Alsdorf: Kunstfan Manfred Kappes machte Karl Otto Götz eifersüchtig

Alsdorf: Kunstfan Manfred Kappes machte Karl Otto Götz eifersüchtig

Jeder kennt sie: Die Fans, die eine Menge Geld für ihre Lieblingsband bezahlen, ihr nachreisen, etliche CDs im Schrank stehen haben und kaum ein Konzert verpassen, nur um ihren Idolen ganz nah zu sein.

Manfred Kappes (70) ist auch Fan. Aber nicht etwa von einer Rockband, sondern von Kunst — um genauer zu sein von Karl Otto Götz, einem der Hauptvertreter der abstrakten Malerei der Nachkriegskunst, der vor kurzem mit 103 Jahren gestorben ist. Für Kappes ist beides legitim. Deswegen bemüht er diesen Vergleich auch gerne, wenn man ihn auf seine Leidenschaft anspricht.

Von Katrin Fuhrmann Alsdorf. Jeder kennt sie: Die Fans, die eine Menge Geld für ihre Lieblingsband bezahlen, ihr nachreisen, etliche CDs im Schrank stehen haben und kaum ein Konzert verpassen, nur um ihren Idolen ganz nah zu sein. Manfred Kappes (70) Foto: Katrin Fuhrmann

Betritt man das Haus von Kappes in bester Alsdorfer Wohnlage, könnte man meinen, man sei in einer Galerie. An jeder Wand hängt ein Gemälde, in jeder Ecke steht eine Skulptur. Schnell verliert man sich im Staunen, Grübeln — und Schätzen. Was hier an der Wand hängt, muss einen unfassbaren Wert haben. Und das hat es auch. Nicht, weil jedes Bild eine hohe Summe Geld gekostet hat, das hat das eine oder andere auch, wertvoll sind sie, weil jedes Bild einen ideellen Wert hat, zumindest für Kappes.

Eine Skulptur, die Götz‘ Kopf darstellt, steht bei den Kappes im Wohnzimmer. Natürlich darf auch Götz Markenzeichen, die schwarze Mütze nicht fehlen. Foto: Katrin Fuhrmann

Alles beginnt vor etwa 50 Jahren. Kappes ist damals 20 Jahre alt. Seine damalige Freundin malt. Und irgendwie fasziniert sie ihn damit.

Kappes hat nie gemalt. Dafür sei er einfach nicht der Typ. Und dafür fehle ihm wohl auch das Talent, sagt er. Jedenfalls fängt Kappes damals an, sich für Kunst zu interessieren. Er besucht Ausstellungen, knüpft Kontakte — und ist plötzlich mittendrin. „Es gibt nicht diese eine Geschichte, die mich zur Kunst gebracht hat. Es ist eher die Faszination“, sagt er.

Den Aachener Künstler Karl Otto Götz lernt Kappes bei einer Vernissage kennen. Er ist begeistert von seiner Kunst. Dieses Informelle, wie Götz seine Stilrichtung nennt, also die Auflösung des klassischen Formprinzips, ist für Kappes sozusagen die Art von Kunst, nach der er gesucht hat. „Diese Schwingungen und außergewöhnlichen Formen und Varianten haben mich mitten ins Herz getroffen“, sagt Kappes.

Götz habe ihm einen ganz besonderen Zugang zur Kunst ermöglicht. Denn: Götz nimmt Kappes mit in die Szene — zu Ausstellungen und Freunden. Dadurch lernt Kappes eine Menge wichtiger Leute kennen, wie er sagt. Auktionäre, Künstler, Kunstprofessoren. Götz ist damals schon fast 80 Jahre alt, Kappes noch keine 50.

„Es ist schon etwas anderes, ob man ein Bild von einem Künstler nur kauft, weil einem die Arbeit gefällt oder weil man die Person, die hinter dem Bild steckt, persönlich kennt und schätzt“, sagt Kappes. Zu Götz sei schnell eine Freundschaft entstanden. Man sei sich irgendwie sympathisch gewesen. Diese Sympathie führte sogar so weit, dass Götz seinen 95. Geburtstag bei Kappes feierte — in kleiner, vertrauter Runde. So mochte es Götz, und so mochte es auch Kappes.

