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Nordkreis: „Rückenwind” nur vom Kandidaten bemerkt

Nordkreis : „Rückenwind” nur vom Kandidaten bemerkt

Sonntag Vormittag, elf Uhr. Seit drei Stunden läuft die Europawahl, entscheidet Deutschland über die Verteilung seiner 99 der insgesamt 732 Sitze im Europäischen Parlament. Dies allerdings tun die Bürger im Nordkreis nicht mit Hochdruck.

Leere Tassen Kaffee stehen vor den vier Wahlhelfern in der Herzogenrather Gesamtschule, dem Wahlbezirk 0302. Die wurden mit Genuss getrunken und mussten nicht eilig heruntergekippt werden, denn die Wähler zieht es hier nicht in Scharen an die Urne.

Wahlvorsteher Wolfgang Peters hat da schon anderes erlebt. „Im Vergleich zu einer Kommunalwahl ist die Beteiligung spürbar geringer”, sagt er und bestätigt damit die düsteren Prognosen im Vorfeld: Der Gang zur Europawahl steht bei vielen Deutschen nicht ganz oben auf der Prioritätenliste. Dennoch kam ein Bürger schon kurz vor Öffnung des Raums. „Der musste anschließend arbeiten”, lobt Wolfgang Peters den Einsatz in Sachen Demokratie.

Bürgerpflicht

Waltraud Gruland aus Herzogenrath ist eine derer, die das Kreuzchen auf dem Stimmzettel als Bürgerpflicht versteht. „Ich gehe immer wählen”, sagt sie, das sei einfach „eine Selbstverständlichkeit.” Denn: „Wenn ich nicht wähle, kann ich auch nichts verändern.” Auch der Alsdorfer Herbert Gebauer nutzt sein Recht. Er erwartet viel vom neu zusammengesetzten EU-Parlament, in dem zehn Mitgliedsländer mehr als bislang vertreten sein werden. Eine Nivellierung müsse das Ziel sein. Sei es bei den Löhnen, sei es bei den Kosten für das Benzin. „Der Einkaufstourismus über die Grenzen muss durch Kostenangleichung gedämmt werden.” Eines habe ihn allerdings überrascht: „Ich wusste gar nicht, dass so viele Parteien zur Wahl stehen.” 24 sind es. Eine weniger als die Anzahl der Mitgliedsstaaten.

Zuviel Schelte

Das gewachsene Europa müsse sich auch international stärker behaupten. Sagt Martin Schulz, Spitzenkandidat der deutschen Sozialdemokraten. Seit 1994 ist der ehemalige Würselener Bürgermeister Mitglied des Europa-Parlaments, seit 2002 als stellvertretender Vorsitzender der Sozialdemokratischen Partei Europas (SPE). Er gab seine Stimme im heimatlichen Würselen nahe St. Pius ab. Bevor er zur „Ergebnisrunde” nach Berlin aufbrach.

Er habe kurz vor der Wahl noch Rückenwind verspürt, auch für die eigene Partei. „Die Stimmung hat sich in den letzten zehn Tagen deutlich verbessert”, hoffe er auf Motivation der Wähler. An mangelnder Werbung der Parteien könne das Zögern beim Bürger überdies nicht liegen, „wir haben genau so viel in den Wahlkampf investiert, wie vor fünf Jahren.” Das war 1999, damals sank die Wahlbeteiligung in Deutschland bereits auf den historischen Tiefstand von 45,2 Prozent. Sind denn auch die richtigen Themen angepackt worden? Schließlich wurden hierzulande nur wenige europäische Töne auf den Wahlplakaten angeschlagen. Vielmehr nutzten die Parteien das Forum zur gegenseitigen Schelte und hielten mit zündenden europäischen Themen hinterm Berg.

Das weist er nicht zurück, doch vor allem bei jungen Leuten sei etwa der Irak-Krieg eine Motivation zum Wahlgang, vermutet Martin Schulz. Deren Hoffnung auf friedliche Zukunft müsse das Parlament Rechnung tragen.

„Wir sind noch zu sehr ein schlafender Riese”, bedauert der Spitzenkandidat. „Wir müssen künftig stärker auftreten und den Konflikt suchen.” Auch im Interesse derer, die nicht wählen. Diejenigen, welche Wahlhelferin Hannelore Esser im Pfarrheim der Evangelischen Kirche in Alsdorfs Mitte vermisst. „Die Hälfte weniger als zu einer Kommunalwahl”, überschlägt sie zum frühen Nachmittag. Macht das die Arbeit schwerer, macht sich Langeweile breit? Nein. „Wir sind ja zu mehreren hier, da können wir uns länger unterhalten.”

Die Ergebnisse der einzelnen Wahlkreise unserer Region finden Sie in unserem Wahlspecial.