Würselen: Ist Neubau in Bardenbergs Kern zu groß?

Würselen: Ist Neubau in Bardenbergs Kern zu groß?

In Würselen ist nicht nur preiswerter Wohnraum knapp. Auch die mit besser gefüllten Geldbeuteln Ausgestatteten suchen intensiv nach dem ihnen zusagenden gehobenen Quartier. Der idyllische historische Kern von Bardenberg, unweit der Burg Wilhelmstein und des Naherholungsgebiets Wurmtal gelegen, darf als besonders begehrte Wohnlage gelten.

Hier will ein Geschäftsmann an der Kirchenstraße in unmittelbarer Nähe zum denkmalgeschützten Steinhaus ein dreigeschossiges Mehrfamilienhaus mit 23 Wohneinheiten errichten — auf der Fläche steht derzeit noch eine alte Scheune. Die Zufahrt ist im rückwärtigen Bereich über die Straße „An Steinhaus“ geplant. In einer Tiefgarage sollen 22 Stellplätze entstehen, acht weitere „oberirdisch“. So weit, so gut.

Mitten im idyllischen Bardenberg soll gegenüber der Pfarrkirche St. Peter und Paul (Bild oben) nach Vorstellungen eines Investors ein Neubau mit 23 Wohneinheiten entstehen. Dafür müsste eine alte Scheune (Bild unten links) weichen. Das alte Wohnhaus des Hofs bleibt erhalten. Foto: Stüber

Aber es regt sich Widerstand im Dorf. Anlieger äußern gegenüber der Lokalredaktion ihren Unmut in den aus ihrer Sicht erheblichen Eingriff in historisch gewachsene Strukturen und sehen ihre Wohnqualität beeinträchtigt. Eine andere Gruppe hingegen fragt sich, warum der Wunsch auf Erweiterung des eigenen Hauses „nach hinten raus“ von der Stadt Würselen abgewiesen wurde, nun aber ein solcher „Klotz“ gebaut werden soll. Wo bleibt da die Gleichbehandlung?, wird gefragt. Die Rede ist von einem Nachbarschaftstreffen, bei dem eine Resolution mit Unterschriftenliste vorbereitet werden soll.

Mitten im idyllischen Bardenberg soll gegenüber der Pfarrkirche St. Peter und Paul (Bild oben) nach Vorstellungen eines Investors ein Neubau mit 23 Wohneinheiten entstehen. Dafür müsste eine alte Scheune (Bild unten links) weichen. Das alte Wohnhaus des Hofs bleibt erhalten. Foto: Stüber

Morgen Thema im Rathaus

Der Heimatverein hat seine Meinungsbildung zum geplanten Mehrfamilienhaus nicht abgeschlossen, sagt Vorsitzender Thomas Havers. Foto: Lukas Havers

Diese Kritik könnte bei der Sitzung des Umwelt- und Stadtentwicklungsausschusses am morgigen Donnerstag, 15. Februar, im Rathaus auf dem Morlaixplatz deutlich zutage treten — zum Beispiel in der Fragestunde für Einwohner, die direkt zu Beginn der öffentlichen Sitzung im Ratssaal um 17.30 Uhr ganz oben auf der Tagesordnung steht. Der Ausschuss befasst sich mit der Aufstellung eines entsprechenden Bebauungsplans.

Die Scheune, die dem Neubau weichen soll, stammt wohl wie der an der Straßenfront erhalten bleibende alte Hof aus dem Jahre 1765. Diese Zahl steht jedenfalls auf einem Stein. Was sagt der Denkmalschutz dazu? Entsprechende Abstimmungsgespräche seien bereits mit dem Rheinischen Amt für Denkmalpflege geführt worden, heißt es in der Beschlussvorlage der Verwaltung. Hieraus hätten sich Vorgaben zur Geometrie und Gestaltung des geplanten Gebäudes ergeben, die bei der weiteren Ausarbeitung zu beachten seien.

Auswirkungen auf die Natur

Kritiker weisen auf weitere Knackpunkte hin. So sei das Terrain Bergschadensgebiet. Man wisse nicht, ob Schächte, Stollen und Altlasten vorhanden sind. Wie passt dies und eine Grundwasserader (es gibt mindestens zwei Brunnen im Umfeld) zu der Absicht, eine Tiefgarage zu bauen?, lautet eine weitere Frage.

