Würselen: Schandfleck soll verschwinden: Abrissarbeiten am Singergelände

Würselen: Schandfleck soll verschwinden: Abrissarbeiten am Singergelände

Die Zeit ist abgelaufen. Die schon längst ausgedienten und zum Schandfleck gewordenen Gebäude auf dem Singergelände werden abgerissen. Im Auftrag des Eigners des Geländes, der Firma Groz-Beckert, rückt am Montag die A. Frauenrath Recycling GmbH aus Heinsberg an, um die Arbeit aufzunehmen.

Höchste Zeit also, um sich noch ein letzte Mal auf dem Gelände umzuschauen, bevor die Fabrikanlagen Geschichte sind. Der Zahn der Zeit hat merklich an den nicht mehr genutzten Gebäuden genagt. Immer wieder wurde die Feuerwehr alarmiert, weil Brände gelegt wurden. Viele Scheiben sind eingeworfen. Wohin auch immer man tritt, knirscht zerborstenes Glas unter den Sicherheitsschuhen. „Wertstoffdiebe“ haben Bauteile aus Metall herausgerissen. Schaltkästen, die für den nächtlichen Abtransport wohl doch zu schwer waren, liegen in Kellern. Sinnlose Gewalt auch in den Bürogebäuden. Dünne Trennwände sind eingetreten. Türen aus den Angeln gerissen. Die Natur hat Terrain zurückerobert. Der Zugang an der Kaiserstraße ist völlig zugewachsen.

Bislang nicht nur für Fotofreunde eine begehrte Foto: Karl Stüber

Auch wenn das Gelände derzeit keineswegs einladend wirkt, ist es für die Entwicklung des Stadtkerns von außerordentlicher Bedeutung. Das Areal liegt in Würselen-Mitte, wird von Kaiser- und Bahnhofstraße sowie durch bebaute Grundstücke abgegrenzt.

Unbeachtet und von vielen schon längst vergessen: Der Zugang an der Kaiserstraße (l.:), der zur ehemaligen Zigarrenfabrik auf dem späteren Singergelände führte. Achim Großmann, Vorsitzender der Kulturstiftung, setzt sich im Video-Interview für den Erhalt und die Neunutzung des Treppenturms mit angrenzendem Backsteingebäude ein. Foto: Karl Stüber

Wohnhäuser sollen entstehen

Die Stadt will nach langem Hin und Her mit Entwickler- und Investorenmodellen aktiv werden, das in wenigen Monaten von Altlasten sanierte Grundstück Groz-Beckert abkaufen und — vorbehaltlich der Entscheidung des Stadtrates — mit Hilfe lokaler und regionaler Partner mit dringend benötigten Wohnhäuser (vor allem Mietwohnungen) bebauen.

Einige Geschäfte, deren Angebote nicht mit vorhandenen Geschäften in der City „schädlich“ konkurrieren, sollen ebenfalls eingerichtet werden.

Aber nicht alle alten Gebäude sollen fallen, sagt Achim Großmann, Vorsitzender der Kulturstiftung Würselen, der direkt gegenüber an der Bahnhofstraße in einem modernen Haus wohnt und sachkundiger Begleiter des Rundgangs ist. Dort befand sich sein Elternhaus, wie er erzählt. Der ehemalige parlamentarische Staatssekretär des Bundesverkehrsministeriums verbindet mit dem Areal nicht nur stadtplanerische Visionen, sondern auch persönliche Erinnerungen. Großmann, Jahrgang 1947, hat als Kind auf dem Gelände gespielt, kann sich noch gut an Baracken erinnern, die der Aufnahme von Flüchtlingen gedient haben. Zwei ältere Geschwister, Jahrgang 1934 und 1936, haben am Rande des Geländes im Bereich der Abraumhalde aus Zeiten der Sodafabrikation (Kalkhalde) in alten Stollen schwere Luftangriffe auf Würselen überlebt.

Die Gebäudeansammlung auf dem alten Singerglände hat zwar „eine hohe orts- und industriegeschichtliche Bedeutung für Würselen“, aber aufgrund von etlichen baulichen Erneuerungen, Erweiterungen und Umbauten sowie dem Entfernen historischer Bausubstanz kann aus heutiger Sicht „ein Denkmalwert nicht mehr zugesprochen werden“. Zu diesem Urteil kommt ein Gutachten des Landschaftsverbands Rheinland (siehe Info).

Großmann knüpft mit seinem Vorschlag, zwei alte Backsteingebäude stehen zu lassen und zu einem (kulturellen) Begegnungszentrum nicht nur für Vereine und zu einem kleinen Gründerzentrum auszubauen, an die Expertise des Landschaftsverbands an. Hierin wird zumindest dem alten Treppenhausturm und Teilen des angrenzenden Gebäudes (ohne Erweiterungen) „historische Bausubstanz“ bescheinigt samt Eisensprossenfenstern und Treppengeländer in Singer-Design.

Inmitten von Einrichtungstrümmern und Glasscherben gerät Großmann im Treppenturm ins Schwärmen. Das Backsteingebäude birgt nicht nur die Auf- und Abgänge, sondern auch Toiletten auf jeder Etage. Zudem ist ein Aufzugschacht vorhanden. Vom Treppenturm aus sind also die drei Etagen des angrenzenden, aus seiner Sicht erhaltenswerten Gebäude zu je rund 500 Quadratmetern Nutzfläche auch barrierefrei zugänglich. Der Vorsitzende der Kulturstiftung zeigt auf seltsame frische Bohrlöcher in den Decken. Statiker haben sich nicht nur umgesehen, sondern auch die Bauzustand und die Tragfähigkeit der alten Architektur kritisch geprüft. Die Sub-stanz ist gesund, so die das Ergebnis der Analyse. Die Dächer der beiden Gebäude sind grundsätzlich in einem guten Zustand. Großmanns Konzept sieht als künftig Nutzungsformen hier Gastronomie, Künstlerateliers, Räume der Begegnung, Probemöglichkeiten für Musiker, kleine Start-up-Firmen, die Kunstakademie und anderes, was urbanes Leben ausmacht.

Wettlauf mit der Zeit

Natürlich setzt Großmann beim Ausbau der beiden Gebäude auf Fördermittel, aber auch auf Gönner der Geschäftswelt. Die Kulturstiftung selbst will sich engagieren. Der Stadtrat hat bereits beschlossen, dass die Stadt dies unterstützt. Nun geht es aber erst einmal darum, dass die Abrissfirma in der Tat die beiden Backsteingebäude lange genug stehen lässt. Wenn die Stadt Würselen das Areal von der Firma Groz-Beckert übernehmen kann, wird dies so sein — wenn...

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