1. Lokales
  2. Nordkreis

Alsdorf: Indischer Balsam für die deutsche Seele

Alsdorf : Indischer Balsam für die deutsche Seele

„Ich dachte, es ist ein Scherz, irgendeine fehlgeleitete E-Mail.” Alexander Gohr, Geschäftsführer eines Alsdorfer Autohauses, traute seinen Augen nicht, als er vor einigen Monaten in sein elektronisches Postfach schaute. Eine Mail aus Indien war angekommen.

Tejas Shah, 24, bewarb sich darin um ein dreimonatiges Auslandspraktikum. Alexander Gohr erinnerte sich. Da war doch was.

„Vor fast drei Jahren hat die IHK bei mir angefragt, ob ich bereit wäre, einen Internationalen Praktikumsplatz zur Verfügung zu stellen.” Gohr bejahte damals. Er selbst ist 36, „ein junger Mensch”, will jungen Leuten eine Berufschance geben. „Ich habe mit einem Praktikanten aus den Niederlanden, Belgien oder Frankreich gerechnet.” Doch die Sache geriet in Vergessenheit, zwei Jahre herrschte Funkstille. „Dann kam die E-Mail aus Indien.” Tejas E-Mail. Mehr als 150 hat er verschickt.

Ohne Greencard, mit Arbeitserlaubnis

Zurzeit sitzt Tejas Shah am Computer in einem Büro des Ford-Händlers. Ohne Greencard, dafür mit Arbeitserlaubnis, die Gohr bei der Bundesagentur für Arbeit beantragen musste, und mit Dreimonats-visum, das sich Shah beim Konsulat in Bombay besorgte. Shah recherchiert im Internet EG-Autopreise. Den Betriebsablauf hat er bereits eingehend kennengelernt, er war im Ersatzteillager, in der Werkstatt, in der Buchhaltung. „Ich schätze die abwechslungsreiche Arbeit, das ist eine gute Erfahrung für mich”, sagt der 24-Jährige auf Englisch. Erfahrung, die er für seine eigene Karriere brauchen kann. Denn die läuft bereits auf Hochtouren.

Shah hat erst an der Universität von Ahmedabad - eine Fünf-Millionen-Stadt im Westen des Subkontinents - nach vierjährigem Studium den „Master of Commerce” gemacht, dann seine eigene Firma gegründet. Mit einem Kompagnon und einer Handvoll Mitarbeitern berät er Firmen aus der Metallindustrie in Sachen Import-Export. Sein Unternehmen trägt den wenig indischen Namen „Erfolg International”.

Die Bahn ist „wie in Indien”

Tejas Shah hat das deutsche Wort „Erfolg” mit Bedacht gewählt. „Deutschland gilt in Indien als wichtigstes Land in der Europäischen Union”, lobt er die vermeintlichen Primärtugenden Gründlichkeit und Ordnung, „very systematically” sei auch das, was er in Alsdorf kennengelernt habe. „Hier wird viel effizienter gearbeitet.” Balsam auf die geschundene deutsche Seele, wären da nicht das miserable Wetter - „am besten nicht rausgehen” -, das „viel zu fade Essen” und die Deutsche Bahn: „So viel Unpünktlichkeit hätte ich nicht erwartet. Das ist wie in Indien.”

Erwartet hatte er hingegen - seiner Reise vorauseilenden Gerüchten folgend - unfreundliche, muffelige Deutsche. Das hat sich aber nicht bestätigt, wie er sagt. „No problem, its o.k.” Nur der Alsdorfer an sich sei recht sprachfaul, was das Englische betreffe. Das hat Shah bei Einkäufen bei Aldi und Lidl festgestellt. Da nämlich kauft der Vegetarier Brot und Pasta, im Asia-Shop am Denkmalplatz hat er sich lediglich „eine Telefonkarte gekauft”. Shah: „Ich will schließlich etwas lernen.”

Ein paar Brocken Deutsch zum Beispiel kann er schon. Das soll ihm dabei helfen, Geschäftskontakte zu deutschen Unternehmen aufzubauen. Woran er übrigens schon fleißig arbeitet: Geschäftsmann Shah war auf der Kunststoffmesse in Düsseldorf, reiste bereits nach Süddeutschland und besuchte dort mehrere Firmen, nächste Woche geht es weiter nach Bielefeld, Berlin, Hamburg.

Zwei Fliegen mit einer Klappe

„Dual purpose”, zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, nennt das Tejas Shah. Eigentlich sind es drei, denn: „Wir waren auf Besichtigungstouren in Aachen, Köln, auf dem Petersberg bei Bonn und im Hohen Venn”, sagt Alexander Gohr, der dem ungewöhnlichen Gast das westliche Westdeutschland und östliche Belgien etwas näher gebracht hat.

Ende Dezember fliegt Shah, der zurzeit ein Zimmer im Autohaus bewohnt, zurück in seine Heimat, zurück zu seinen Eltern und Großeltern, mit denen er unter einem Dach lebt. Zuvor gibt es für ihn noch das Weihnachtsfest in Deutschland - „das zu erleben, ist bestimmt großartig” - und er reist nach Dänemark. Dort hat Shah noch einen Geschäftstermin.