Gewässer ist von außen nicht zu sehen, denn es wird von einem dichten Waldstück umgeben, in dem es nur so kreucht und fleucht. Die Natur hat sich den Landstrich, der durch den Bergbau geprägt wurde, zurückgeholt, das Gewässer ist sogar als Naturdenkmal geschützt.

Die Regiotram würde hier unmittelbar vorbeifahren. „Sie können doch nicht unter einem pseudoökologischen Deckmäntelchen solche Gebiete kaputt machen“, erregte sich Aggi Majewsky, die im Beirat die Landesgemeinschaft Naturschutz und Umwelt vertritt. „Wenn wir die Trasse so nahe an diesem Sumpfgebiet vorbeiführen, ist es kaputt!“

Dass derlei Konfliktpotenzial besteht, hat damit zu tun, dass der AVV für die Regiotram nach Möglichkeit ehemalige Bahntrassen nutzen will. Erstens zwischen Aachen-Haaren und dem Würselener Aquana. Zweitens zwischen dem Aquana und dem Bereich Merzbrück. Und drittens wäre da die ehemalige Carl-Alexander-Bahn zwischen Alsdorf-Busch und Baesweiler. Die Trassen wären der Weg des geringsten Widerstands – würden sie nicht teils durch geschützte Landschaftsteile führen. Neben der alten Carl-Alexander-Bahn  gilt dies für den Bereich zwischen Aachen und Würselen östlich der B57, wo der Meisbach fließt.

Die alten Trassen sind für den AVV weniger unter technischen als unter planerischen Gesichtspunkten interessant. Züge sind dort zwar seit Jahrzehnten nicht unterwegs gewesen, jedoch besteht zumindest teilweise noch die alte Widmung als Bahnstrecke. Den Zug- beziehungsweise Tramverkehr zu reaktivieren, wäre genehmigungstechnisch unkomplizierter als neue Strecken auszuweisen. Bei der Carl-Alexander-Trasse fällt zudem ein finanzieller Aspekt ins Gewicht. Sie führt durch landwirtschaftlich genutztes Gebiet. Sobald man von der alten Trasse abwiche, wären Verhandlungen mit der Landwirtschaft unausweichlich, was sich als langwierig und kostspielig erweisen könnte.