Würselen: Martin Schulz: Anekdoten und Nachdenkliches zur EU

Würselen: Martin Schulz: Anekdoten und Nachdenkliches zur EU

Hier, wo Martin Schulz elf Jahre lang die Ratssitzungen geleitet hat, wird er mit viel Applaus und sogar verhaltenem Jubel empfangen.

Schüler der vier weiterführenden Würselener Schulen sind im großen Sitzungssaal des Rathauses; einige Ratsvertreter und interessierte Bürger sind ebenfalls gekommen. Kein Platz ist mehr frei, die Empore ist gefüllt, einige stehen in den Türen. Es ist sein erster öffentlicher Auftritt in der Region, seit Martin Schulz am Dienstag zum Präsident des Europäischen Parlaments gewählt wurde.

„Anstrengend”, seien die vergangenen Tage gewesen, erzählt er. Die Wahl war „ein besonderer Akt und hat mich nicht kalt gelassen”. Und jetzt freut er sich, wieder „en Wöschele” zu sein. An diesem Tag wird er sich in das Goldene Buch der Stadt eintragen. 1996 hatte Martin Schulz zugesehen, wie einer seiner Vorgänger, Klaus Hänsch, der von 1994 bis 1997 Präsident des Europäischen Parlaments war, das in seinem Beisein als Bürgermeister getan hatte. Nun ist er selbst dran.

Die Anstrengung der vergangenen Woche ist ihm anzusehen, doch wenn es um Europa und die vielen Fragen der Jugendlichen im Ratssaal geht, ist der ehemalige Klosterschüler und Primus in biblischer Geschichte hellwach. Er redet aus Überzeugung von der Europäischen Union, vermittelt seine Begeisterung, ohne dabei seine Meinung aufzudrängen. „Ich habe festgestellt, dass die Menschen es schätzen, wenn jemand die Wahrheit und seine Meinung sagt.” Das habe er während seiner Zeit als Bürgermeister getan, er habe es bis heute so gehalten und wolle es auch weiterhin so handhaben.

Entspannt sitzt Martin Schulz im Sessel auf dem kleinen Podium im Ratssaal und beantwortet in seiner charakteristischen Art, konkret und an mancher Stelle auch kritisch, die Fragen des Moderators, bevor er und Bürgermeister Arno Nelles sich für die Debatte mit den Jugendlichen erheben und sich an den Stehtisch begeben. Die dahinter drapierte EU-Fahne wird zur Seite geräumt, alle Anwesenden sollen den Ehrengast sehen können. Dann geht es weiter - um Atomkraftwerke, Eurobonds, Schuldenkrise und immer wieder die Zukunft Europas. Auf die Frage, wie man sich heute als Jugendlicher für Europa begeistern könne, verweist er auf den „sozialen Sockel”, den die Einigung Europas darstelle und den es zu sichern gelte.

Und dann wird der frisch gewählte Präsident des Europaparlaments nachdenklich. Mit Blick auf das Datum, den 20. Januar, erinnert er an die vor 70 Jahren stattgefundene Wannsee-Konferenz, deren Ziel darin bestand, die Deportation der Juden zu koordinieren. Es wird still im Raum, betroffene Gesichter sehen nach vorne. „Wir müssen den Nationalismus und diese Dämonen in Schach halten”, sagt Martin Schulz ruhig aber bestimmt. Worte, die ankommen.

Über zwei Stunden steht Martin Schulz Rede und Antwort, motiviert die Jugendlichen zum persönlichen Einsatz für ein gemeinschaftliches Europa und verspricht, den Austausch zwischen Schülern, Auszubildenden und Studenten in Europa zu einem seiner Hauptaufgabenfelder zu machen. Denn: „Das Kennenlernen von unterschiedlichen Nationen gehört zu unserer Zukunftssicherung.”
Nach dem Eintrag in das Goldene Buch der Stadt geht der Vormittag mit einem aufgeschlossenen Schulz allmählich zu Ende.

Einige Schüler rutschen schon auf den Stühlen, andere warten geduldig, bis die Pressevertreter ihre Fragen gestellt haben. Sie wollen die vielleicht einmalige Gelegenheit für ein Andenken nutzen und ein gemeinsames Foto mit dem neuen EU-Parlamentspräsidenten machen.

Dass Martin Schulz Europa am Herzen liegt, ist den Schülern bewusst geworden; auch ihr Interesse ist in den vergangenen Stunden gewachsen, so der Tenor.

Dass sich Martin Schulz nach seiner ersten präsidialen Amtszeit nicht aus der Politik zurückziehen möchte, wird als positive Nachricht gewertet. Aber bis dahin sind ohnehin noch zweieinhalb Jahre Zeit. Und die will Martin Schulz gut nutzen, daran lässt er keinen Zweifel aufkommen.

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