Würselen - Spurensuche in Würselen: Was vom „Schulzzug“ übrig blieb

Spurensuche in Würselen: Was vom „Schulzzug“ übrig blieb

Von: Hermann-Josef Delonge
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Provinz? Schulz! Mit dem Kanzlerkandidaten wurde Würselen zu einer Marke, wie hier auf dem Parteitag der SPD im März 2017.

Würselen. „Eine Stadt, in der die Bäckereifachverkäuferin das belegte Baguette ,schön knusprig antoastet‘ und sich nach dem Befinden des werten Gatten erkundigt. Wo die Nachkriegsbauten trotz ihrer Kanten eine gewisse Gemütlichkeit ausstrahlen, weil sie nie mehr als drei Stockwerke haben, und die Einkaufsstraße im Ort so schmal ist, dass die Laternen an einem Stahlseil hängen, gespannt von einer Fassade zur anderen.“ So ist es bei „Zeit online“ über Würselen zu lesen, in einem Artikel, der am 4. Februar 2017 veröffentlicht wurde.

Ein paar Tage zuvor hatte Martin Schulz in Berlin seine Antrittsrede als Kanzlerkandidat der SPD gehalten. In der Folge pilgerten Journalisten aus aller Welt in den tiefen Westen der Republik, um die Wurzeln auszugraben, auf die sich Schulz immer wieder berief. Um die Stadt zu beschreiben, deren Bürgermeister er von 1987 bis 1998 war.

Wenn man deren Berichte vergleicht, fällt auf, dass die Recherche an den immer gleichen Orten und mit den immer gleichen Gesprächspartnern stattfand – was nicht nur an der überschaubaren Größe von Würselen gelegen haben dürfte. Und heute, nach dem beispiellosen Fall des einstigen SPD-Hoffnungsträgers? Was ist in Würselen übriggeblieben vom Schulz-Hype?

Der Verein

„Im Winkel“ heißt die Straße, an der der Platz des SV Rhenania Würselen 05 liegt. Das war mal ein großer Fußballverein; die erste Mannschaft spielte Ende der 40er Jahre sogar in der höchsten deutschen Spielklasse. Heute reicht es für die Kreisliga A. In den 70er Jahren lief der zumindest kampfstarke Linksverteidiger Martin Schulz für die Jugendmannschaft der Rhenania auf, bis ihn eine Knieverletzung aus der Bahn warf.

Diese Geschichte ist mittlerweile hundertfach erzählt worden. Am Tag, als Schulz Kanzlerkandidat wurde, habe er direkt 20 Presseanfragen auf dem Handy gehabt, erinnert sich Daniel Schewior, der Geschäftsführer der Rhenania. Drei Wochen lang sei das so weitergegangen. Quasi täglich fanden sich ehemalige Mitspieler am Spielfeldrand ein und diktierten den Reportern ihre Geschichten mit und um Schulz in die Blöcke.

Schewior erzählt von den Fotografen einer bekannten deutschen Boulevardzeitung, die am Vereinsgelände über die Zäune geklettert seien, um das erste Foto vom Spielfeld zu schießen. Er erzählt von Journalisten, die Geld für den Spielerpass von Schulz geboten haben. „Wir hätten damit richtig viel verdienen können. Aber der Pass ist nicht mehr aufzufinden. Wir hätten ihn aber auch nicht rausgegeben.“

Eine „tolle Erfahrung“ sei dieser Rummel gewesen, sagt Schewior. „Wir haben uns sehr über die Aufmerksamkeit gefreut.“ Dass Schulz einmal gesagt hat, er könne es sich gut vorstellen, aktiv im Vorstand des Vereins mitzuarbeiten, wenn er kein politisches Mandat mehr ausübe, hat der Geschäftsführer nicht vergessen. „Er ist uns immer herzlich willkommen.“

Das Rathaus

Nein, ein spezielles Schulz-Archiv hat Arno Nelles nicht anlegen lassen. Das wäre dann doch zu viel des Guten. Dabei würde da einiges zusammenkommen. Nelles hat irgendwann aufgehört zu zählen, mit wie vielen Journalisten er in den vergangenen 15 Monaten über Martin Schulz gesprochen hat. Es waren jedenfalls „sehr, sehr viele“. Den meisten wird er erzählt haben, dass er in seinem Büro im Rathaus an dem Schreibtisch sitzt, an dem auch schon Schulz gesessen hat, als sein Vor-Vor-Vorgänger. Er tut es auch an diesem Vormittag, allerdings mit einer Ergänzung: „Wenn der Martin Kanzler geworden wäre, hätte ich den Schreibtisch dem Haus der Geschichte zur Verfügung gestellt. Aber so . . .“

Humor ist, wenn man trotzdem lacht; das gilt mehr denn je für die gebeutelten Genossen. Er hilft aber auch dabei, die bisweilen hämischen Spitzen gegen die rheinische Provinz wegzustecken. Es gibt nur wenige Artikel, in denen Würselens „schmucklose Klinkerfassaden“ nicht gewürdigt werden; es gibt wohl keinen Kabarettist, der sich nicht an der Stadt mit ihrem seltsamen Namen abgearbeitet hat. „Wenn man das nicht abkann . . .“, sagt Nelles, hebt dann aber doch zu einem Loblied auf die „sogenannte Provinz“ und auf das, was dort alles geleistet wird, an. Unter dem Strich fällt seine Bilanz aber positiv aus: „Die Berichte waren in ihrer Gesamtheit eine tolle Marketingaktion für unsere Stadt. Heute heißt es nicht mehr ,Würselen in der Nähe von Aachen‘, sondern ,Aachen in der Nähe von Würselen‘.“

