Nordkreis: Opfer von Bergbauunglücken in der Region in Listen erfassen

Nordkreis: Opfer von Bergbauunglücken in der Region in Listen erfassen

Die Aufgabe ist gewaltig. Und womöglich kann auch ihre Sammlung nie ganz vollständig sein. Doch dass sie die bisherigen Listen deutlich erweitern wird, steht für Veronika Leisten außer Frage.

Die ehemalige Standesbeamtin hat damit begonnen, die Namen aller bei Bergbauunglücken in der Region Getöteten zu erfassen. „Es gibt sehr viele, die bislang in keiner Liste auftauchen.” Diese Menschen endlich zu benennen, ist ihr eine Herzensangelegenheit.

Blick der Standesbeamtin

2004 wurde die Alsdorferin pensioniert. Dieser Tage besucht sie des öfteren ihre alte Wirkungsstätte und wälzt dort die Sterbebücher. Jede einzelne Urkunde schaut sie sich gründlich an, begonnen hat sie bei denen aus dem Jahr 1900.

Damals waren amtliche Schriftstücke in der Regel in Sütterlin- oder Deutscher Schrift verfasst. „Wer nicht oft mit solchen Texten zu tun hat, kann so etwas wohl kaum lesen”, sagt sie. Ihr jedoch fällt es relativ leicht. Dank ihrer beruflichen Erfahrung, die ihr jetzt die Türen öffnet. Denn nicht jeder darf einfach so die alten Akten zur Hand nehmen.

„Mir haben aber schon Kollegen aus Standesämtern in anderen Kommunen signalisiert, dass sie mich auch reinlassen werden”, sagt sie. Deshalb ist die engagierte Dame ein echter Glücksfall für den Bergbaumuseumsverein. Dort gibt es seit langem den Wunsch nach einer neuen, gründlichen Aufnahme möglichst aller Opfer des Bergbaus im Aachener Steinkohlerevier. In einem Buch oder auf Tafeln in der geplanten Barbarakapelle könnten die Namen veröffentlicht werden.

Die Crux der bisherigen Listen: Es wurden nur diejenigen Bergleute erfasst, die unter Tage in direkter Folge eines Unglücks starben. Diejenigen, die bereits tot an die Erdoberfläche geholt wurden. „Das hat mit der Regelung der Rente für Hinterbliebene zu tun”, sagt Josef Kohnen, Vorsitzender des Bergbaumuseumsvereins. Wer aber lebend geborgen werden konnte und erst ein paar Tage, Wochen oder Monate im Krankenhaus an den Folgen des Unglücks starb, taucht nicht in der Statistik auf.

Deshalb sei etwa die offizielle Zahl des großen Grubenunglücks auf Anna II in Alsdorf vom 21. Oktober 1930 mit Vorsicht zu genießen. Am 11. Dezember des Jahres hatte der Eschweiler Bergwerksverein (EBV) einen offiziellen Nachruf veröffentlicht: 271 Tote weist er aus.

Doch schon jetzt hat Veronika Leisten viele weitere Namen ergänzt, die sie in Sterbebüchern gefunden hat. Von Menschen etwa, die nach der Explosion im Bardenberger Knappschaftskrankenhaus starben.

Kirchenbücher zu Rate ziehen

„Es wird noch viele geben, die sich unter Tage noch bis zur Grube Maria Hauptschacht durchschlagen konnten und deren Namen in alten Hoengener Sterbebüchern auftauchen.” Oder die es bis nach Adolf in Merkstein schafften und dort starben. So wird sie auch in Herzogenrath forschen müssen.

Nicht nur den Opfern des schwersten Grubenunglücks der Region will sie Namen geben und dazu auch alte Kirchenbücher zu Rate ziehen. An jedes einzelne Opfer namentlich erinnern zu können - das ist ihr Ziel.

Der Weg dorthin ist lang. Doch mache er ihr großen Spaß. „Ich habe ja einen Blick für die Schlagworte, nach denen ich in den Akten suchen muss.” Finde sie ein weiteres, ein „neues” Unglücksopfer, sei das auch ein wenig befreiend. „Wenn man die Namen der bei Bergbauunglücken zu Tode Gekommenen erfassen will, muss man alle erfassen. Sonst wird man dem Schicksal dieser Menschen nicht gerecht!”