Würselen: Moderne Blicke in das Land der Zitronen

Würselen: Moderne Blicke in das Land der Zitronen

Zwei Halbzeiten mit Italien haben ja immer etwas Reizvolles an sich. Sei es nun beim Fußball oder in der Kultur: Es scheint eine besondere Verbindung der Deutschen mit „Bella Italia“ zu geben. Letzteres war auch der Titel des zur schönen Tradition gewachsenen literarischen Abends im Alten Rathaus in Würselen.

Das Kulturforum Würselen hatte dabei Gudrun Hoppe, Christa Ross, Dietrich Hoppe, Ludger Singer und Günter Kölling als kompetente Reiseführer in den „Stiefel“ Europas verpflichtet.

Oder besser gesagt gefunden, denn diese Reiseleitung ging nicht oder nur höchst selten mit einem gebundenen Reiseführer in der Hand durch das Land, wo die Zitronen blühen. Vielmehr nahmen sie den voll besetzten Saal mit auf eine Reise, die hinter Gedrucktem und Verschriftetem lag. Im ersten Teil liefen sich dafür auch die großen Wort- und Schriftführer der „Tedesci“, also der deutschen Seite, warm.

Hermann Hesse entführte die Gäste über die Alpen, auch Goethes beinahe zu oft zitiertes „Mignon“ — das mit den blühenden Zitronen — durfte nicht fehlen. Aber auch moderne Blicke wie die von Konstantin Wecker, der durchaus einen ganz eigenen Blick auf das Traumziel Venedig warf, gehörten dazu.

Angenehme Seitenblicke

Ohnehin sorgte die Besatzung der Tour durch Italien für einige sehr angenehme Seitenblicke, wie sie oft bei Fahrten mit dem Omnibus aus dem Seitenfenster in Regionen auftauchen, die für Reiseveranstalter eigentlich nur Durchfahrtsorte sind.

So zeigte Dietrich Hoppe beispielsweise eindringlich und augenzwinkernd in den Ansichten eines Italophilen auf, wie wenig existent doch die Mafia tatsächlich ist und wie viel mehr das traditionelle Bild der Mafia eigentlich nur ein Konglomerat von wirklichkeitsnahen Eindrücken der Reisenden ist.

Musik vom Feinsten steuerte Ludger Singer bei, der nicht nur den Flügel swingen ließ und zu erwartende wie unerwartete Musik intonierte. Vielmehr brachte er mit Feuer, Sensibilität, Ausschweifendem und Kurzem die Vielfalt der italienischen Seele aus deutschem Blick auf den Punkt.

Das Spiel drehte sich

Nach der Pause drehte sich das Spiel komplett, denn nun nahmen die „Tifosi“ sich des Spielballs an. „Wir haben ein wenig in der zeitgenössischen Literatur gewildert und einige sehr unterschiedliche Kurzgeschichten der bekanntesten Schriftsteller herausgesucht“, erklärte Günter Kölling schon beim Anpfiff zur zweiten Hälfte.

Der warme Wind vom Mittelmeer wehte beispielsweise die herrlich anzuhörende „Perücke“ von Natalia Günzburg in die Würselener Kulturgemeinde.

„Eine frivole Geschichte“ durfte bei Elsa Mortante natürlich nicht fehlen und Umberto Eco zeigte beinahe gestikulierend auf, warum es eine Schande ist, keine Feinde zu haben.

Musik von unter andere Luciano Pavarotti mit seinem klassischen „Mamma“ fehlte da ebenso wenig wie der Blick auf das Verhältnis zwischen Mutter und Sohn aus der Sicht Dacia Marainis.

Und so endete der Abend noch vor Ludger Singers Interpretation von „Arrividerci Roma“ mit einem Unentschieden. Nicht, dass Poesie, Persönliches und scheinbar Profanes keine herrliche Mischung ergeben hätten. Vielmehr konnte es — ganz im Gegensatz zu den Fußballspielen auf Länderebene — an diesem Abend einfach keine Sieger geben, dazu war der Mix aus Ernsthaftem, Spielerischem und Neckischem einfach zu gelungen.

„Chapeau“

„Chapeau“ hieß es für diese ausgezeichnete, kurzweilige, abwechslungsreiche und informative Unterhaltung zu recht von den Gästen im ganz in Grün, Weiß und Rot illuminierten Saal.

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