In Alsdorf ist eine Pfarrerstelle seit sechs Jahren vakant

Zu wenig Pfarrernachwuchs : Auch am Altar fehlen Fachkräfte

Im Bistum Aachen waren Ende 1997 noch 540 Priester im aktiven pastoralen Dienst tätig, Ende 2018 gerade noch 236. Etliche Stellen sind vakant, in Alsdorf fehlt bereits seit sechs Jahren ein zweiter Pfarrer. Für den leitenden Pfarrer Konrad Dreeßen bedeutet das viel Stress.

Am Altar ist es wie auf dem Bau – die Profis werden knapp. Während das Baugewerbe, das den Mangel an gut ausgebildetem Nachwuchs zwar zu spüren bekommt, Aspiranten aber mit glänzenden Zukunftsaussichten locken kann, verspricht ein Blick in die Kirchen ungleich weniger – leere Bänke in den Gotteshäusern, immer weniger Pfarrer, die sich um immer mehr Gemeinden kümmern müssen. In Deutschland herrscht Priestermangel – auch im Nordkreis.

„Als ich 1985 gleich nach meiner Weihe als Kaplan in Alsdorf anfing, gab es hier für elf Gemeinden noch elf Pfarrer. Heute bin ich als leitender Pfarrer alleine“, sagt Konrad Dreeßen, Pfarrer und Leiter der Gemeinschaft der Gemeinden in Alsdorf. Die Arbeitsbelastung ist enorm, der 62-Jährige läuft im roten Bereich. Mit Groß-St. Johannes XXIII., unter dessen Dach fünf Gemeinden versammelt sind, und Groß-St.-Castor mit sechs Gemeinden gibt es in der Stadt Alsdorf mittlerweile zwei Großpfarren. In St. Johannes XXIII. ist die Stelle des Pfarrers seit 2013 vakant. Seit sechs Jahren wird gesucht ohne zu finden. Seit sechs Jahren übernimmt Dreeßen die Aufgaben für den vakanten Posten gleich mit.

Damit bringt er ein großes Opfer für die Gemeinden. Denn ginge es nach seiner Gesundheit – er würde das Amt nicht bis zum offiziellen Ruhestandsalter (75) ausüben. Allerdings hinterließe er damit eine große Lücke, die so schnell wahrscheinlich gar nicht wieder gefüllt werden könnte, weil sich schlicht kein neuer Pfarrer findet.

Deshalb macht Dreeßen weiter. „Ich bin Priester geworden für die Menschen“, sagt er ganz ohne pathetisch zu klingen. Dreeßen arbeitet in Alsdorf mit Unterstützung durch Pater Gerd Blick, Diakon Achim Stümpel, zwei Pastoralreferentinnen und zwei Gemeindereferentinnen. Letztere haben je eine 50-Prozent-Stelle inne. „Obwohl wir eigentlich Arbeit für 300 Prozent, also drei volle Stellen haben, die im Stellenplan für Alsdorf auch vorgesehen sind“, sagt Dreeßen. Und: „Ich empfinde es als ungerecht, wie das Personal im Bistum verteilt wird“, weil in anderen Gemeinden mehr hauptamtliche priesterliche Mitarbeiter beschäftigt würden.

Im Bistum Aachen waren Ende 1997 noch 540 Priester im aktiven pastoralen Dienst tätig. Ende 2006 waren es 351, Ende 2018 gerade noch 236. Die Zahl der Priester, die in der Pfarrseelsorge tätig waren, sank vergleichbar drastisch.

