Nordkreis: Kinder sind Leidtragende der Flexibilität in Grundschulen

Nordkreis: Kinder sind Leidtragende der Flexibilität in Grundschulen

Grundschüler im Offenen Ganztag (OGS) in Nordrhein-Westfalen sollen künftig mehr Freiraum für Aktivitäten außerhalb der Schule bekommen. Für Schüler soll es leichter werden, sich regelmäßig etwa in Sportvereinen, Musikschulen oder Kirchen, Vereinen und Jugendgruppen zu engagieren.

Für eine umfassende Neuregelung soll der Ganztagserlass „so schnell wie möglich“ geändert werden. Vorstellbar ist laut Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP)etwa, dass die Eltern künftig zu Beginn des Schuljahres festlegen, an welchen Tagen ihre Kinder verbindlich in der OGS sind und an welchen nicht. Derzeit ist aber noch völlig unklar, wie genau diese Flexibilität aussehen soll, vor allem, weil es sie in Teilen ohnehin schon gibt.

Findet, dass Eltern sich sicher sein müssen, ob OGS für ihre Kinder das Richtige ist: Klaus Spille, Geschäftsführer des Alsdorfer Förderkreises für Kinder und Familien (Akifa). Foto: Fuhrmann

„Wenn Flexibilisierung nun bedeuten würde, dass Kinder zu jedem Zeitpunkt im Tagesablauf abgeholt oder nach Hause geschickt werden können, entsteht an den Standorten der OGS eine nahezu unlösbare organisatorische Herausforderung“, sagt Nathalie Schneider, Fachberaterin vom Verein Betreute Schulen Aachen-Land.

Träger und Vereine in Kontakt

Der Grund: Viele Eltern stellen bereits jetzt zum Jahresbeginn die schriftliche Erlaubnis aus, dass ihre Kinder ohne Begleitung nach Hause gehen dürfen. Entsprechend müssen die pädagogischen Mitarbeiter vor Ort die betreffenden Kinder zu einem bestimmten Zeitpunkt auf den Nachhauseweg schicken.

Wenn der Mitarbeiter nun bei einer Gruppe mit durchschnittlich 25 Schulkindern dafür Sorge tragen muss, dass im „Minutentakt“ Kinder nach Hause geschickt werden, führt das dazu, dass der Überblick leicht verloren geht und es schwieriger wird, für das Wohl der Kindergruppe Verantwortung zu tragen. „Von Qualität im Ganztag, wie per Erlass gefordert, kann dann auch nicht mehr die Rede sein“, sagt Schneider.

Die Leittragenden in dem Modell sind vor allem die Kinder, ist sich Klaus Spille, Geschäftsführer des Alsdorfer Förderkreises für Kinder und Familien (Akifa), sicher. „Wenn die Kinder nur an zwei von fünf Tagen in die OGS gehen, haben sie keinen geregelten Ablauf“, sagt Spille.

Eltern, die wollten, dass ihr Kind in seiner Freizeit zum Ballett, Tennis und Reiten geht, sollten vorab überlegen, ob die OGS dann überhaupt das Richtige für ihren Sprössling ist.Und: Längst sind die Träger mit den Vereinen im Kontakt. Heißt konkret: Die meisten Vereine terminieren das Training extra erst nach 16 Uhr, damit auch Kinder der OGS daran teilnehmen können. „Wir appellieren auch an die Vereine, dass sie ihr Angebot jederzeit bei den OGS vorstellen können“, sagt Spille.

In den OGS sei das Angebot indes sehr gut. Brettspiele, Fußball-AG, Bewegungsspiele, Tanzen und Theater ständen längst auf dem Programm.

Für Kinder sei es eine Zumutung, sie nicht regelmäßig zur OGS zu schicken. „Sie sind dann sauer“, sagt Spille. Die Annahme, dass den Kindern das nicht passen könnte, kommt nicht von ungefähr. Denn Spille kann aus Erfahrung sprechen.

