Alsdorf: Projekt Gartenbiotop will Grünoasen erhalten und erweitern

Alsdorf : Projekt Gartenbiotop will Grünoasen erhalten und erweitern

Jeder Garten ist anders und für sich und die Bewohner des Hauses mehr oder weniger wichtig. Manchen reicht eine kleine Rasenfläche mit wenigen Beeten, andere haben wahre Grünoasen geschaffen. In der Fläche, etwa in der Siedlung Alsdorf-Begau, werden die Gärten in ihrer bunten Vielfältigkeit zu einem großen Biotop.

Mit Blick auf den Trend, Gartenflächen der Einfachheit halber zu pflastern oder in Schotterflächen umzuwandeln, sollen Gärten erhalten sowie auf freiwilliger Basis verbessert werden, das ist Ziel der Aktion Gartenbiotop des Obst- und Gartenbauvereins Mariadorf-Begau. Dessen Vorsitzender Georg Lompa sagt: „Das Projekt Gartenbiotop hatten wir als Beitrag in den Wettbewerb ‚Unser Dorf hat Zukunft‘ in die Arbeitsgruppe ‚Grüngestaltung und Dorf in der Landschaft‘ eingebracht. Das wurde von unserer Dorfgemeinschaft bei einer Zusammenkunft im August vergangenen Jahres mit großem Beifall gebilligt.“ So ermutigt, wurde das Vorhaben weiter vorangetrieben.

Blühende Vielfalt — nicht nur fürs Auge, sondern auch zum Erhalt einer lebenswerten Umwelt: Das Projekt voran bringen wollen (Bild unten v.l.) Kurt Letmathe, Dieter Schwan, Eric Genter, Modellprojektpate Franz-Josef Emundts (BUND Kreisgruppe Aachen-Land) und Georg Lompa (OGV Mariadorf-Begau). Foto: Colourbox

Im Juli lud ein mehrseitiges Schreiben an die Bewohner der Siedlung zur Teilnahme ein. Zwischenzeitlich haben gut 40 Hausbesitzer ihr Interesse bekundet.

Die Grundidee ist von Bürgern in der südlichen Städteregion entwickelt worden und wurde sogar von der Kölner Bezirksregierung als förderungswürdig eingestuft. Unter der Bezeichnung Dorfbiotop wird es aus einem Fonds der Europäischen Union gefördert. „In Anlehnung daran haben wir unsere Aktion Garten-biotop genannt“, so Lompa. Fördermittel gibt es hier indes nicht, man setzt auf Eigeninitiative und nachbarschaftliche Hilfe.

Großen Wert legen er und seine Mitstreiter darauf, dass es nicht um Besserwissen oder gar Belehrung geht. Der Begriff Biotop soll nicht abschreckend wirken. Es sei nicht Ziel, neue Flächen anzulegen, die meistens noch viel Arbeit mit sich bringen. „Es geht darum, das Potenzial, das in den Gärten unserer Siedlung vorhanden ist, zum Wohle der Natur einzusetzen und gleichzeitig die Gartenpflege unter dem Aspekt von Zeit- und Kostenersparnis zu optimieren.“

Franz-Josef Emundts vom Bund für Umwelt und Naturschutz Kreis Aachen (BUND) ist Pate des Vorhaben des Obst- und Gartenbauvereins: „Wir wollen darauf aufmerksam machen, wie man mit geringem Aufwand und mit der Natur Gärten gestalten kann.“ Neben reichlich Infomaterial über biologische Vielfalt und das Zusammenwirken von Flora und Fauna (zum Beispiel „Blüten für Schmetterlinge und Bienen“, „Wie helfe ich einer Libelle?“) gibt es Erhellendes über „gebietseigenes Pflanzmaterial“ und Kontakte.

Mit den Jahren haben sich die Gärten in der Siedlung verändert. Bei älteren Häusern waren früher überwiegend Nutz- und Wirtschaftsgärten angelegt. Tomaten, Gurken und mehr waren als preiswerte Nahrungsmittel willkommen. Zwischenzeitlich vollzog sich ein Bedeutungswandel, ist dem Verein bewusst. Die Gärten dienen unter verschiedenen Aspekten den jeweiligen Bedürfnissen.

Während bei jungen Familien zumeist Rasen und Spielgeräte im Mittelpunkt stehen, um dem Bewegungsdrang der Kinder Rechnung zu tragen, rücken bei Älteren Ziergärten in den Mittelpunkt, besagte Grünoasen. Gartenpflege und die Bedürfnisse der Natur, so Lompa, können oft einfach in Einklang gebracht werden. Er nennt das Beispiel Ligusterhecke.

Viele Grundstücke „auf der Begau“ sind damit abgegrenzt. Sie sind wertvoller Nahrungslieferant für Bienen und können damit dem Insektensterben entgegenwirken — wenn man die Hecken blühen lässt, wie Lompa betont. Das ist noch nicht einmal mit Mehrarbeit verbunden. Der Vereinsvorsitzende: „Alles, was man dafür tun muss, ist, den Zeitpunkt des Heckenschnitts auf die Blütezeit abzustimmen.“ Mit solchen und vielen anderen Tipps will der Obst- und Gartenbauverein Mariadorf-Begau aufwarten. „Wir kommen aber nicht, um im großen Stil neue Gärten anzulegen“, wird vor falschen Erwartungen gewarnt.

Die Teilnahme am Gartenbiotop ist von den Organisatoren bewusst flexibel gestaltet. Erprobte Ideen sollen thematisiert, eigene Vorstellungen unterstützt werden. Dazu gehört der Austausch mit Gleichgesinnten nicht nur über den Zaun hinweg.

Letztlich geht es also auch um soziale Aspekte, um Wachsen und Zusammenwachsen in einer dörflichen Struktur. Hierfür interessiert sich Oliver Müller, an der Universität Bonn wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projekt „Partizipative Entwicklung ländlicher Regionen“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). In seiner Doktorarbeit untersucht er Beteiligungsprozesse von Bewohnern im Rahmen der Umsetzung von Leader-Projekten (EU-Förderprogramm) und anderen Maßnahmen der Dorfentwicklung, die durch ehrenamtliches Engagement und Vereine getragen werden — wie eben in Begau.

Das Besondere am Projekt ‚Gartenbiotop‘ ist aus seiner Sicht dass mit privatem Einsatz Teile eines Projekts aus der Eifel adaptiert und nun eigenständig umgesetzt werden, „ohne dass dafür eine institutionelle Förderung zur Verfügung gestanden hat“. Doktorand Müller: „Das macht das Projekt Gartenbiotop so interessant für unsere Untersuchung.“

Er interessiert sich für die Motivation der Bewohner und die Auswirkungen dieser Beteiligung auf „Formen der sozialen Organisation“, etwa Nachbarschaft oder die Identifikation mit dem Ort, der Region und der umgebenden Landschaft. Dazu will er Interviews mit Engagierten führen und selbst an Pflegemaßnahmen teilnehmen, „um die Praxis zu verstehen“. Das soll keine Einbahnstraße sein. „Gegenleistung“ wird sein, dass Müller die Arbeit in Begau dokumentiert und wissenschaftlich reflektiert.

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