Außerdem bestehe die Gefahr, gegen Arten- und Naturschutz zu verstoßen. In der alten Scheune seien Fledermäuse „beheimatet“. Müsse nicht für das mit den Jahren entstandene Biotop eine Ausgleichsfläche ausgewiesen werden? Vom nahen Turm der Kirche St. Peter und Paul aus jage ein Wanderfalke. Beute finde er regelmäßig in einer Kolonie Tauben, die mit anderen Vögeln in einer großen alten Blautanne nisten.

Verwiesen wird auch auf das nahe städtische Familienzentrum Heidegarten und die Belange dieser Kindertageseinrichtung. Außerdem seien Probleme mit der Erschließung zu erwarten. Zum einen würde zusätzlicher Verkehr über die Straße An Steinhaus fließen, die in einem sehr schlechten Zustand ist, und Fußgänger — Kinder wie Erwachsene — gefährden. Zum anderen reichten die 30 geplanten Stellplätze nicht aus, weil pro Wohneinheit erfahrungsgemäß mit zwei Autos zu rechnen sei. Schon jetzt sei es schwierig, im Umfeld der Kirche Parkplätze zu finden.

Eigentlich könnte das Projekt „innerhalb eines im Zusammenhang bebauten Ortsteils“ ohne die Aufstellung eines Bebauungsplans genehmigt werden, „wenn es sich in seine nähere bauliche Umgebung einfügt und keine nur aufwendig zu bewältigenden bodenrechtlichen Spannung auslöst oder vorhandene Spannung erhöht“, heißt es in der Beschlussvorlage der Stadtverwaltung.

Weil aber eine Reihe von Fragen zu klären seien und aufgrund der Dimension des Blocks mit 23 Wohnungen sowie der damit verbundenen Zunahme des Verkehrs könnten genau solche Bodenspannungen nicht ausgeschlossen werden.

Rechtssicherheit herstellen

„Aus Gründen der Rechtssicherheit wird daher empfohlen, einen Bebauungsplan für den Geltungsbereich aufzustellen.“

Was sagt der Heimatverein Bardenberg zu dem geplanten Neubau? Die rund 700 Mitglieder zählende Vereinigung hat sich schließlich mit ihren verschiedenen Arbeitskreisen unter anderem dem Thema „Ortsverschönerung“ und der „Erhaltung und Pflege des ortshistorischen Bestandes“ verschrieben. Auf Nachfrage sagte Vorsitzender Thomas Havers, zugleich sachkundiger Bürger für die CDU im Kulturausschuss, er habe die frei zugängliche Beschlussvorlage zum Thema an die Vorstandskollegen verteilt.

Heimatverein gefordert

Die Meinungsbildung des Vereins zu dem Projekt sei nicht abgeschlossen. Dem wolle er nicht vorgreifen. Im März stehe die nächste Vorstandssitzung an. Havers nennt als „seine persönliche Meinung“ zwei Seiten der Medaille. Einerseits sei das ein Vorhaben eines Bürgers, der da Eigentum habe, grundsätzlich mit dem Recht verbunden, mit dem Grundstück etwas anzufangen und dort Wohnbebauung zu planen.

Andererseits sieht Havers sehr wohl auch Auswirkungen auf das Umfeld. „Der Denkmalschutz war offenbar schon mit dem Projekt verfasst“, sagt er. Problematisch findet Havers die Belastungen durch den (ruhenden) Verkehr. Erfahrungsgemäß dürfe man nicht nur von einem Fahrzeug pro Haushalt ausgehen.

Aber man stehe erst am Anfang. Mit der Aufstellung eines Bebauungsplans — darum geht es erst einmal in der Ausschusssitzung — seien umfassende Beteiligungen relevanter Behörden und Organisationen, aber auch der Bürger verbunden. Dabei würden sicherlich alle Aspekte des Für und Wider zur Sprache kommen.

Bezüglich des Mehrfamilienhauses hofft Havers auf ein überarbeitetes mit Blick auf Einwände „stimmiges Konzept“. „Aus dem Bauprojekt kann durch Anpassen durchaus etwas Schönes werden.“ Havers denkt dabei unter anderem an die Gestaltung der Fassade, die den umliegenden historischen Gebäuden angepasst werden könnte.

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