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Kerkrade: Kerkrade: Weit entfernt von der Normalität

Kerkrade : Kerkrade: Weit entfernt von der Normalität

„Diese Schreie, ich höre immer wieder diese Schreie.” 72 Stunden nach dem verheerenden Unglück am Haanrader Weg ringt Hans Piefer noch immer um Fassung.

Ihm gehört seit elf Jahren das linke der drei Häuser, in die am Freitag ungebremst ein deutscher Lkw raste, drei Menschen in den Tod riss. Auch sein Heim, rund 100 Jahre alt, wird wohl der Abrissbirne zum Opfer fallen.

„Hier stand ich am Freitag mit meinem vierjährigen Enkel”, sagt Piefer und zeigt auf das grüne Gartentor neben seinem Haus, „dann hörte ich diese Todesschreie des Fahrers und die Kinderschreie.” Dann ein lauter Knall, „alles zitterte”. Piefer lief um die Ecke, sah den wie ein Geschoss in den kleinen Supermarkt verbohrten Lkw. Der „Filmriss”, wie Piefer sagt, setzte ein: Wie von allen guten Geistern verlassen setzte er sein Enkelchen vor den Fernseher, um dann wieder heraus zu rennen. „Das Nachbarhaus stand in Flammen, und alles war plötzlich unheimlich still.”

Kampf um die Existenz

Dann begann Hans Piefers Kampf um die Existenz: Kind aus dem Haus holen, die wichtigsten Dokumente, Fotos. Letztere liegen nun bei einer Nachbarin. Ein Großteil des Inventars wurde von den riesigen Löschwassermengen zerstört, „den Rest hat die Gemeinde Kerkrade irgendwohin gebracht”.

Auch für sich mussten Hans Piefer und seine Frau eine neue Bleibe suchen: Drei Nächte haben sie bei den Eltern der Schwiegertochter verbracht. Im Keller ihres kaputten Hauses steht das Löschwasser nämlich bis zur Decke, Brandexperten der Versicherungen tun hinter dem blauen Sicherheitszaun ihre Arbeit. Nun warten die Piefers darauf, dass ihnen die Gemeinde eine Ersatzwohnung bereitstellt.

Kritik an der Verkehrssituation

Überhaupt, die Gemeinde Kerkrade: Viele Anwohner sind mit der städtischen Verkehrspolitik unzufrieden, kritisieren die Zustände am Haanrader Weg. „Bürgermeister Jos Som hat gesagt, er habe nichts von der gefährlichen Verkehrssituation gewusst. Ich glaube ihm das nicht.” Johannes Housen, der hundert Meter von der Unglücksstelle entfernt in der Rector-Tomasstraat wohnt, beklagt, „dass erst etwas passieren muss, bevor etwas unternommen wird”. Bereits 1963 sei an selber Stelle bei einem Lkw-Unfall ein Mensch ums Leben gekommen, „und im Dezember kam ein Lastwagen bei Eisglätte nur mit Glück in der Wiese auf der rechten Straßenseite zum Stehen”.

Die Lkw machen den Haanradern seit jeher das Leben schwer: Reihenweise donnern vorzugsweise Kieslaster die sechsprozentige Gefällstrecke hinunter, auf der Tempo 50 erlaubt ist. „Allein heute morgen waren es zwischen sechs und sieben Uhr 24 Stück”, meckert ein Anwohner, „und das direkt an der Schule hier.”

Auch Josef Reijnders, Direktor der Blokkenberg-Schule am Vincent van Goghplein, ist sich des Verkehrsproblems bewusst. Und zwar nicht erst seit Freitag, als eine Gruppe seiner Schüler beinahe vom ungebremsten Lkw überfahren worden wäre. „Wir haben den Bürgermeister oft auf die Gefahren aufmerksam gemacht”, betont der Schulleiter. Dennoch: „Wir haben sehr viel Glück gehabt.” Reijnders hofft nun, dass sich die Verkehrssituation verbessert, wenn demnächst auf der großen Wiese ein Neubaugebiet entsteht. Die Pläne dafür liegen in den Schubladen der Gemeinde Kerkrade parat.

Für des Direktors rund 180 Schüler im Alter von acht bis zwölf Jahren stand am Montagmorgen natürlich das schwere Unglück an der 150 Meter entfernten Unfallstelle auf dem Stundenplan. „Wir haben die Kinder ganz in Ruhe darüber reden lassen.” Die Schülergruppe, die Freitag nur knapp dem Tod entkam, wurde bereits kurz nach dem Unglück von Psychologen betreut.

Dank an den toten Lkw-Fahrer

Selbiges widerfährt zurzeit auch Hans Piefer. Nachdem das Wochenende „nur aus einem Thema und weinen, weinen, weinen” bestand, wurde er vom Betriebsarzt vorerst bis zum 15. Juli von seinem Arbeitsplatz in einer Gärtnerei beurlaubt, Medikamente helfen ihm, einzuschlafen. Piefer hofft nun, dass die Versicherungen zügig zahlen. Und dankt dem deutschen Lkw-Fahrer: „Er hat sich geopfert und das Leben der Kinder gerettet. Ich habe für ihn gebetet.”