Herzogenrath: Krötenwanderung: Mit dem Eimertaxi sicher in den Weiher

Herzogenrath: Krötenwanderung: Mit dem Eimertaxi sicher in den Weiher

Es herrscht Verkehrschaos an der Bergerstraße am Broicher Weiher: Hunderte Kröten und Lurche haben sich auf den Weg gemacht vom bewaldeten Hang an der Bergerstraße in Richtung des kleinen Sees auf der anderen Seite, der in der aufgehenden Sonne glitzert.

Am Abend zuvor sind sie losgekreucht auf dem Weg zur ihrem Laichgewässer. Große Tragödien würden sich auf der Straße abspielen — denn Autofahrer nehmen eher wenig Rücksicht auf die kleinen Amphibien, die sich vor ihren Reifen befinden — gäbe es nicht grüne Krötenzäune auf beiden Seiten der Fahrbahn. Sie bilden eine Barriere für die Tiere und verhindern so den sicheren Tod auf dem Asphalt.

Es ist kalt an diesem Morgen, fünf Grad, aber die Sonne scheint. Günter Kalinka ist warm eingepackt und wirft einen Blick gen Himmel. „Leichter Niederschlag, bedeckter Himmel und noch etwas wärmer müsste es sein“, sagt er. An einem solchen Spitzentag würden rund 300 Kröten und Molche in den Eimern landen, die entlang des Schutzzauns in den Boden eingelassen sind. In sie plumpsen die Amphibien hinein beim Versuch, die Straße zu überqueren.

Jeden Morgen gegen sieben und abends gegen acht drehen Kalinka und seine Mitstreiter ihre Runde vom Hallenbad bis zum Ende der Bergerstraße, sammeln die Tiere ein und bringen sie im „Eimertaxi“ zum Weiher, damit sie dort ihre Eier legen können. „Und das bei jedem Wetter seit Anfang März“, sagt Kalinka. Er hat noch neun Mitstreiter, die entweder in der Nähe wohnen, der AG Wurmtal oder dem Nabu (Naturschutzbund) angehören. Die Sammler teilen sich in Schichten ein, heute sind Sigried und Ullrich Muntenbeck mit dabei.

Gleich im ersten kontrollierten Eimer auf der Hangseite knubbeln sie sich: Sie liegen übereinander, auf dem Rücken und drücken einander die Füße ins Gesicht. 15 Kröten und Molche sind über Nacht in dem Plastikgefäß gelandet und bewegen langsam, wie in Zeitlupe ihre Glieder. „Denen ist kalt“, sagt Ullrich Muntenbeck und holt einen Krötenmann aus dem Eimer. Besonders schön findet er die roten Augen der Amphibien, die ihn müde anblinzeln. Kröten sind wechselwarme Tiere. Das bedeutet, dass sich ihre Körpertemperatur der Umgebungstemperatur anpasst. Ab etwa acht Grad fangen die Kröten an zu wandern.

Auf Muntenbecks Hand scheint der Krötenmann die Wärme zu genießen: „Der wacht jetzt so langsam auf.“ Muntenbeck setzt ihn wieder in den Eimer und trägt ihn gemeinsam mit seinen Artgenossen über die Straße hin zum Weiher. Neben einem Steg schüttet er die Tiere vorsichtig in den Morast: Sie haben den gefährlichen Weg über die Straße geschafft und können nun im Broicher Weiher ablaichen.

Erdkröten sind eigentlich Waldbewohner. Zum Laichen legen sie aber eine bis zu drei Kilometer weiter Strecke zu dem Gewässer zurück, in dem sie geboren wurden.

Die Sammelaktion an der Bergerstraße startete vergangenes Jahr. „Eigentlich dachten wir, das werden gar nicht so viele Tiere“, sagt Kalinka. Denn das Einzugsgebiet zwischen Broicher Bach und Alsdorfer Straße, das von der Bergerstraße mittig geteilt wird, sei gar nicht mal groß. Drumherum ist bebautes Stadtgebiet. „Und dann hatten wir plötzlich 4600 Tiere gesammelt“, sagt Kalinka.

Er geht an dem grünen Zaun entlang und deutet auf eine Stelle, an der ein Weg beginnt. Der Zaun der hier war, erfüllt seine Aufgabe nicht mehr: der grüne Stoff hängt nur noch schlapp herab. Viele Leute freuen sich über die Krötensammler und seien interessiert, sagt Kalinka. Andere aber hätten kein Verständnis: Vandalismus am Krötenzaun sei ein Problem. „Vielen ist das egal, was wir hier tun.“

Der Zaun, der für die Arbeit so essenziell ist, wird von der unteren Landschaftsbehörde aufgestellt. Ein bis zwei Tagen braucht es dazu. Danach kann gesammelt werden. Kröten und Lurche statistisch genau erfasst. Das soll den Naturschützern Argumente liefern: Denn das Ziel ist der Bau von drei Krötentunneln unter der Bergerstraße, sagt Kalinka. Die würden den Tieren den Weg erleichtern.

Rund 10.000 Euro kostet ein Tunnel, sagt Udo Thorwesten vom Umweltamt der Städteregion. Die letzten Tunnel seien 2014 gebaut worden — drei Stück auf dem Vennbahnradweg. Rund 75 Zentimeter tief liegen sie unter dem Asphalt. Der Ort für einen Tunnel sei leicht zu bestimmen, sagt Thorwesten. „Nämlich genau da, wo in den vergangenen Jahren die meisten Kröten im Eimer gelandet sind.“

Rund drei Jahre lang wird dazu eine Straße beobachtet, eine permanente Amphibienwanderung muss nachgewiesen werden, damit ein Tunnel beantragt werden kann „Wir sind dabei auf Ehrenamtler angewiesen“, betont Thorwesten. Denn personell könnte die Städteregion die Krötensammlung nicht stemmen. Pro Jahr werden etwa 16.000 Euro für den Auf- und Abbau von Zäunen und Eimern ausgegeben. Eine wichtige Unterstützung für die Ehrenamtler wie Kalinka, die Muntenbecks und ihre Mitstreiter.

Kalinka ist eigentlich Bauingenieur, Ullrich Muntenbeck Rechtsanwalt. „Eigentlich haben unsere Berufe mit Naturschutz so gar nichts zu tun. Aber die Frage ist ja, woran das Herz hängt“, sagt Muntenbeck. Und das schlage eben für den Naturschutz. Schon seit 32 Jahren ist Kalinka in der AG Wurmtal aktiv und setzt sich für den Naturschutz ein. Die Kröten sind nur ein Teil seiner Arbeit.

Molche und Kröten hätten keine große Fangemeinde, sagt er. „Es sind aber nicht nur die schönen Tiere wichtig.“ Kröten und Molche seien für die Umwelt unabdingbar. Sie fressen Schnecken, Asseln, Mücken und Fliegen. „Ohne Kröten würden uns solche Plagegeister fertig machen.“

Noch bis Mai werden er und die anderen jeden Morgen und jeden Abend Eimertaxi spielen: Immer hinüber über die Bergerstraße, damit keine Kröte und kein Molch zu Schaden kommt.