Herzogenrath: Infrastruktur in Gefahr: Sorgen um die Zukunft von Kohlscheid

Herzogenrath : Infrastruktur in Gefahr: Sorgen um die Zukunft von Kohlscheid

In einem wunderbaren alten Haus an der Weststraße wohnt die junge Familie — Vater, Mutter und ihre drei Kinder im Kita- respektive Grundschulalter. Die ehrwürdige Immobilie ist Imme von Wedels Elternhaus, in das sie mit ihrer Familie vor ein paar Jahren wieder eingezogen ist.

„Ich bin hier aufgewachsen. Doch im Laufe der Jahre hat sich viel verändert in Kohlscheid“, berichtet sie vor allem vom Verkehr, der immer mehr zugenommen hat. So dass es für Passanten zeitweise gar gefährlich werde. Wenn etwa Autofahrer auf den Bürgersteig ausweichen, anstatt den Gegenverkehr abzuwarten.

Die Metallpoller am Straßenrand, zum Schutz der Fußgänger aufgestellt, würden regelmäßig umgefahren und seien daher zum Großteil weggenommen worden. Aktuell zeugt noch ein angeknicktes Exemplar davon, dass die Straße fürs Verkehrsaufkommen eigentlich zu schmal ist.

„Viele wollen wegziehen“

„Lange haben wir für einen Zebrastreifen gekämpft“, erinnert sich die Imme von Wedel. „Jetzt haben wir wenigstens einen Schülerlotsen.“ Ohne den liefe morgens, wo so viele Kinder unterwegs zur Schule seien, nichts mehr. Doch auch der sei jüngst fast umgefahren worden. „Die Eltern machen sich Sorgen“, bestätigt auch Lars von Wedel, der nun zusammen mit seiner Frau einen Brief an Bürgermeister Christoph von den Driesch formuliert hat.

Denn die Eheleute haben einen Stimmungsumschwung bei den jungen Familien beobachtet, die sie regelmäßig in Kita und Schule treffen. Einst seien die Familien bewusst nach Kohlscheid gezogen, weil der Ort in puncto Wohnen und Nahversorgung so attraktiv war. „Doch das droht wegzubrechen“, befürchten die von Wedels. „Viele Leute haben resigniert, glauben, dass es das Beste sei, wegzuziehen.“

Mit Schuld an dieser Negativstimmung trügen die Pläne zur Ansiedlung großflächigen Einzelhandels, da, wo einst der Kaiser's war. „Offenbar soll am Langenberg ein riesiger Einkaufsbereich entstehen, der weit über die Deckung von etwaigem Bedarf der Kohlscheider Bevölkerung hinaus geht“, schreiben Imme und Lars von Wedel an den Bürgermeister.

Und weiter: „Da uns nach der Beendigung des Betriebs des Supermarktes Kaiser‘s am Langenberg keine Fälle von Hungertod in der Kohlscheider Bevölkerung bekanntgeworden sind, ist wohl davon auszugehen, dass der heutige Bedarf durch bereits bestehende Anbieter gedeckt werden kann.“

Zudem werde mittlerweile klar, dass es sich keinesfalls um den lange in der Diskussion angeführten „Nahversorger“ handele, denn von einem solchen spreche man bei Einkaufsflächen von unter 1000 Quadratmetern. Bei der in Rede stehenden Einkaufsfläche von 3000 Quadratmetern, so von Wedel, gehe es offenbar um einen Markt „mit deutlich überregionaler Bedeutung“. Von Wedels unterstellen dem Bürgermeister: „Offenbar versuchen Sie hier unter der Argumentation eines ,kleinen Supermarkts‘ einer offenen und transparenten Debatte über Ihr Vorhaben mit den Kohlscheider Bürgern bewusst aus dem Weg zu gehen.“

Sie rechnen vor: „Die für die Wirtschaftlichkeit eines solch überdimensionierten Kaufhauses benötigte Kundenzahl dürfte bei über 3500 Einkäufern je Tag liegen (laut Handelsdaten.de). Unter der Annahme, dass ein Großteil der Kunden mit dem Pkw anfährt, ist dies eine deutliche Zunahme des Verkehrs mitten durch den Kohlscheider Ortskern. Selbst auf der heute bereits vielbefahrenen Kaiserstraße würde eine derartige Zahl von Pkw eine Zunahme des Verkehrs von mehr als 60 Prozent bedeuten!“

Es werde „nicht im entferntesten“ deutlich, welche Vorteile den Kohlscheider Bürgern durch eine derartige Verkehrszunahme zuteil würde. „Dazu passt, dass uns (außer Ihnen) niemand bekannt ist, der von Ihren Verkehrs- und Wirtschaftskonzepten überzeugt wäre.“

Bei den von Wedels kommt vielmehr noch ein Verdacht hoch: „Offenbar ist der massive Umbau der Verkehrsführung im Ort also primär dem Transport von Kunden eines einzelnen Investors geschuldet, während ein nicht unerheblicher Anteil der Kohlscheider Bürger auf Dauer Lärm, schlechte Luftqualität, mangelnde Anbindung der eigenen Grundstücke etc. in Kauf nehmen soll.“

Des weiteren werde die Wohnqualität im Ort weiter sinken, weil sich kleine Geschäfte mit ortsansässigen Inhabern — vor allem an der Südstraße, aber auch am Markt und der Weststraße — „nicht mehr werden halten können und den Betrieb einstellen werden“. Die Folge sei eine „leblose Innenstadt an Stelle eines florierenden Ortskerns“.

Anonymisierung

Ähnliche Befürchtungen von Geschäftsleuten sind bislang nicht nur bei den Einwohnerversammlungen zum Thema Kohlscheid laut geworden. Eine Stichprobe unserer Zeitung vom Mittwoch: Kai-Uwe Kallenbach, seit zehn Jahren Inhaber einer Mode-Boutique an der Weststraße 1, sieht zum einen dem Bau der Markttangente mit gemischten Gefühlen entgegen: „Man kann wohl kein Beispiel nennen, wo eine Verkehrsberuhigung dazu geführt hat, dass Geschäfte profitieren.“

Und zum anderen ist er überzeugt, dass ein zusätzlicher Vollsortimenter am Langenberg den Prozess der Anonymisierung in Kohlscheids Innenstadt nur beschleunige, denn: „Die Leute können ihr Geld nur einmal ausgeben.“