Herzogenrath: Pastoralteam der Pfarre St. Josef Straß legt einen Sozialfonds auf

Herzogenrath: Pastoralteam der Pfarre St. Josef Straß legt einen Sozialfonds auf

Die Finanzen im kirchlichen Bereich werden angesichts der wachsenden Zahl an Kirchenaustritten immer knapper. Gemeindefusionen waren die sichtbarste Folge aus dieser Entwicklung. Das Kirchliche Immobilien Management (KIM) ist eine weitere Konsequenz, im Zuge dessen bistumsweit Pfarrimmobilien veräußert, umgenutzt respektive von der Zuschussliste des Bistums genommen werden, wie jüngst die Kirchen St. Mariä Verkündigung in Bank und St. Mariä Heimsuchung in Kämpchen.

Eng wird es auch in der weiteren pastoralen Arbeit, so hat die Pfarre St. Gertrud jetzt angekündigt, zum Jahresende die Offene Tür schließen zu müssen, der wachsenden Personalkosten wegen, die nicht mehr gestemmt werden könnten.

Ungeachtet der Konfession

Noch nie von Reichtum gesegnet war die Straßer Gemeinde St. Josef. Was die Verantwortlichen dort seit langem schon zu besonderer Kreativität in Sachen Finanzierung ihres vielfachen Pfarrlebens bewegt hat — ganz im Sinne der Sozialpastoral, der sie sich verpflichtet fühlen. Über Jahre hinweg sind diverse Projekte aufgelegt worden, um den wachsenden Problemstellungen zu begegnen: die Mittagstisch-Initiative „Tellerrand“, das Unterstützungsnetzwerk „Vergissmeinnicht“, die Kleine Offene Tür und natürlich auch die Offene Ganztagsschule. Um das alles zu bewahren, hat das Pastoralteam, die Gemeindeleitung der Pfarre, seit dem vergangenen Jahr schon auf der Suche nach regelmäßigen Spendern, jetzt einen Sozialfonds aufgelegt. „Auf die Sprünge“ ist er betitelt und soll Menschen im Stadtviertel ebenso wie Freunde der Gemeinde ansprechen.

Durchaus im Bewusstsein, dass die Gemeindemitglieder bereits Kirchensteuer zahlen, und das teilweise in nicht unerheblichem M aße, wie Gemeindereferent Wilfried Hammers darlegt. Die Akteure appellieren daher an das Verantwortungsgefühl der Mitbürger. „Mit Herz, Kopf und Hand für ein Leben in Fülle“ lautet die Losung des Straßer Pastoralkonzepts. Jeder im Ort soll daran teilhaben können, ungeachtet von Konfession oder gar Einkommen.

Fast 900 Euro monatlich kommen jetzt bereits als Spenden in der Pfarre zusammen, wie Ute Kremer-Schäfer, Pfarramtssekretärin und Mitglied des Kirchenvorstands, darlegt. Rund 35 Spender stehen dahinter: „Wenn wir zum Beispiel noch 300 Leute fänden, die 10 Euro im Monat spenden würden, dann kämen wir schon sehr weit.“

Wertvolle Arbeit wird in Straß in ganz unterschiedlichen Bereichen für ganz unterschiedliche Zielgruppen geleistet: dreimal wöchentlich etwa öffnet die Kleine offene Tür (KOT) für Kinder und Jugendliche, die Zuwendung brauchen, wie Bernhard Ruhl, Vorsitzender des Kirchenvorstands, darlegt. Nach einem Leitungswechsel soll nun bald auch ein neues Konzept für die jungen Leute aufgelegt werden.

Drei Beschäftigte machen den „Tellerrand“ aus, die erfolgreiche Mittagstischinitiative für alte Menschen genauso wie für junge, die nach der Schule eine Mahlzeit brauchen. Die fest angestellte Küchenleiterin wird von der Pfarre getragen, die beiden Helferinnen werden über das Programm „Förderung von Arbeitsverhältnissen“ (FAV) vom Jobcenter mit finanziert. Und im „Tellerrand“-Garten, in dem frisches Gemüse für den Speiseplan wächst, sind bislang Ein-Euro-Kräfte beschäftigt und qualifiziert worden.

