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Sport und Spaß statt Straftaten

Sport und Spaß statt Straftaten

Kreis Aachen. Gustav Zysk kennt seine Pappenheimer. Regelmäßig landet ein Stoß Papier auf seinen Schreibtisch - Inhalt: Daten von Personen, die auffällig oder gar straffällig geworden sind.

„Da kennt man schnell einige Namen”, weiß der Kriminaloberkommissar. Und Szenenkenntnis ist für seinen Job, wie er betont, unerlässlich. Zysk arbeitet im Kommissariat Vorbeugung, das 1993 eingerichtet worden ist.

Sein Fokus: Jugendkriminalität. Oder besser: Jugendschutz, der darin besteht, vorbeugende Maßnahmen zu entwickeln, um Kriminalität zu verhindern, sowie Rat und Hilfe zu leisten. Und da hat die Polizei in Stadt und Kreis inzwischen eine ganze Palette von Möglichkeiten bei der Hand - und auch alle Hände voll zu tun.

Zwar ist die Jugendkriminalität kein neues Phänomen, aber dessen zunehmende Intensität bereitet der Polizei durchaus Sorgen. In der Tat, holt Zysk aus, ist Jugendkriminalität kein Problem der Gegenwart. Schon Shakespeare schrieb über die jungen Leute, zitiert er das Wintermärchen des englischen Barden, die „die Alten ärgern, stehlen, balgen”. Dichtung und Wahrheit liegen manchmal eben doch sehr eng beieinander - auch schon vor Jahrhunderten.

Hohe Dunkelziffer

Für das Jahr 2003 liefert die Polizei handfeste Fakten: Ein Drittel der Straftaten in Stadt und Kreis Aachen wurden von Kindern, Jugendlichen und Heranwachsenden begangen. Und die Dunkelziffer, fügt Zysk an, ist enorm hoch: Auf eine Anzeige kommen drei bis fünf nicht angezeigte Straftaten, schätzt er.

Rund 75 Prozent der erfassten Fälle seien Massendelikte, die vor allem in der Gruppe begangen werden: (Laden-) Diebstahl, Sachbeschädigung, Schwarzfahren, aber auch Körperverletzung und andere Gewalttaten, bei denen die bundesweite Tendenz vor dem Kreis Aachen nicht Halt macht: Immer öfter sind die Tatverdächtigen unter 21 Jahre alt. „Bereitschaft und Intensität nehmen zu”, berichtet Zysk. „Die Hemmschwelle sinkt.”

Das Typische an der Jugendkriminalität sei auch, dass sie einen gewissen Episodencharakter habe. In den wenigsten Fällen, Zysk sagt fünf Prozent, entwickele sich eine kriminelle Karriere. Und diese Mehrfachtäter begingen den Groß- teil der Straftaten im Bereich der Jugendkriminalität. Bei den anderen „wächst sich das raus”, formuliert er, seien die Taten Einzelfälle.

Um die Präventionsarbeit in diesem Bereich kümmern sich im Aachener Kommissariat Vorbeugung fünf Beamte. Sie stehen in Kontakt mit den Kollegen vor Ort, tauschen und werten Informationen aus, arbeiten mit Streetworkern zusammen. „Alleine bekommt die Polizei das Problem nicht in den Griff”, meint Zysk.

Jugendschutzstreifen gehören ebenso zum Alltag wie das Aufsuchen der Jugendlichen an ihren Treffpunkten und auch zum Teil zu Hause. Bei Kandidaten, deren Namen häufiger in den Akten auftauchten, würden so genannte Kriseninterventionsgespräche geführt. „Bei den Eltern laufen wir oft offene Türen ein”, berichtet Zysk, obwohl sie auch häufig eine Mitschuld tragen. Es fehlten oft die drei „Z” in der Erziehung: Zeit, Zuwendung und Zärtlichkeit. Mit der Gesprächsbilanz ist er zufrieden: „Meistens fruchten sie.”

Langeweile verhindern

Das gilt auch für einige Projekte - etwa „Nachtaktiv”. Zusammen mit den Jugendämtern und den Sportbünden aus Stadt und Kreis sowie verschiedenen Trägern der freien Jugendarbeit ist das Projekt 1998 an den Start gegangen.

In inzwischen 15 Hallen gibt es ab 22 Uhr ein kostenloses Sportangebot für Jugendliche, die keinem Verein angehören. Denn Zysk weiß: „Langeweile, besonders auch in den Abendstunden, ist kriminalitätsfördernd. Hier haben Jugendliche etwas zu tun, was ihnen Spaß macht. Und wer beschäftigt ist, begeht keine Straftaten.”

Zudem sei der Sport ein geeignetes Mittel, um Sozialverhalten für den Alltag zu erlernen: dass es Regeln und Fairness gibt, dass man anderen Respekt entgegenbringen muss. Zudem könne Stress abgebaut sowie Erfolgserlebnisse erfahren und Niederlagen verarbeitet werden, sagt Zysk, der auch stolz darauf ist, dass sich aus diesem Projekt der Junior-Club von Alemannia Aachen entwickelt hat. Nachdem das Kommissariat das Projekt angeschoben hat, ist es inzwischen in qualifizierte Hände übergeben worden.

Ein anderes Projekt erlebt seit 1996 ebenfalls große Resonanz. „Gemeinsam gegen Gewalt - Schüler helfen Schülern” heißt das Programm, mit dem die Beamten in Schulklassen gehen, informieren und Zivilcourage wecken.

Die Reaktionen seien erstaunlich, berichtet Zysk. „Die Schüler lassen unsere Rollenspiele etwa nicht einfach über sich ergehen, sondern sind sehr interessiert und beteiligen sich. Darüber vergessen sie auch den einen oder anderen Pausengong.” Nach fast 1000 Terminen ist kein Ende des Dauerbrenners abzusehen. Und die Warteliste ist lang.