Herzogenrath: Kohlscheider Hof wird Heimstatt für Flüchtlinge

Herzogenrath : Kohlscheider Hof wird Heimstatt für Flüchtlinge

„Lassen Sie sich von unseren modern, komfortabel und geschmackvoll eingerichteten Zimmern begeistern.“ Heißt es auf der noch aufgeschalteten Homepage des „Ko-Ho“, einstmals Kohlscheider Hof. Dass sich Rodas Stadtverwaltung gerade von diesem Satz hat locken lassen, wird kaum der Fall gewesen sein. Vielmehr vom Umstand, dass die Immobilie zum Verkauf steht.

Denn wie alle Kommunen muss sich Herzogenrath der Herausforderung stellen, im Zuge der wachsenden Zahl an Krisenherden auf der Welt weiteren Wohnraum für Menschen zu schaffen, die vor Krieg und Verfolgung in ihrer Heimat flüchten müssen. So hatte sich der Stadtrat sogar schon mit der Errichtung eines „Containerdorfes“ abgefunden, weil sich zu wenig privater Wohnraum finden lässt.

Gespräche mit dem Besitzer des Komplexes an der Friedrichstraße erbrachten nun eine andere Lösung: Im Zuge einer Dringlichkeitsentscheidung mietet die Stadt Herzogenrath den traditionsreichen Kohlscheider Hof an, um ihn als Flüchtlingsunterkunft zu nutzen, zunächst befristet auf drei Jahre. Alle Parteien haben den Entscheid unterzeichnet, froh darüber, (noch) nicht weiter über Container nachdenken zu müssen.

Erst im Jahr 2009 hatte Bernd Renn, seit über 25 Jahren Besitzer, den Kohlscheider Hof von Grund auf renovieren lassen. Die Hotelzimmer präsentieren sich mit neuen Laminatböden und modernen Möbeln, der Schankraum sowie ein kleiner und ein großer Saal bieten gastliches Ambiente, mit dezenter Bestuhlung vor dunkler Holztäfelung. Im November 2013 war der Vertrag mit der bisherigen Pächterin ausgelaufen. Seither blieben Hotel und Gaststätte geschlossen. Eine solche Immobilie über eine Distanz von fast 700 Kilometern hinweg zu verwalten, sei einfach zu aufwendig geworden, sagt Bernd Renn auf Nachfrage unserer Zeitung. Der gebürtige Herzogenrather lebt seit geraumer Zeit in Bayern. Der Versuch, das Objekt zu verkaufen, sei trotz „einiger solider Interessenten“ bisher an der Zurückhaltung der Banken gescheitert, es würden aber weiterhin Leute vorstellig, berichtet er.

Vorbehaltlich der formalen Zustimmung durch den Ausschuss für Arbeit und Soziales, der am heutigen Donnerstag ab 18 Uhr im großen Sitzungssaal des Rathauses tagt, können neben dem Gastronomiebereich, der noch umgebaut werden müsste, auch drei vollständig eingerichtete Hotelzimmer und ein möbliertes Appartement im ersten Obergeschoss sowie eine Fünf-Zimmer-Wohnung im zweiten Obergeschoss angemietet werden. Die Belegung der ersten und zweiten Etage, so legt der Verwaltung dar, könnte „nach jetzigem Kenntnisstand“ sehr zeitnah erfolgen. 26 Flüchtlinge würden hier eine neue Heimstatt finden. Der spätere Ausbau des Erdgeschosses biete Raum für weitere „Kapazitäten“. Die Verwaltung betont, dass der Kohlscheider Hof infrastrukturell „optimal“ angebunden sei, dort lebende Kinder und Jugendliche könnten in „sämtlichen Schulformen beschult werden“. Für Kleinkinder stehen Kindertagesstätten zur Verfügung.

Mitten im Wohngebiet bestehe zudem schützende soziale Kontrolle. Was auch der Politik ein Abliegen ist: „Das ist besonders wichtig, da wir die Menschen in die Bevölkerung integrieren wollen“, sagt etwa FDP-Fraktionschef Björn Bock. „Denn es ist leider so, dass sich die Situation in den Herkunftsländern in absehbarer Zeit nicht zum Guten ändern wird.“

Auch die SPD freut sich über den Deal an der Friedrichstraße, wie sie bereits in einer Stellungnahme bekundet: „Wir begrüßen ausdrücklich, dass durch die Anmietung nun notwendiger zusätzlicher Platz für Flüchtlinge geschaffen wird“, konstatiert Angelika Savelsberg, Ausschuss-Vorsitzende und Leiterin des SPD-Arbeitskreises Soziales nach dessen jüngster Sitzung. Damit werde das umgesetzt, was politisch gefordert sei, „nämlich für eine menschenwürdige Unterbringung für geflüchtete Menschen zu sorgen“, melden sich auch die SPD-Sprecher im Ausschuss, Bruno Barth, Manfred Rademacher und Helene Goebbels, zu Wort: Containerlösungen dürften nur im Notfall das letzte Mittel sein.

Die SPD formuliert aber auch eine konkrete Forderung: Zur Weiterentwicklung der propagierten „Willkommens- und Anerkennungskultur“ gehöre auch, den Bereich für die Betreuung von Flüchtlingen innerhalb der Stadtverwaltung personell aufzustocken und die von der Stadt bezuschusste Arbeit der Bediensteten der evangelischen Flüchtlingsberatung auszuweiten. Vervollständigt werde dies durch „vielfältiges ehrenamtliches Engagement“, etwa des Stadtsportverbands mit dem Sozialfonds „Sport hilft ... nicht nur Dir!“, wie Bruno Barth, auch Vorsitzender des für Sport zuständigen Ausschusses, hervorhebt.