Herzogenrath: Sprache so nötig wie Kleider und Nahrung

Herzogenrath: Sprache so nötig wie Kleider und Nahrung

Sprache ist ein emotionales Thema. Das zeigt sich in den Gesichtern der Flüchtlinge Fatima Aljoubori und Mamdoh Satouf bei der Übergabe von Lernmaterialien in der Stadtbücherei Herzogenrath. Satouf blättert sofort neugierig durch das Lehrbuch. Als er das kurze Kapitel über Pflanzen und Landwirtschaft entdeckt, wird er nachdenklich.

„Das ist ein gutes Buch, für den Anfang. Aber um arbeiten zu können, müssen wir viel mehr Wörter aus diesem Bereich können.“ Erklärt der promovierte Agrar-Ingenieur. Vor neun Jahren beendete er seine Promotion in Deutschland und ging zurück nach Syrien. Dass er von dort im vergangenen Jahr flüchten musste, schmerzt noch immer sehr.

Ebenso wie die 16-jährige Irakerin Fatima Aljoubori ist auch Mamdoh Satouf gefangen in einer Mühle der Frustration. Beide erzählen ihre Geschichte in einem beeindruckend guten Deutsch, wobei Fatima gelegentlich ins Englische wechselt, um keine Fehler zu machen.

In der Silvesternacht kamen sie und der Rest der Familie Aljoubori in das Flüchtlingscamp in Herzogenrath. Und schon in der gleichen Nacht begannen sie Deutsch zu lernen. Acht Stunden die Woche erhält Fatima Unterricht von Ehrenamtlern. Unter anderem von Gertrud Elsenbroch, die früher Lehrerin für Deutsch und Französisch war.

Trotz jahrelanger Unterrichtserfahrung stellt die Arbeit mit Flüchtlingen für die Pensionären eine gänzlich neue Aufgabe dar: „Oft ist es schwer zu unterrichten, da viele nur unregelmäßig kommen, man vor dem Unterricht nie weiß, wie viele diesmal teilnehmen werden.“ Die unterschiedlichen Sprachniveaus und Muttersprachen erschweren zudem eine gezielte Vermittlung von Inhalten, etwa Grammatik.

„Da muss man eben flexibel sein“, erzählt die Rentnerin von ihren bisherigen Erfahrungen. Auf ihren Lernspaziergängen durch die Stadt setzt sie vor allem auf den großen Willen der Neuankömmlinge, den Alltag in Deutschland kennen zu lernen und begreifen zu wollen. Die sei der beste Weg, einen schnellen Zugang zur Sprache zu bekommen, sagt Elsenbroch.

Unterstützt wird ihr Unterricht inzwischen auch schon von Fatima Aljoubori, die durch ihre ehrgeizige und offene Art beim Erklären und Verständigen hilft. Neben dem Wunsch, in Herzogenrath bleiben zu dürfen, hofft Fatima nichts mehr, als endlich zur Schule gehen zu dürfen, um später einmal Medizin studieren zu können. Es würde sehr helfen, hätten sie in den Unterkünften mehr Bücher zu lesen und Sprachkurse, die an das individuelle Niveau angepasst sind, um schneller und effektiver zu lernen, regt die ehrgeizige Irakerin an.

Kontakte knüpfen

Mamdoh Satouf ergänzt, dass er neben Unterricht zum Erlangen eines Basiswortschatzes, gerne Vorlesungen zu seinem Fachgebiet besuchen würde, so könne er die spezifischen Vokabeln schneller lernen und nützliche Kontakte schließen.

Einig ist man sich jedoch, dass die bisherige Arbeit der ehrenamtlichen Lehrer und Vorlesepaten bemerkenswert und absolut notwendig ist. Um diese zukünftig zu erleichtern, bietet die Stadtbücherei, dank großzügiger Spenden, zusätzliche Bildwörterbücher für besonders engagierte Flüchtlinge an, die über die Vorlesepaten und Lehrer ausgehändigt werden.

Finanziert wurden die Bildwörterbücher aus Spenden der Firma Qosmotec und der Buchhandlung Katterbach.

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