Herzogenrath: Mobbing und Aggression: Gewaltfreiheit lässt sich leicht erlernen

Herzogenrath : Mobbing und Aggression: Gewaltfreiheit lässt sich leicht erlernen

Die anfangs noch zarte Stimme wird lauter: „Stopp, Sybille, box mich nicht!“, ruft ein kleines Mädchen aus der ersten Klasse immer selbstbewusster. Sie steht Sybille Wanders mit ausgestrecktem Arm gegenüber und blickt ihr fest in die Augen.

„Die Körperhaltung ist dabei sehr wichtig“, erklärt Trainerin Wanders, „der Oberkörper muss dem Gegenüber zugewandt sein. Wenn sich die Kinder wegdrehen, wirkt es schüchtern und die Aussage verliert ihren Nachdruck“. Gerade übt sie mit den Schülern, wie sie sich richtig verhalten sollen, wenn sie körperlich angegangen werden.

„Stopp, das möchte ich nicht“: So können sich Kinder auch in jungen Jahren gegen Mobbing und Aggressionen wehren. Foto: Anna Küsters

Ausgrenzung und Mobbing

Zwischen 2003 und 2006 entwickelte sie das Konzept „Gewaltfrei lernen“ und arbeitet mittlerweile mit Kindern im Alter von drei bis 20 Jahren zusammen. Ausgrenzung und Mobbing sollen präventiv verhindert und den Kindern beigebracht werden, wie sie sich gegenseitig in heiklen Situationen helfen können.

Wichtig dabei sei immer, dass der Lernprozess in Bewegung geschehe. „Man muss mit dem ganzen Körper lernen“, betont Wanders. Erst dann speichere das Gehirn die richtigen Abwehrbewegungen als alternative Reaktion bei Auseinandersetzungen ein. Die Diplomsportlerin, die sich unter anderem auf Judo und Selbstverteidigung spezialisiert hat, lässt auch Komponenten dieser Sportarten mit einfließen.

In Aachen hat sie mittlerweile schon mit fünf Schulen zusammengearbeitet, Anfang März ist das Projekt nun in der Gemeinschaftsgrundschule Kämpchen in Herzogenrath gestartet. Alle acht Klassen, vom ersten bis zum vierten Schuljahr, nehmen an drei Kursen à 90 Minuten teil.

Aber nicht nur für die Schüler gibt es Input: Zum einen besuchten alle Lehrer eine Fortbildung, in der die Übungen und Gedanken von „Gewaltfrei lernen“ weitergegeben wurden, zum anderen waren auch die Eltern zu einem Infotag eingeladen, an dem über das Projekt aufgeklärt wurde. Hier konnten sie auch die Spiele kennenlernen, mit denen ihren Kindern ein gewaltfreier Umgang beigebracht wird.

Immer mehr Hänseleien

„Wir haben in den letzten Jahren beobachten können, dass sich Schüler immer öfter untereinander gehänselt haben. Das beginnt bei kleinen Sachen wie seinem Sitznachbarn die Stifte wegzunehmen über den Gebrauch von Schimpfwörter bis hin zu im schlimmsten Fall Raufereien“, erklärt Schulleiterin Gaby Schwartz-Bernd.

Als sie von Wanders‘ Projekt hörte, war sie sofort begeistert. „Jedem Kind muss sein eigener Entwicklungsraum gelassen werden, es kann nicht sein, dass sich die Schüler diesen gegenseitig einschränken oder wegnehmen“, sagt Schwartz-Bernd.

Schon jetzt merke sie unter den Schülern eine erhöhte Sensibilität respektive einen respektvolleren Umgang miteinander. Sie sei gespannt, wie viel die Schüler nach den Osterferien noch von den Trainingseinheiten abrufen könnten.

Zum Beispiel die Stopp-Regel in drei Schritten. Die Kinder werden aufgefordert, sich einen Partner zu suchen und sich abwechselnd hinten am T-Shirt des anderen festzuhalten. Sagt der Geärgerte zwei Mal klar und deutlich Stopp, ist es Zeit für den von Sybille Wanders betitelten „Zauberspruch“.

Wenn sich die Schüler mit den Worten „Ich habe schon zweimal Stopp gesagt“ an eine Lehrkraft wenden, ist diese verpflichtet, helfend einzugreifen.Bei jeder Übungseinheit ist sowohl eine Lehrkraft als auch eine Erzieherin mit dabei, so dass auch eine Verbindung zwischen Schülern und Lehrern entstehen kann.

Ebenfalls Teil des Trainings sind Spiele wie „Krebs und Haifisch“. Ein Kind sitzt auf dem Boden, klemmt sich einen Ball zwischen die Füße und dreht sich. Ein anderes versucht, indem es um das am Boden sitzende Kind herumläuft, an den Ball zu gelangen. Gelingt das, wird getauscht. So entstehe eine Balance aus Antiaggressionsspielen und Freundschaftsspielen, führt Wanders aus.

Angesprochen werden bei den Kindern auch Themen wie Freundschaft zwischen Jungen und Mädchen und die Verwendung von Schimpfwörtern. „Ich möchte, dass ihr bis zum nächsten Treffen nach den Osterferien keine Schimpfwörter benutzt“, gibt Wanders den Schülern am Ende des Trainings mit auf den Weg.