Alsdorf: Klänge in einer atemberaubenden Vielfalt präsentiert

Alsdorf: Klänge in einer atemberaubenden Vielfalt präsentiert

Anke aus Aachen hatte um Punkt 20 Uhr gerade den vorletzten Parkplatz vor dem Energeticon in Alsdorf ergattern können, wo in diesem Moment im Fördermaschinenhaus das Konzert von „The Great Divide“ startete, dem Quartett um die Echo-Preisträger Sebastian Gramss (Kontrabass) und Angelika Niescier (Saxophon). „Ich kenne zwar Jazz“, eröffnete die junge Besucherin, „aber das hier ist mein erstes Konzert.“

Dem gut informierten Besucher mochte dies ein leises „Oha“ entlocken, denn es war klar: Das heutige Programm „Streben und Sterben“ war keine leichte Kost. Sphären entfernt von Mainstream, und wer einzelne Lieder — oder auf gut Neudeutsch „Songs“ — erwartete, der wartete vergeblich. Selbst eingängige Melodien erschlossen sich nicht einfach. Allenfalls „Themen“, Melodiephrasen und allem voran Klänge. Und zwar von einer atemberaubenden Vielfalt, unter anderem exzellent und virtuos mit elektronischer Hilfe variiert, verändert, gesampelt und in das Gesamtwerk einbezogen.

So erklärte sich auch, weshalb im Programmheft bei den weiteren mitwirkenden Musikern John-Dennis Renken (Trompete) und Christian Thome (Schlagzeug) jeweils „Elektronik“ als „Instrument“ vermerkt war. Gerade Christian Thome arbeitete und experimentierte den gesamten Abend mit seinem Schlagzeug sowie einer Vielzahl von anderen, vorher niemals für diese Zwecke denkbaren Utensilien. Als Krönung sei der gewöhnliche Blechdosendeckel genannt oder auch der Geigenbogen am Crashbecken. Hier wurde das sonst zum reinen Rhythmusgerät abgestempelte Schlagzeug wahrhaftig zum Melodieinstrument.

Den Künstlern kam es nach eigener Aussage darauf an, Musik im Spannungsfeld zwischen dem Streben im Leben und dem gleichzeitigen Bewusstsein seiner Endlichkeit zu komponieren oder vielmehr zu kreieren. Sie wollten die Frage ergründen, welche „vital-morbiden Energien spontan erspielt und aktiviert werden können“.

Demgemäß ließ das Werk auch viel Platz für Improvisationen, handelt es sich doch um eigene Kompositionen aus Gramss‘ und Niesciers Feder, die von Werken der „alten Meister“, wie Schubert, Verdi oder Dvorák zum Thema inspiriert wurden. Gerade bei diesen Improvisationen — sei es mit oder ohne die Unterstützung der drei anderen Bandmitglieder — gaben die Solisten spürbar alles und spielten sich mal in Ekstase, mal in Trance. Sie waren mit Herz und Seele dabei. Das übertrug sich auch auf das Publikum. Die Musik schenkte vielleicht keine Ohrwürmer, dafür aber jede Menge individuell sicher sehr verschiedene Emotionen und Bilder. Großes „Kopfkino“, sozusagen.

Erfrischend offen ging mit dieser Wirkung Harald Richter, seines Zeichens Geschäftsführer der Mitveranstalterin „Energeticon GmbH“ um. In der Pause resümierte er übereinstimmend mit den Umstehenden: „Auf einer CD würde ich mir das nicht anhören, glaube ich. Aber man muss es sehen und erleben, wie diese Musik entsteht und gemacht wird, wie die Musiker darin aufgehen.“ Damit traf er den Nerv der intensiven Eindrücke, die dieser Abend hinterließ.

Das besondere Ambiente tat ein Übriges. Der hohe, alte Ziegelbau lieferte eine wunderbare optische Ergänzung zur klanglichen Opulenz des Werkes „Streben und Sterben“, das entgegen so mancher Befürchtung keineswegs düster und schwermütig gehalten war. Richtig hielt Harald Richter am Ende des gut zweistündigen Konzerts auch fest: „Ich habe heute vier gleichberechtigte Bandleader gesehen, auch wenn nur mit dem Namen von Herrn Gramss geworben wurde.“ Dem stimmten alle hörbar zu. Auch Anke aus Aachen, die von ihrem ersten Jazzkonzert rundum begeistert war.

(rei)