Seit mehr als zwölf Jahren ist er mit den Schulen in Kontakt, alle Schulleiter sind Mitglied in seinem Verein. „Wenn die Kinder in der OGS gerade ein Theaterstück oder für eine Tanzaufführung proben und dann mehrmals in der Woche ausfallen, weil ihre Eltern wollen, dass sie nebenbei noch andere Vereine besuchen, entfernt sie das von der Gruppe“, sagt Spille.

Schneider sieht das genauso. Der Tagesablauf wäre für Kinder von zahlreichen Abbrüchen geprägt. „An spannenden Angeboten oder Kursen teilzunehmen, in Ruhe Mittag zu essen, sich bei Schulaufgaben zu konzentrieren oder zwischen den Tagesabschnitten einmal zur Ruhe kommen, ist für die uns anvertrauten Schulkinder dann fast unmöglich“, sagt Schneider.

Um Kinder zu fördern, brauche es zudem verlässliche und verbindliche Strukturen, die diese Förderung ermöglichen.

Zu Beginn eines jeden Schuljahres finden Konferenzen statt, in denen nicht nur Schulbedienstete, sondern auch Eltern über Programm und Leitbild der Schule abstimmen. Dort wird auch festgelegt, welche Angebote es für die OGS geben wird.

Stattdessen fordert er, dass die lokale Verantwortung gestärkt wird. „Das darf nicht ausschließlich auf Landesebene entschieden werden“, sagt Spille. Im Ruhrgebiet hätten die OGS andere Probleme als in Düsseldorf. Allein die Schulen und ihr Programm in Alsdorf seien so unterschiedlich, dass man Gesetze und Budget nicht auf Landesebene vereinheitlichen sollte.

Nach wie vor ist das Thema Finanzierung nicht geklärt. Laut Schneider, die sich auf Modellrechnungen der freien Wohlfahrtspflege und der Bertelsmann-Stiftung bezieht, müssten die Landesmittel mindestens verdoppelt werden.

Einige Eltern scheinen die Flexibilität allerdings — trotz Bedenken der Träger — zu begrüßen (siehe Umfrage).

Gespräche mit Beteiligten

Silke Ramacher (26), angehende Sozialerbeiterin aus Merkstein, sagt: „Gerade im Winter wird es doch so früh dunkel und die Kinder sind kaum draußen. Das ist sehr schade. Ich glaube in der Praxis wird es aber schwierig umzusetzen sein, weil es ein ziemliches Durcheinander in der OGS werden dürfte. Trotzdem ist die Möglichkeit für Eltern und Kinder gut.“

Die Probleme in der OGS sind längst bekannt. Eltern und Mitarbeiter der Offenen Ganztagsschulen werden nicht müde, immer wieder auf die Missstände, wie beispielsweise nicht genügend Personal und zu kleine Räume, aufmerksam zu machen. Zuletzt hatten mehr als 100 von ihnen vor dem Herzogenrather Rathaus Lärm gemacht, für bessere Qualität und Betreuung. Die meisten OGS fühlen sich von der lokalen Politik unterstützt.

Bislang habe es aber seitens der Landesregierung kaum positiven Signale gegeben. Dabei wäre das dringend notwendig, bemängelt Schneider. Natürlich seien die Kommunen unterschiedlich, aber es braucht feste Regelungen, gerade was Personal, Räume und Zeit betrifft.

Gebauer will in den nächsten Monaten weitere Gespräche mit allen Beteiligten am Offenen Ganztag führen. „Ich möchte schon große Flexibilität für die Eltern und Kinder“, sagte sie. Zugleich müsse es aber auch für die Träger Verbindlichkeit geben. „Ein ständiges Kommen und Gehen in der OGS wird es mit uns nicht geben.“

Die Fördersätze des Landes sollen zum 1. August laut Gebauer statt um drei Prozent um sechs Prozent erhöht werden. Im Haushalt 2018 seien für die OGS rund 480 Millionen Euro vorgesehen, darin enthalten seien fast 3000 Lehrerstellen.