Für die Menschen im Quartier

Das jüngste Projekt ist das nachbarschaftliche Unterstützungsnetzwerk „Vergissmeinnicht“, dessen Anschubfinanzierung nach drei Jahren nunmehr ausläuft. Mit dem Sozialfonds soll vor allem die wichtige Arbeit von Sozialarbeiterin Eva Sommer weiter finanziert werden, um ihre Stelle zumindest schon einmal bis Jahresende zu sichern. Dann wird man wieder weitersehen müssen. Eva Sommer bietet aufsuchende Quartiersarbeit und unterstützende Kontakte überall, wo Hilfe nötig ist — von der Stillberatung über notwendige Umbauten für ein barrierefreies Zuhause bis zur Trauerarbeit. „Schulen, Kitas, Friseure, Bäckereien, Pflegedienste, Trauercafé, Altenheim, Pflegestützpunkt und auch soziale Projekte anderer Träger sind alle bei uns ins Netz eingebunden“, hat sie in unserer Zeitung einmal beschrieben.

Als nächstes geplant ist eine Großveranstaltung zu einem immer prominenteren Thema in unserer Gesellschaft: Demenz. „Konfetti im Kopf“ heißt die Kampagne, die v on dem Fotografen Michael Hagedorn mitinitiiert wurde und unter der Schirmherrschaft von Alt-Bundespräsident Roman Herzog steht. Ein Bewusstsein zu schaffen für Menschen mit Demenz, Berührungsängste abzubauen und Offenheit für das Thema zu fördern, die Würde und Lebensfreude Betroffener sichtbar zu machen, den Zugang zu Hilfen zu ebnen und die effektive Zusammenarbeit von Mandatsträgern, Verbänden, Vereinen und Unternehmen zu fördern, sind die Ziele der Aktion. In Berlin war der Auftakt der Aktivierungskampagne, die nach und nach durch viele deutsche Städte ziehen will. Eine trinationale Großveranstaltung hat Wilfried Hammers für den Spätsommer 2016 im Visier. Eva Sommer bringt als ausgebildete Krankenschwester viel Erfahrung im Umgang mit Demenzkranken und ihren Angehörigen mit.

Präventives Potenzial

Sie widmet sich überdies der Flüchtlingsarbeit in der Pfarre, betreut die Familie, die in der Wohnung des Pfarrhauses Aufnahme gefunden hat. Dazu gehört alles, was über die Pflichtleistungen seitens der Stadt nicht abgedeckt ist, etwa die Behandlung von Traumata der Mutter und ihrer Kinder, die den Schrecken des Bürgerkriegs in ihrer syrischen Heimat entkommen sind.

Eine breite Palette pastoraler Arbeit wird in Straß auch mit einem hohen Anteil an ehrenamtlichem Engagement abgedeckt. Wilfried Hammers: „Alle Welt erzählt, wie toll dezentrale, sozialraum-orientierte Arbeit ist. Aber keiner stellt Geld dafür zur Verfügung.“ Dabei stecke dahinter so viel präventives Potenzial, das sich mit Blick auf den sozialen Zündstoff nur leider nicht beziffern lasse: „Und das ist das Problem.“ Reicht der Kirchensteueranteil denn nicht aus für eine Sozialpastoral, wie sie so gerne von der Kirche öffentlich propagiert und in der Straßer Gemeinde denn auch tatsächlich gelebt wird? Hammers: Leider nein, weil trotz der häufigen finanziellen und personellen Unterstützung gerade für die Sozialpastoral durch das Bistum Aachen die strukturelle Unterfinanzierung der Gemeinden immer weiter voranschreitet. Dazu kommt, dass meiner Meinung nach ein insgesamt zu geringer Betrag der Kirchensteuer unten ankommt, auch weil durch die Spaltung der Gesellschaft die Problemlagen und der damit nötige Finanzbedarf ständig steigen.