Herzogenrath: Instrumente sollten noch lauter erklingen

Herzogenrath: Instrumente sollten noch lauter erklingen

Buchstäblich im Fieber des World Music Contest (WMC) wird die Schwesterstadt Kerkrade, im Schatten von Burg Rode, in den kommenden beiden Wochen aufgehen. Neben erstklassigen Wettbewerben von der Rodahalle bis zum Limburgs Parkstadion sorgt das Buitenfestival dafür, dass sich auch die Straßen allabendlich füllen werden.

Vornehmlich mit Niederländern. Jenseits der Grenze, das bedauerte auch der WMC-Vorsitzende, der Vaalser Bürgermeister Reg van Loo, bereits in unserer Zeitung, sei das Interesse an diesem weltweit bedeutendsten Blasmusik-Festival eher verhalten. In der professionellen Aufstellung der Blechbläser in den Niederlanden, anknüpfend an ein klassisches Repertoire, sieht er einen möglichen Grund dafür: Eine solche Entwicklung habe in Deutschland eben nicht adäquat stattgefunden.

Setzt auf eine Kooperation mit der Musikschule: Harmonie-Chef Stephan Mingers.

Das mangelnde Publikumsinteresse auf deutscher Seite stößt auch Stephan Mingers auf, Fachbereichsleiter Stadtentwicklung und Umwelt im Herzogenrather Rathaus und in seiner Freizeit leidenschaftlicher Musiker. Als Vorsitzender engagiert er sich beim Harmonieverein Cäcilia in Herzogenrath: „Aus meiner Sicht ist es eine Schande, dass der WMC in den Köpfen der Bevölkerung unserer Stadt nicht präsent ist!“ Mindestens 50 Prozent der Mitglieder aus den Musikvereinen besuchten das Event in Kerkrade zwar regelmäßig, der Musik und der tollen Atmosphäre wegen. Doch der Rest der Bürger … Fehlanzeige.

Das beweise auch die geringe Resonanz auf das einzige Konzert im Zuge des WMC, das auf Burg Rode stattfinden sollte: Für das Norwegian Wind Orchestra, das ursprünglich im Burggarten konzertieren sollte, waren gerade einmal sechs Tickets verkauft worden (siehe Box). Die Einschätzung Reg van Loos kann Mingers in einem Punkt durchaus teilen: Das Orchester-Niveau sei in den Niederlanden in der Tat in der Breite professioneller, „obwohl es mittlerweile wieder einige deutsche Bands gibt, die mithalten können“. Daraus das mangelnde Interesse auf deutscher Seite am WMC herleiten möchte er aber nicht: „Wenn befreundete Musiker aus den Niederlanden bei uns spielen, verstehen sie in der Regel nicht, dass wir 500 Zuhörer in der Aula haben. Bei ihnen sind es bei solchen Konzerten höchstens 50.

Aber vielleicht ist dort einfach das Angebot einfach zu groß.“ Denn in den Niederlanden, so schätzt Mingers, sei die Akzeptanz des Musizierens viel höher, ein Instrument zu lernen — bei der Jugend in Deutschland hingegen vielfach verpönt. „Dabei ist die Ausbildung in der Musikschule dort teurer als bei uns“, verweist der Harmonie-Chef auf die gute Kooperation seiner Gesellschaft mit der Musikschule Herzogenrath.

Der Jugend und damit dem Nachwuchs die rechten Flötentöne beizubringen, gestaltet sich offenbar allgemein immer schwieriger: So lässt der Instrumentalverein 1894 Merkstein seine Instrumente derzeit gar ganz ruhen: „Es hat einige Todesfälle gegeben, zudem sind treue Mitglieder ausgeschieden und andere im Studium“, erklärt der Vorsitzende Franz-Josef Gohr. Seine Hoffnung ruht auf einem seiner fünf Söhne, der Musik studiert und seit Jahren schon das Jugendorchester des Harmonievereins St. Petrus in Baesweiler dirigiert. „Mit Erfolg“, wie der stolze Vater bekundet. Benedikt Gohr, so sein großer Wunsch, lässt dereinst vielleicht auch den Merksteiner Verein wieder aufleben. In Baesweiler, so ergänzt Franz-Josef Gohr, erhalten Musikvereine „sämtliche Vergünstigungen“.

In Herzogenrath vermisst er das ein wenig. So sei die Suche nach einem neuen Probenraum vor Jahren negativ ausgefallen, unter anderem aus versicherungstechnischen Gründen. Nachwuchsprobleme seien aber kein rein deutsches Phänomen, weiß Gohr vom Partnerverein, der Harmonie aus Haanrade. Auch wenn die Förderung der Musikvereine in den Niederlanden besser aufgestellt sei — Studium, Beruf, veränderte Interessen junger Leute lassen auch jenseits der Grenze das Engagement für Vereine schrumpfen. Der WMC ist in der Familie Gohr präsent: „Meine Jungs gehen fast immer da hin“, sagt der Vater, dem selbst jedoch die Zeit fehlt — aus beruflichen Gründen.

Mehr Werbung erwünscht

„Der WMC ist eine fantastische Veranstaltung, muss aber auf deutscher Seite mehr beworben werden“, findet Jörg Balkowski, Vorsitzender des Orchestervereins Kohlscheid. Lange habe sein Verein über das Datum für sein Jahreskonzert beraten, „aber es ging aus terminlichen Gründen nicht anders als am kommenden Samstag“.

Im Rahmen des Kulturprogramms der Stadt beginnt um 19.30 Uhr in der Aula der Realschule, Pestalozzi-straße 38, „A Night Like This…“, für die Dirigent Patrick Körver mit dem Orchesterverein ein Repertoire aus Pop-, Musical- und Filmmelodien erarbeitet hat. Der Eintritt ist frei. Ob der WMC der gewohnten Besucherzahl an diesem Abend Abbruch tut? Balkowski geht eigentlich nicht davon aus. Nachwuchsprobleme aber kennt auch sein Verein, eine Werbeoffensive in Kooperation mit den Grundschulen ist daher angedacht.

Auf ein „sehr schönes Jugendorchester“ ist indes Robert Meyer, Vorsitzender der Herbacher Instrumentalisten, stolz: „Wir bemühen uns ständig, attraktiv zu sein für junge Musiker. Noch sind wir weit weg von Nachwuchsproblemen.“

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