Es hat tatsächlich Anfragen von Journalisten gegeben, die Fotos von Schulz mit Bierglas in der Hand nachgefragt haben. Die wenigen Auswüchse trüben das Bild aber nicht nachhaltig. Und heute? Was denken die Würselener über den Ehrenbürger Schulz? SPD-Mann Nelles ist sicher: „Als er Kanzlerkandidat und Parteivorsitzender wurde, waren selbst die, die ihm politisch nicht nahestehen, stolz auf ihn. Das hat sich nicht geändert.“

Die Einkaufsstraße

Ist das tatsächlich so? Es ist nicht leicht, diese Frage abschließend zu beantworten. Bei einer – zugegeben – nicht repräsentativen Umfrage auf der Kaiserstraße winken jedenfalls einige Würselener mitunter genervt ab. Das war mal anders; nach Schulz‘ Inthronisation liefen die TV- und Printjournalisten in Massen die Einkaufsstraße rauf und runter und hatten keine Probleme, Gesprächspartner zu finden.

Die, die sich heute äußern wollen, tun das eher knapp und wollen ihren Namen nicht in der Zeitung lesen. Tenor: Schulz hat Fehler gemacht, er sei im „Haifischbecken Berlin“ schlecht beraten gewesen, aber auch: „Das hat er nicht verdient.“ Der „Stolz“, von dem der Bürgermeister gesprochen hat, ist einer eher nüchternen Betrachtung gewichen. Ein älterer Herr bringt es so auf den Punkt: „Der Martin kommt aus Würselen. Er bleibt einer von uns.“ Und geht weiter.

Die Partei

Andreas Dumke ist nicht zuletzt wegen Martin Schulz in die SPD eingetreten. Über 30 Jahre ist das mittlerweile her. Sechs Jahre lang war er später Stadtverbandsvorsitzender der SPD in Würselen; im Oktober 2017 trat er dann nicht mehr zur Wiederwahl an. Kein Wunder also, dass Dumke in der heißen Phase des Schulz-Hypes vor einem Jahr erster Ansprechpartner war für Journalisten, die die politische Sozialisation des Kandidaten erkunden wollten. Und das waren sehr viele.

Was daraus geworden ist, hat ihn nicht immer gefreut. „Unsere Stadt ist teilweise heftig durch den Kakao gezogen worden. Völlig unangebracht. Wir sind eine typische Mittelstadt, nicht mehr, aber auch nicht weniger.“ Was geblieben ist? Sehr viele Neumitglieder in der Würselener SPD. Die Enttäuschung, dass es mit der Wahl und den Nachwehen nicht so gekommen ist, wie man es sich erhofft hatte. Die Enttäuschung darüber, wie man in Berlin – auch in der eigenen Partei – mit Schulz umgegangen ist. Und der Stolz auf „den Martin“, der zweifellos auch Fehler gemacht habe, aber trotzdem . . . „Er bleibt einer von uns“, sagt auch der Genosse Dumke.

Die Buchhandlung

„Bizarr“ sei der Andrang der Journalisten bisweilen gewesen, hat Dumke dann noch gesagt. Das kann Martina Schillings nur bestätigen. Die ist seine Ehefrau und Inhaberin der Buchhandlung an der Kaiserstraße, die einst Martin Schulz gehörte. Martina Schillings hat bei ihm die Ausbildung gemacht und das Geschäft später übernommen. Man kann sich vorstellen, was bei ihr im vergangenen Jahr los war. Schillings ist standhaft geblieben: kein Wort über Schulz, kein Interview. Bis auf eine Ausnahme, mit der „FAZ“.

Dass sie froh ist, dass der große Hype vorbei ist, wird schnell deutlich. Heute muss sie lachen, wenn sie erzählt, wie Kamerateams aus Russland, Japan, den USA oder Norwegen vor ihrem Geschäft rumlungerten. „Aber damals war das sehr nervig. Und auch ärgerlich, weil sich nicht alle an das Verbot, im Geschäft zu drehen, halten wollten.“ Lieber erzählt sie von den „SPD-Rentnern aus Mönchengladbach“, die nach Würselen gefahren waren, weil sie Schulz im Buchladen treffen wollten. Oder von Bestellungen aus ganz Deutschland – von Leuten, die „unbedingt ein Buch im Geschäft des Kanzlerkandidaten“ kaufen wollen. „Ich bin schon als Schwester oder auch Ehefrau von Martin bezeichnet worden. Total verrückt.“ Und nun? Was hält sie vom „Fall Schulz“? Martina Schillings bleibt sich treu: kein Kommentar.

Das Aquana

Das Spaßbad. Ein Streitthema in Würselen – von Anfang an. Und an diesem Anfang stand Martin Schulz. Als Bürgermeister hat er das Bad durchgesetzt; nicht alle in Würselen waren damals begeistert. Es gab eine Bürgerinitiative, die lieber das marode städtische Hallenbad sanieren und das Freibad behalten wollte. Bis heute muss die Stadt das Aquana-Defizit auffangen. In seiner Biografie heißt es, Schulz habe die politischen Fehler, die er damals begangen habe, später zutiefst bereut.

Heute schließt die CDU-Fraktion im Stadtrat das Aus für das Aquana nicht mehr aus. Wenig verwunderlich, dass sich der SPD-Bürgermeister und der ehemalige SPD-Stadtverbandsvorsitzene darüber aufregen, dass die ganze Geschichte noch einmal aufgegriffen wurde, um dem SPD-Kanzlerkandidaten Schulz die vermeintlichen Fehler des SPD-Bürgermeisters Schulz vorzuhalten. Ausführlich können sie begründen, warum es trotz allem richtig gewesen sei, das Aquana zu bauen. Willkommen zurück in der Kommunalpolitik.

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