Reichen freiwillige Tattoo-Standards?

Hygienebestimmungen : Reichen freiwillige Tattoo-Standards?

Laut einer Studie der Universität Leipzig trägt jeder fünfte Deutsche ein Tattoo. Kunst liegt im Auge des Betrachters: Ob Ölgemälde, Steinskulpturen, Fotografien, aber auch Tattoos – was dem einen gefällt, muss der nächste nicht schön finden.

„Das gehört bei künstlerischen Dingen nunmal dazu“, sagt Dominik Estorer, Chef vom Würselener Tattoostudio Stichpunkt. Trotzdem gibt es für ihn beim Thema Tattoo Grenzen. Etwa total verstochene Motive. „Auch wenn natürlich auch da der Blick von Kunde zu Kunde und von Tätowierer zu Tätowierer unterschiedlich ist. Aber handwerklich sollte alles in Ordnung sein. Am Ende müssen alle Parteien zufrieden sein.“

Verstochene Motive sind hingegen rein rechtlich völlig in Ordnung. Generell ist der Weg zum eigenen Tattoostudio ein relativ kurzer. Eine Anmeldung beim Gewerbeamt genügt. Fertig. Eine Ausbildung zum Tätowierer gibt es nicht. Das hat vor allem eins zur Folge: Es gibt viele schwarze Schafe in der Branche, die das schnelle Geld im Auge haben. Was den seriösen Studios bleibt, ist die Moral: Vernünftig stechen, hygienisch sauber arbeiten und auch Kundenwünschen zur Not kritisch gegenüberstehen. „Man sollte eben nicht nur das Geld im Kopf haben, auch wenn das für beide Seiten gilt – sowohl für den Tätowierer als auch den Kunden“, sagt Estorer.

Gesetzliche Vorschriften?

Die Moral reicht einigen Politikern aber nicht. Gitta Connemann, Bundestagsabgeordnete der CDU, forderte jüngst: einheitliche Hygienevorschriften, verpflichtende Beratungsgespräche und eine anerkannte Ausbildung. „Entscheidend ist, dass ein Kunde sich darauf verlassen können muss, dass der Tätowierer Qualitäts- und Hygienestandards einhält“, sagt sie. Dafür hat sie auch die zwei großen Tattoo-Verbände Deutschlands mit ins Boot geholt.

Dabei gibt es nur ein Problem: Ein Großteil der professionellen Tätowierer ist gar nicht in den Verbänden organisiert. Die vielen schwarzen Schafe, oft „Kellerkinder“, da sie meist in eigenen Wohn- oder Kellerräumen tätowieren, wie man auch in der Tattoo-Szene sagt, sind sowieso außen vor. Generell fände er die Ideen aus dem Bundestag gar nicht schlecht, sagt der Studiobesitzer. „Es gibt viele Katastrophentätowierer, denen könnte man das Leben so etwas schwerer machen“, sagt er. Dadurch könne ein gewisser Grundstandard gesichert werden – Luft nach oben gibt es in der Kunst bekanntermaßen immer.

Bei seriösen Studios würde sich an den sowieso schon existierenden, ungeschriebenen Hygienestandards wohl nichts ändern. „Wie bei anderen Studios auch, werden bei uns alle Nadeln nur für einen Kunden benutzt, die Farben immer ausgetauscht.“  Allerdings: Die Frage, wer denn über die Richtlinien für den künstlerischen Beruf bestimmen soll, setzt ein Fragezeichen auf Estorers Gesicht.

Es sind meist die Kellerkinder oder unausgebildete Kollegen – soweit man sie so nennen darf – , die für Probleme sorgen. Ob die durch strengere Regeln damit aufhören würden? Das bezweifle Estorer. „Alle unsere Geräte sind hochwertig und nach deutschen Standards hergestellt.“ Würde man einen Blick über die Grenze wenige Kilometer entfernt werfen, sehe das schon anders aus. „Auch bei unseren Gast-Tätowierern achten wir deswegen darauf.“ Mit Farben, die nicht aus Deutschland stammen, darf gesetzlich schließlich gar nicht tätowiert werden.

Ein weiterer Faktor ist natürlich auch der Kunde. „Ein Tattoo ist eine offene Wunde. Auch wenn wir hygienisch top arbeiten, muss der Kunde sich an zuvor besprochene Pflegehinweise halten. Nachsorge ist das A und O. Wenn er dann trotzdem mit einem frischen Tattoo an der Hand etwa ungeschützt arbeiten geht, kann sich das natürlich entzünden“, sagt Estorer.  Daran würden auch keine strengen Hygienestandards etwas ändern. Die würden eher das Gesundheitsamt überfordern – was teils jetzt schon der Fall sei.

Estorer könne verstehen, dass es für den Kunden nicht immer leicht sei, ein gutes Tattoostudio von einem schlechten zu unterscheiden. Er sagt aber auch: „Ein Tattoo ist ein Luxusartikel.“ Von Massenware, Kunden, die wie Nummern behandelt werden, aber auch Preisdumping hält er gar nichts. „Ein Tattoo ist fürs Leben, da sollte nicht der Preis der Entscheidungsgrund Nummer eins sein.“

Auch genug Zeit für die Auswahl für das passende Motiv und den richtigen Tätowierer solle man sich nehmen. „Ohne persönliches Beratungsgespräch wird bei uns niemand tätowiert. Für jedes Motiv gibt es den passenden Tätowierer. Einen Allzweck-Tätowierer gibt es nämlich nicht. Das ist genau wie bei Malern. Auch Preise machen wir deswegen nur vor Ort.“ Dann werde man die Qualität des Studios kennenlernen – inklusive moralischer und hygienischer Standards.

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