Alsdorf: Stadt nimmt siebtes Kind einer Abhängigen in Obhut

Alsdorf: Stadt nimmt siebtes Kind einer Abhängigen in Obhut

Nun hat das Jugendamt das siebte Kind von Tamara Witke (Name geändert) in Obhut genommen, unmittelbar nach der Geburt, im Krankenhaus.

Tamara Witke ist 29 Jahre alt und seit vielen Jahren drogenabhängig. Diverse Therapien und Entzugsversuche hat sie abgebrochen, Einsicht oder Besserung sind laut Amt nicht zu erwarten. „Da die Kindesmutter erst 29 Jahre alt ist, müssen wir von weiteren Geburten ausgehen“, stellte Michael Raida vom Jugendamt, bereits Ende vergangenen Jahres, als sich das siebte Kind für Januar ankündigte, lapidar fest. Nun, beim jüngsten Jugendhilfeausschuss, vermeldete er den Vollzug der siebten Inobhutnahme. Alle Kinder sind mindestens bis zum 18. Lebensjahr auf (finanzielle) Unterstützung der Stadt angewiesen.

In einem anderen Fall wurden bei der Mutter während der Geburt 2,46, bei dem Neugeborenen ein Blutalkoholwert von 1,1 Promille gemessen. Die Mutter ist seit Jahren alkoholabhängig. Das Neugeborene war schwerstgeschädigt und starb nach wenigen Monaten Aufenthalt in einer Familie. Im März erhielt das Jugendamt den anonymen Hinweis auf eine erneute Schwangerschaft der Alkoholikerin. „Bei einer ersten Überprüfung der Kindesmutter war diese erneut stark alkoholisiert“, so Raida.

Zum Handlungsspielraum der Stadt sagte er nur: „Zwangsmaßnahmen sind nicht möglich und alle Hilfsangebote blieben bislang erfolglos.“ Das Jugendamt biete sogar schon kostenlos Verhütungsmittel an, aber man könne niemanden zur Anwendung zwingen. Die Stadt muss in diesen Fällen machtlos zuschauen, wie Mütter ihren (ungeborenen) Kindern großen Schaden zufügen. Vier weitere Krankenhaus-Inobhutnahmen plant das Jugendamt derzeit.

737 Fälle, in denen Familien auf mehr oder weniger große Hilfe angewiesen sind, zählt die Behörde insgesamt. 18 Mitarbeiter fahren raus, wenn Meldungen eingehen, die den Verdacht von Misshandlung oder Verwahrlosung nahe legen (74 im ersten Quartal 2016, Tendenz steigend), betreuen Familien ambulant, wenn diese im Alltag überfordert sind (323, im Vorjahr 373) und suchen nach Pflegefamilien für Kinder, die traumatisiert sind, Gewalt erfahren haben und nicht bei ihren leiblichen Eltern bleiben können. Und damit ist das Aufgabenspektrum nur grob umrissen.

46 Kinder und Jugendliche aus dem Alsdorfer Zuständigkeitsbereich befinden sich derzeit in Heimen, 82 leben bei teilweise speziell ausgebildeten Pflegeeltern.

Die Zahlen sind im Vorjahresvergleich in etwa konstant, besorgniserregend sei aber die Zahl der Mütter, die dauerhaft erziehungsunfähig sind und bei denen kein Kind bleiben darf, so Schmidt weiter. Zumal die Kosten für jeden Einzelfall steigen: Früher kostete ein Heimplatz pro Monat rund 4000 Euro, inzwischen sind es 8133 Euro. Bei einem Jungen, führte Raida aus, sei aufgrund von „extremen Verhaltensauffälligkeiten“ außerdem eine Schulbegleitung notwendig.

Die koste weitere 4400 Euro. Eine Belastung von jährlich rund 150.400 Euro für den städtischen Haushalt, ohne Anrechnung weiterer Beihilfen (Bandbreite: Kleidung, Feiern, Therapien etc.). Zehn bis 15 dieser Extremfälle gibt es derzeit. In weiteren neun Fällen mit schweren Psychosen, Neurosen, Traumata und Suchterkrankungen fallen monatlich bis zu 10.000 Euro für die Behandlung in Spezialeinrichtungen an.

Außerdem betreut die Stadt 28 jugendliche Flüchtlinge, die ohne Eltern hier sind.

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