Würselen: Spitzenkandidat auf Heimatbesuch: Martin Schulz stimmt in Würselen ab

Würselen : Spitzenkandidat auf Heimatbesuch: Martin Schulz stimmt in Würselen ab

Manfred Wirtz hat noch schnell Papier eingesammelt, das vor dem Würselener Rathaus auf dem Morlaixplatz herumlag — weil schließlich die Weltpresse nicht den Eindruck haben soll, dass es in Würselen schmutzig ist, wie er sagt.

Martin Schulz, Spitzenkandidat der SPD bei der Bundestagswahl und Kanzlerkandidat, hat sich am Sonntagmorgen angesagt, um im Rathaus seine Stimme abzugeben. Schließlich ist er Würselener und hat als kleiner Junge gleich um die Ecke in einer Schule an der Lehnstraße die Bank gedrückt.

Und schon wieder auf dem Sprung: SPD-Spitzen- und Bundeskanzlerkandidat Martin Schulz (links)gab am Sonntag unter intensiver Beobachtung der Medien Erst- und Zweitstimme im Würselener Rathaus ab. Da fiel kaum auf, dass auch der Würselener Frank Schniske (r.) wählte — er ist Direktkandidat der FDP. Fotos (2): Karl Stüber. Foto: Karl Stüber

Manfred Wirtz ist zwar nicht in der SPD, sondern CDU-Ratsherr, aber er weiß, dass Deutschland, Europa, ja weite Teil der Welt an diesem Tag auf Deutschland und Würselen schauen. Und Wirtz ist Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Handel, Handwerk, Gewerbe und Industrie (Arge), die am Wochenende das Oktoberfest auf dem Morlaixplatz vor dem Rathaus organisiert hat. Fahnen in Weiß und Blau mit Bierwerbung stehen Spalier, als Schulz pünktlich um 10 Uhr eintrifft.

Nun haben die „normalen“ Wähler gar keine Chance mehr, ins Wahllokal zu gelangen. Fernsehteams und Fotojournalisten füllen den Raum. Und auch schon zuvor musste Würselens Kämmerer Ludwig Bremen geduldig immer wieder angesichts des Medienaufgebots zögernde Wahlberechtige den Weg zur Stimmabgabe bahnen.

Zusammen mit seiner Ehefrau Inge traf er im Wahllokal im Rathaus seiner Heimatstadt ein. Foto: Wolfgang Sevenich

Frank Schniske hat wie Schulz bei der Stimmabgabe ebenfalls ein Heimspiel. Er kandidiert auch für den Bundestag, allerdings für die FDP. Er kommt im Freizeit-Look und wählt fast unbeachtet, während Schulz ganz staatstragend feinen Zwirn trägt. Schließlich soll es gleich nach Berlin gehen.

Und schon wieder auf dem Sprung: SPD-Spitzen- und Bundeskanzlerkandidat Martin Schulz (links)gab am Sonntag unter intensiver Beobachtung der Medien Erst- und Zweitstimme im Würselener Rathaus ab. Da fiel kaum auf, dass auch der Würselener Frank Schniske (r.) wählte — er ist Direktkandidat der FDP. Fotos (2): Karl Stüber. Foto: Karl Stüber

Nach dem Urnengang des Kanzlerkandidaten hoffen die großen Sender auf Exklusivinterviews und Erhellendes noch am Wahltag. Im großen Sitzungssaal gibt Schulz aber nur ein kurzes Statement ab — und verschwindet für einige Minuten im Verwaltungstrakt, während draußen die Journalisten warten und rätseln, wo er bleibt. Zwei schwere dunkle Limousinen stehen mit laufendem Motor vor dem Rathaus.

Ernst blickende Herren mit Knopf im Ohr stehen herum. Nur wenige Bürger werden Zeugen der Szene. Erst später wird der Platz mit Menschen gefüllt sein, wenn Bürgermeister Arno Nelles (SPD) auf der Bühne des Oktoberfestes die Schützenbruderschaften empfängt. Des Rästels Lösung der „Pause“: Schulz schaut sich an alter Wirkungsstätte um.

Schließlich war er mal Bürgermeister von Würselen. Er steht in seinem alten Büro, schaut sich die Bilder der ehemaligen Bürgermeister der Stadt an. Ein paar stille Momente an einem hektischen Tag. Nur Wolfgang Sevenich, langjähriger Mitarbeiter unserer Zeitung, ist dabei und darf auf den Auslöser drücken. Er kennt Schulz seit Jahrzehnten und hat ihn einfach gefragt, ob er mitgehen darf. Schulz hat sofort Ja gesagt.

Wieder draußen wird es erneut hektisch. Von Medienvertretern umdrängt, wechselt Schulz ein paar Worte mit Bekannten. Ein letzter Blick zurück — und er ist wieder weg.

Eigentlich sollte Schulz seine Stimme in seinem „Stammwahllokal“, dem Pfarrheim von St. Pius X. abgeben, also in seinem Wohnbezirk. Aber bei der Landtagswahl im Mai erwies sich die Lokalität als zu klein, um die vielen Medienvertreter aufnehmen zu können, die die Stimmabgabe des SPD-Spitzenpolitikers für die Geschichte dokumentieren wollten. Ist der Ortswechsel ein Privileg für einen Promi? Nein.

Stadtsprecher Bernd Schaffrath sagt, Schulz mache von einer Option Gebrauch, die jedem Wahlberechtigten zusteht. Die Regelung besagt, dass Wahlberechtigte innerhalb des jeweiligen Gesamtwahlkreises, in diesem Falle der Wahlkreis 88 Städteregion II, ihr Wahllokal frei wählen kann. Schulz könnte also auch in Monschau zur aktuellen Fotoausstellung im Kuk fahren und den Ausflug mit dem Wahlgang im dortigen Rathaus abrunden.

Er darf nur nicht vergessen, den Wahlschein mitzubringen — und auch den Personalausweis, um sich identifizieren zu können. In seinem Falle könnte es ja ein übler Scherz mit einem Double sein. Auf letzteres Dokument kann verzichtet werden, wenn der Wahlberechtigte den Wahlhelfern vor Ort „von Person bekannt“ ist.

Im vorliegenden Fall wäre es kein Problem gewesen, wenn Schulz seinen Ausweis daheim oder in Berlin liegen gelassen hätte. Würselens stellvertretender Bürgermeister Winfried Hahn (SPD) zählt zum Team im Wahllokal im Düvelstädter Rathaus. Man kennt sich gut.

Zusätzliche Arbeit verursacht die Wahl eines anderen Wahllokals aber schon. In der zu führenden Niederschrift muss extra vermerkt werden, dass da jemand von außerhalb seine Stimme abgegeben hat.