Anfangs muss Götz Kappes wohl für einen Spinner gehalten haben, ist sich Kappes sicher. Schließlich hatte er, wie er sagt, gar keine Ahnung von Kunst. „Ich habe mich zwar schon viele Jahre für Kunst interessiert und fand es spannend zu beobachten, wie Götz arbeitet, aber ich habe zum Beispiel nie die Wertigkeit eines Bildes einschätzen können“, sagt Kappes. Das ist heute anders. Kappes weiß mittlerweile, dass der Wert eines Bildes nicht nur von der Größe, dem Entstehungsdatum, dem Motiv, der Signatur des Künstlers und der Stilrichtung abhängig ist, sondern vor allem von den Mechanismen der Mode und des Marktes.

Kappes kauft nicht nach Wertigkeit, sondern nach Geschmack. Gefällt ihm ein Bild, muss er es haben. Ob der Künstler nun bekannt ist oder eben nicht. Kappes‘ Frau ist da anderer Meinung. Sie sagt: „Kauf‘ lieber weniger, dafür Qualität und Namen.“

Kappes geht es finanziell gut. Er ist Geschäftsführer der AWD Druck und Verlag GmbH in Alsdorf. Er kann sich Bilder im vierstelligen Bereich leisten — und doch ist er froh, dass seine Frau ihn beim Kauf bremst. „Sonst würde ich wohl unser ganzes Geld für Bilder ausgeben“, sagt er und grinst übers ganze Gesicht. „Früher hatte ich keine Linie. Ich habe einfach das gekauft, was mich ansprach und Emotionen in mir ausgelöst hat“, sagt er. Und ergänzt: „Es gibt Bilder, die würde ich mir heute nicht mehr kaufen. Das sind echte Sünden.“

Verkaufen würde Kappes seine Bilder dennoch nicht. „Wer weiß, vielleicht gefallen sie mir irgendwann wieder“, sagt er. Einige von Kappes Freunden sehen Kunst als gute Kapitalanlage. Dem widerspricht Kappes. Noch. Vererben will er die Bilder seinen Kindern, ob sie diese dann verkaufen oder behalten — das müssten sie selbst entscheiden. Also vielleicht doch eine gute Kapitalanlage?

Wie viel Kappes schätzungsweise für die Bilder ausgibt, darüber redet er nicht. Immer mal wieder erwähnt er am Rande, jenes Bild habe 3000 Euro gekostet, im nächsten Satz spricht er von einem Schnäppchen für 200 Euro.

Von Jörg Immendorff, dem Bildhauer, Zeichner und Professor an der Kunstakademie Düsseldorf, der 2007 gestorben ist, hat Kappes einige Werke, ebenso von dem Aktionskünstler Joseph Beuys. Von dem besitzt er übrigens auch eine Latzhose, die er in seiner Galerie im Keller eingerahmt hat. Wie genau er in ihren Besitz gekommen ist, verrät er nicht.

„Auch wenn Karl Otto es mir gegenüber nie zugegeben hat, er war immer eifersüchtig, wenn ich mir Bilder von anderen Künstlern gekauft habe“, sagt Kappes. Und das, obwohl die meisten der Schmuckstücke, die bei Kappes an der Wand hängen, von seinem Freund Karl Otto sind. Und auf die ist Kappes besonders stolz. Viele hat sein Freund davon signiert.

Kappes besucht heute etwa zehn bis 15 Ausstellungen pro Jahr. Auktionen meidet er. Genauso wie Museen. „Diese Informationsflut, die man da bekommt, nervt mich. Man kann die Kunst gar nicht richtig genießen“, sagt er. Und außerdem muss Kappes sich selbst schützen, wie er sagt. Mittlerweile hätte er so viele Bilder, er müsse aufhören zu sammeln. Der Platz reiche einfach nicht — obwohl Kappes Haus locker 300 Quadratmeter hat.

Wenn der Fan der Rockband nach einem Konzert die Möglichkeit bekommt, seine Idole zu treffen und womöglich noch ein Selfie mit ihnen machen kann, dann ist er im siebten Himmel. So wie Kappes, wenn er mal wieder einem Künstler die Hand schütteln und mit ihm ins Gespräch kommen kann — so wie damals mit Götz.

Mehr von Aachener Zeitung