Würselen: Nach langer Suche ist der Schöpfer der Pietá nun bekannt

Würselen: Nach langer Suche ist der Schöpfer der Pietá nun bekannt

Was für eine Fügung: Viele Jahre war der Künstler unbekannt, der die Pietá geschaffen hat — das Herzstück der Kriegergedächtniskapelle in St. Sebastian. Jetzt steht fest: Der Künstler war Lambert Joseph Piedboeuf. Die Suche nach dem Urheber war nicht so einfach.

Als die 1,55 Meter hohe und 1,47 Meter breite in Farbe gefasste hölzerne Pietà aus dem Jahre 1927 vor zwei Jahren bei Renovierungsarbeiten in der Kirche vor weiteren Holzwurmbefall geschützt wurde, stellte sich die Frage nach deren Schöpfer neu. Hubert Schoenen, Mitglied des Geschichtskreises der Pfarre, gab den Anstoß, Leiter Hubert Wickerath zeigte ebenfalls großes Interesse. Jedoch verlief die Suche nach eingeschnitzten Initialen zunächst erfolglos. Einbezogen in die Bemühungen, die Schmerzensmutter mit dem vom Kreuz genommenen Jesus einem Künstler zuzuordnen, wurde auch der Leiter des Kulturarchivs der Stadt, Heinz-Josef Küppers.

Da sich keine Anhaltspunkte gefunden hatten, ruhten die Nachforschungen geraume Zeit. Neuen Schwung erhielten sie bei der Arbeit des Geschichtskreises an dem Werk „Vom Kirchhof zur Stele“, als sich dort die Frage stellte, wie die Gedächtniskapelle St. Sebastian Erwähnung finden sollte, sowie auch durch die Jahrestage der beiden Weltkriege, 28. Juli 1914 Ermordung des österreichischen Thronfolgers in Sarajevo und 1. September 1939 Überfall auf Polen.

Schließlich kam der Zufall zu Hilfe. Küppers: „Ich blättere in den vom damaligen Dechanten Engelbert Goergen herausgegebenen Pfarrbriefen aus dem Jahre 1963. Hier tauchte zum ersten Mal der Name eines Bildhauers in Verbindung mit der Pietà auf: ,Pickboef‘. Er sollte der Schöpfer der schmerzhaften Mutter in der Gedächtniskapelle sein.“ Noch am selben Abend habe er Hubert Wickerath über diese „heiße Spur“ informiert.

Auch in Aachen aktiv

Er recherchierte unverzüglich im Internet. Doch der Name Pickboef war nicht aufzufinden, nicht einmal ein Hinweis darauf. Bei aller Euphorie über die heiße Spur wieder eine Fehlanzeige. Dieses Mal wollte Wickerath die Namenssuche nicht wieder auf sich beruhen lassen. „Ich wandte mich ans Stadtarchiv in Aachen. Bereits am nächsten Tag flatterte mir ein Brief der Mitarbeiterin Margarete Dietzel ins Haus.“ Sie löste das Rätsel, warum Wickerath nicht im Internet fündig geworden war, auf. Handelte es sich bei dem gesuchten Bildhauer doch um den am 3. Februar 1863 in Aachen geborenen und am 29. November 1950 in Bad Reichenhall verstorbenen Lambert Joseph Piedboeuf. Die dicken „Dreher“ im Pfarrbrief waren der Grund dafür gewesen, dass das Internet eine Antwort schuldig geblieben war.

Bei dem Sohn des Polsterers Hypolith Piedboeuf handelte es sich nicht um irgendeinen Aachener Bildhauer, sondern, wie Wickerath zu belegen weiß, um „den profiliertesten“. Drei Jahre lang war er Schüler des Aachener Bildhauers Gottfried Götting und nach einem Jahr Mitarbeit an der Kölner Dombauhütte Volontär bei dem Aachener Bildhauer Johann Lorenz Opree. 1887 machte er sich selbstständig und wurde fortan im Aachener Adressbuch als Bildhauer geführt. Darüber hinaus war er als Professor an der Kunstgewerbeschule in Aachen tätig. Der renommierte Bildhauer „verewigte“ sich in Aachen unter anderem durch die drei Statuen an der Fassade von St. Michael in Burtscheid, durch das Kalvarienberg-Relief an St. Nikolaus (City-Kirche), durch eine Pietà in St. Elisabeth sowie durch eine thronende Madonna mit Kind und eine Christus-Figur in der Herz-Jesu Kirche, aber auch durch Grabdenkmäler für die Pfarrer von St. Paul und der Familie Heinen im Aachener Campo Santo auf dem Westfriedhof II sowie durch acht Statuen an der Rathausfassade.

Aber auch über Aachen und Würselen hinaus setzte er sich Denkmäler, so 1904 durch die Mariensäule in Alsdorf, 1897 durch den Kalvarienberg in St. Remigius Viersen, das Kriegerdenkmal in Mönchengladbach und in Moresnet Belgien durch den Kalvarienberg für die Marien-Wallfahrtsstätte. Auf dem Burgtorfriedhof in Lübeck erinnert ein Christus-Standbild an den vielseitig beschäftigten bildenden Künstler und in St. Wendel (Saarland) der Hochaltar aus dem Jahre 1896. Im schon fortgeschritteneren Alter stellte er seine künstlerischen Qualitäten im sakralen Bereich 1930 in San Antonio (Texas) unter Beweis. Lambert Joseph Piedboeuf hatte auch eine poetische Ader. Und machte sich als Mundartdichter in seiner Heimatstadt Aachen einen Namen.

Küppers und Wickerath sind stolz darauf, im Team-Work das Geheimnis der Zuordnung „ihrer“ künstlerisch wertvollen Pietà für alle Zeiten gelüftet zu haben.

Der Kriegergedächtniskapelle wird in dem in Arbeit befindlichen Werk „Vom Kirchhof zur Stele“ nicht nur wegen der bildhauerischen Kostbarkeit ein eigenes Kapitel gewidmet werden. Vielmehr auch deswegen, weil sich in ihren Säulen und Stuckarbeiten das Bild der alten Kirche widerspiegelt, die in den letzten Kriegsmonaten des Zweiten Weltkrieges ansonsten restlos zerstört worden war. Eine Frage bleibt noch unbeantwortet: Handelt es sich bei der Pietà um eine Auftragsarbeit eines gläubigen Spenders oder der gesamten Pfarre?

(ehg)
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