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Herzogenrath: Moses ist ein stummer Zeuge des NS-Terrors

Herzogenrath : Moses ist ein stummer Zeuge des NS-Terrors

Nicht nur am geschichtsträchtigen 9. November, sondern tagtäglich mahnt und warnt er. Vor dem Terror und den Gräueltaten der Hitlerdiktatur im nationalsozialistischen Deutschland: Moses, die Bronzefigur im Kreisverkehr am Herzogenrather Bahnhof, die sich manchem erst nach Betrachtung der Tafel am Sockel als der Israelitenführer zu erkennen gibt.

Dass der zornig blickende Mann einst einen stattlichen Vorgänger hatte, wissen heute immer weniger Bürger.

Aufklärungsbedarf, den Gottfried Sevenich gewillt ist, immer wieder zu leisten. Seit Jahrzehnten widmet er sich dem Schicksal des Herzogenrather Moses. „Die Statue übte schon als Kind eine besondere Faszination auf mich aus.”

Entstanden war sie 1852 aus einem in den Nivelsteiner Kiesgruben gefundenen großen Sandstein. Der Baesweiler Bildhauer Wings formte daraus eine 3,80 Meter große und 7,5 Tonnen schwere Skulptur des biblischen Moses mit den Gebotstafeln. „Es war ein netter Kerl im Stil eines Michelangelo, mit wallendem Haar und langem Bart”, so Gottfried Sevenich wehmütig.

Der Stab fehlte

1856 schickten die stolzen Roda-Städter das Kunstwerk zur Pariser Weltausstellung. Von dort kehrte es ohne Auszeichnung zurück, weil das Komitee den aus der Bibel bekannten Stab vermisste. Da die Stadt die Transportkosten nicht bezahlen konnte, blieb die herrenlose Figur am Bahnhof, wo sie ein Podest aus Bahnsteigschwellen erhielt. Diese faulten zweimal, doch außer einem bei einem Sturz erlittenen Kratzer an der Nase überdauerte Herzogenraths Moses die Jahre und wuchs den Bürgern ans Herz.

Bis zur Nacht vom sechsten auf den siebten Februar 1934. „Es war ein absoluter Schock, wie konnte man das tun”, erinnert sich Gottfried Sevenich. Was war geschehen? Knapp ein Jahr zuvor hatten die Nationalsozialisten die Macht in Deutschland ergriffen, und ihren Sympathisanten war der Israelitenführer ein Dorn im ideologisch verklärten Auge.

Sevenich: „Drei Eisenbahner banden ein Drahtseil um den Moses und an eine Lokomotive. Die fuhr dann an - und so wars um den armen Kerl geschehen.”

Großer Zorn

Vom Kopf und Teilen des Torso fehlen bis heute jede Spur - einige Stücke sollen zum Fuchsberg geschleift und dort vergraben worden sein. „Der Zorn über den Verlust war groß”, so Sevenich weiter. Der Großteil der Bevölkerung konnte der Überzeugung der Täter, die nie zur Verantwortung gezogen wurden, nichts abgewinnen.

28 Jahre sollte es dauern, ehe nicht nur der Wunsch nach einem neuen Moses, sondern auch das Stadtbudget dank Ferdinand Schmetz groß genug war: Der Nadelfabrikant stiftete 1962 die Skulptur, wie man sie heute kennt. Damals jedoch war es zunächst ein Skandal.

Gottfried Sevenich, der die mehrtägigen Feierlichkeiten für „Moses Wiederkehr” organisiert hatte, wusste zunächst nicht, was er von Moses II. halten sollte: „Das Männlein war nicht das, was man erwartet hatte. Die Enttäuschung war anfänglich sehr groß, man hatte ein ähnlich kolossales Denkmal wie zuvor erwartet.”

Mahnung zu Bescheidenheit

Die zornige Erscheinung ist gewollt: Bildhauer Kurt-Wolf von Borries stellt den Augenblick dar, in dem Moses vom Sinaiberg hinabsteigt und sieht, wie sein Volk um das goldene Kalb tanzt. Im übertragenen Sinn eine Mahnung zu Bescheidenheit, Gemeinnutz und nicht zuletzt eine Warnung vor der Anbetung eines Götzen, - in Person Adolf Hitlers -, dem sein Vorgänger zum Opfer fiel.