Würselen: Pures politisches Chanson: Ernste Töne von Katja Ebstein

Würselen: Pures politisches Chanson: Ernste Töne von Katja Ebstein

Katja Ebstein hat ihre Fangemeinde. Der Saal im alten Rathaus war rappelvoll. Größtenteils reifere Semester. Im Laufe des Konzerts verließen einige wenige von ihnen vorzeitig den Saal.

Vielleicht hatten sie die Ebstein von früher erwartet, die Schlagersängerin, die mit „Wunder gibt es immer wieder” 1970 den dritten Platz beim Grandprix dEurovision gewann?

Diese Ebstein war es nicht mehr. Höchstens äußerlich. Noch immer fließen ihre glatten braunen Haare über die Schultern, noch immer leuchten ihre mandelförmigen Augen. Vielleicht ist ihr Auftreten noch ein bisschen schlichter geworden. Die Würselener Bühne betritt sie im dunkelgrauen Outfit, lockerem Pullover und Hose.

Von dem, was Katja Ebstein heute zu sagen hat, ist das Publikum positiv überrascht. Katja Ebstein, die sich in den 1980-er Jahren unter anderem als Theater- und Fernsehschauspielerin betätigte, ist politisch geworden, sie packt in ihrem Programm „Na und? Wir leben noch!” eine ganze Palette von Anklagen gegen bestehende Zustände aus. Mit ihrem Rundumschlag, sozusagen einer umfassenden Deutschlandkritik, trifft sie den Nerv vieler Zuhörer.

„Jungs, macht weiter so, wir bekommen schon alles kaputt”, „alles was uns lieb und teuer ist, wird verkauft”, „das Kasperletheater im Bundestag”, „keine Bank ist für uns da”, „die Industrie muss die Waffen immer besser machen, deshalb muss sie die ganzen Kriege am Laufen halten”, „wollt Ihr noch stolz auf Deutschland sein?”, lauten einige ihrer Botschaften.

Sie sagt es mit Liedern und Gedichten von Kurt Tucholsky, Georg Kreisler, Udo Lindenberg, Hanns Dieter Hüsch, Stefan Sulke, Hannes Wader und eigenen Worten. Der Liedermacher-Szene fühlt sie sich eng verbunden. Hannes Wader ist für sie „ein Don Quijote, den seh ich so.”

Ebsteins Gesang erklingt an diesem Abend nicht aus einer heilen Schlagerwelt, sondern das ist pures politisches Chanson. Gedichte trägt sie nicht vor, sie erzählt sie mit der ganzen Kraft ihres Wesens, und zwar so, dass man kaum den Übergang spürt zu den Plaudereien mit dem Publikum. Zwischen der Künstlerin und den Köpfen im Dunkeln verschwindet fast vollständig die Distanz, wenn sie ihrer Berliner Schnauze freien Lauf lässt. Die waschechte Berlinerin hat man den „Wundern” damals nicht angemerkt, auch das eine Überraschung: „Nicht zu fassen, diese Talkshows, wo se alle quasseln, aber ich reg mich nich mehr uff”, keine Antworten gebe es auf all ihre Fragen, „nüscht”.

Mit der Chance, dass doch alles besser zu ertragen sein könnte, empfängt Ebstein ihre Gäste nach der Pause. „Ich setz auf die Liebe” und „Ich habe ein zärtliches Gefühl für jeden Nichtsnutz” - die Sängerin möchte Hoffnungs- und Heiterkeitsakzente setzen. Friedrich Holländer, Erich Kästner, Bertolt Brecht und Heinrich Heine sollen ihr dabei helfen. Zum Teil gelingt es. Bertolt Brechts Lied von der Kellerassel ist wirklich lustig. Aber Heinrich Heine mit seiner schmerzlichen Sehnsucht, das Berliner Liebeskummerlied, der melancholische Erich Kästner, und selbst Ebsteins leidenschaftlich herausgeschmettertes „Auf den Berg will ich steigen und lachend auf euch niederschaun” können die leichte Resignation, die die Künstlerin verströmt, nicht mehr überdecken. In ihre Begeisterung über die deutsche Wiedervereinigung will niemand so richtig einstimmen, sie merkt es selbst.

Aber das Publikum liebt sie, das ist deutlich zu fühlen. Nach einer Zugabe und sehr intensivem Applaus entlässt Ebstein ihre Zuhörer begeistert - und nachdenklich.