Alsdorf: Rettungskräfte wissen, dass der Tod zum Leben gehört

Alsdorf: Rettungskräfte wissen, dass der Tod zum Leben gehört

Georg Steinmetz weiß nie, was ihn erwartet, wenn er zu einem Einsatz gerufen wird. Das kann der kleine Junge sein, der mit dem Fahrrad gestürzt ist, die Oma, die über ein Stechen in ihrer Brust klagt oder die junge Frau, die bei einem Autounfall lebensgefährlich verletzt wurde und zu verbluten droht. So dramatisch sind nicht alle Fälle. Dennoch wird Steinmetz oft mit dem Tod konfrontiert. Er ist 36 Jahre alt und Rettungsassistent.

Wenn im Feuerwehrhaus an der Luisenstraße in Alsdorf ein lauter Gong zu hören ist, ist das für Steinmetz und seine Kollegen das Signal, dass ein Notruf bei der Leitstelle eingegangen ist. Sie wissen, dass jetzt jede Sekunde zählt. In weniger als einer Minute müssen sie im Rettungswagen sitzen und unterwegs sein — zum Einsatzort, zum Notfall.

Bei den eingehenden Notfällen wird unterschieden zwischen nicht akuten Fällen, wie Schnittverletzungen und Bauchschmerzen und Lebensbedrohlichen, also Brustschmerzen mit Verdacht auf Herzinfarkt, Anzeichen eines Schlaganfalls oder Unfälle, bei denen jemand schwer verletzt wurde. Bei letzterem wird mit dem Notruf ein Notarzt zum Einsatzort geschickt.

Immer andere Gegebenheiten

Während der Fahrt zum Einsatzort geht Steinmetz im Kopf alle möglichen Situationen durch. Heißt konkret: Er muss sich mit dem Gedanken auseinandersetzen, dass er vielleicht einen Patienten wiederbeleben muss. „Wenn ich im Kopf verschiedene Szenarien durchspiele, hilft mir das am Einsatzort“, sagt Steinmetz.

Innerhalb von Sekunden muss Steinmetz sein Wissen abfragen, Entscheidungen treffen, funktionieren. Und das fängt schon mit den Gegebenheiten vor Ort an. Wo der Rettungswagen abgestellt wird, ist dabei genauso wichtig, wie die Frage, ob ein Hund am Einsatzort ist oder Gegenstände weggeräumt werden müssen, die die Rettung des Patienten erschweren — oder sogar unmöglich machen.

Es ist noch gar nicht lange her, da hat Steinmetz 20 Gartenzwerge von einer Treppe wegräumen müssen, damit er den Patienten aus dem Haus transportieren konnte. „Wir wollen nichts kaputt machen“, sagt Steinmetz. Im Notfall kann das aber passieren.

Anfangs war es für ihn ein komisches Gefühl in die Privatsphäre fremder Menschen einzudringen. Mittlerweile ist es für ihn zur Routine geworden. Mit 19 Jahren hat er angefangen sich in der Freiwilligen Feuerwehr zu engagieren. Seit 2007 ist er hauptamtlicher Rettungsfeuerwehrmann, seit 2009 Rettungsassistent. Steinmetz arbeitet im Schichtdienst. 24 Stunden arbeiten, 48 Stunden frei. „Das ist manchmal belastend, weil man keinen Rhythmus hat“, sagt er.

Steinmetz hat aber vielleicht genau deswegen ein enges Verhältnis zu seinen Kollegen. Er verbringt viel Zeit mit ihnen, und er muss sich in Notfällen immer auf sie verlassen können. „Der Beruf schweißt zusammen.“ Im Ernstfall hängt das Leben eines Menschen davon ab.

Wenn Steinmetz und seine Kollegen am Einsatzort eintreffen, ist Schnelligkeit und Organisation gefragt. Jeder weiß dann genau, was er zu tun hat. Dabei hilft Steinmetz und seinen Kollegen vor allem, dass sie immer nach dem gleichen Schema vorgehen. Die wichtigste Frage, die Steinmetz sich stellen muss: Ist das Leben bedroht oder nicht? Danach werden Vorerkrankungen erfragt, der Blutdruck gemessen, ein EKG gemacht. Es ist immer das gleiche Schema. „Man wartet eigentlich nur darauf, das umzusetzen, was man gelernt hat.“

Zu der Einschätzung der Situation gehört auch, dass sich jemand um die Angehörigen kümmert, sie beruhigt und ihnen erklärt, was passiert. Angehörige, die sich in ihrer Angst panisch verhalten, können die Rettung behindern. Die sind Steinmetz aber lieber, als die Besserwisser, die meinen, ihm erklären zu müssen, wie er seine Arbeit zu tun hat. Steinmetz hat aber Verständnis dafür. „Wer Angst um einen geliebten Menschen hat, handelt in Notfallsituationen unüberlegt“, sagt er.

Unüberlegt handeln wohl auch die vielen Gaffer, mit denen Steinmetz bei seiner Arbeit häufig konfrontiert wird. Was sie dem hilflosen Patienten, damit antun, wüssten die wenigsten. Dennoch ist er sich sicher, dass 90 Prozent der Gaffer nicht bewusst ist, was sie tun.

Die Sensationslust sei bei manchen in solchen Situationen so groß und ungehemmt, dass sie sich mit den Konsequenzen ihres Handels nicht auseinandersetzen. „Eigentlich sollte es selbstverständlich sein, dass sich das Filmen von Verletzten nicht gehört. Aber was ist schon selbstverständlich, sagt Steinmetz.

Manche Menschen haben nicht einmal Verständnis dafür, dass Rettungswagen auch schon mal eine Kreuzung oder einen Hauseingang blockieren können. „Wir werden oft aufgefordert, das Fahrzeug umzuparken, um die Straße frei zu machen. So etwas gehört für uns zur Tagesordnung. Gelegentlich ist das auch mit Beleidigungen verbunden. Wir versuchen aber höflich und professionell zu bleiben. Wir blockieren eine Straße schließlich nicht, weil wir es können, sondern weil die Situation es verlangt.“

Oft käme es auch vor, dass besorgte Nachbarn wissen wollten, was passiert ist. Häufig fühlten sich die Leute vor den Kopf gestoßen und sähen es als Arroganz an, wenn man sie zurückweisen muss.

Dass Steinmetz an das Gute im Menschen glaubt, hat mit seiner Arbeit zu tun. Er will Menschen retten. Das ist sein Ziel bei jedem Einsatz. Dass das nicht immer gelingt oder in seinen Händen liegt, weiß er. Egal, wie oft Menschen, während eines Einsatzes gestorben sind, der Tod wird niemals zur Routine. Wenn Steinmetz einen Schwerverletzten nicht retten konnte, belastet ihn das. Mit Musik und Gesprächen mit seinen Kollegen schafft er es aber, irgendwie damit umzugehen. „Man lernt, dass der Tod zum Leben dazugehört.“