Konrad Dreeßen, Pfarrer und Leiter der Gemeinschaft der Gemeinden in Alsdorf, vor dem Pfarrhaus. Eine weitere Stelle für einen hauptamtlichen Pfarrer ist dort seit Jahren vakant. Foto: Thomas Vogel

„Die Gesellschaft verändert sich, die Menschen legen Wert auf ihre Individualität“, erklärt Margherita Onorato-Simonis, Leiterin der Hauptabteilung Pastoralpersonal im Bistum Aachen. „Es gibt eine fast unüberschaubare Vielfalt an Überzeugungen und Lebensstilen. Volkskirchliche Strukturen, wie es sie früher gab, sind verschwunden. Zwar ist noch jeder zweite Bewohner im Gebiet des Bistums Aachen Katholik, trotzdem ist auch aufgrund von demographischen Faktoren, Wegzügen und Kirchenaustritten die Zahl rückläufig. Auch in vielen Familien ist das religiöse Leben nicht mehr so ausgeprägt. Insofern fehlen oftmals auch die Vorbilder, die junge Menschen den Entschluss fassen lassen: Ich will Priester werden.“

Pfarrer Dreeßen in Alsdorf hat eine dezidierte Meinung dazu, wie die Kirche dem Priestermangel entgegentreten könnte. Indem das Zölibat etwa gelockert würde und fortan jedem Priester selbst überlassen bleibt, ob er zölibatär leben möchte oder nicht. Oder besser gesagt jedem Priester und jeder Priesterin, denn, dass Frauen von dieser Aufgabe in der katholischen Kirche ausgeschlossen werden, hält er ebenso für falsch. „Es täte der Kirche gut, das zu überdenken“, sagt Dreeßen. Eine Meinung, die offenbar in weiten Teilen der katholisch-gläubigen Gesellschaft resoniert, wie die junge „Maria 2.0“-Bewegung zeigt.

Die Situation in Alsdorf ist ein Beispiel, keine Ausnahme. Von insgesamt 326 Pfarreien im Bistum Aachen sind derzeit 251 mit einem Pfarrer besetzt, 53 von einem Pfarr-Administrator, vier werden von einer Gruppe Ehrenamtlicher geleitet, die der Bischof mit der Leitung der Seelsorge beauftragt und an dessen Seite er einen Priester als Moderator der Seelsorge bestellt hat, der mit Vollmachten und Befugnissen eines Pfarrers ausgestattet wurde. Sieben Pfarreien sind vakant, werden aber von dem entsprechenden Leiter der Gemeinschaft der Gemeinden mitverwaltet. Elf Pfarreien sind vakant ohne diese Notlösung.

Finden junge gläubige Männer, die vor der Berufswahl stehen, den Priesterberuf zu unsexy? Eine Messe ist kein Liveblog-Material, natürlich nicht. Das gesellschaftliche Ansehen eines Pfarrers und seine Bedeutung innerhalb der Gemeinde haben abgenommen, ja.

Wie sich das in der traditionsverhafteten katholischen Kirche vielleicht ändern ließe, dazu hat man im Erzbistum Köln eine Idee, die in eine überraschende Richtung geht. Junge Priester werden im sogenannten „Smart Camp“ befähigt, sich neuer oder besser gesagt aktueller und für kirchliche Maßstäbe reichlich ungewöhnlicher Methoden zu bedienen, um wieder mehr junge Menschen zu erreichen. Sie sollen Blogger werden, Youtuber und Instagramer oder kurz: das Erzbistum Köln will Influencer aus ihnen machen, um junge Menschen in ihrem heutigen Lebensumfeld abzuholen.

Und im Bistum Aachen? Onorato-Simonis: „Die fehlenden Priesterberufungen sind für uns im Bistum Aachen natürlich eine Herausforderung. Schon jetzt ist es so, dass nicht jede Pfarrei einen eigenen Pfarrer hat. Das bedeutet, dass wir uns überlegen müssen, auf welche Weise wir die Priester entlasten können, damit sie mehr Zeit für ihre eigentlichen seelsorgerischen Aufgaben haben können. Und wir müssen gemeinsam überlegen, wie unsere Kirche von Morgen aussehen soll. Genau das ist ja das Ziel des Gesprächs- und Veränderungsprozesses ‚Heute bei dir’ im Bistum Aachen.“

Auf die Frage im Rahmen eines Interviews mit unserer Zeitung, ob in Zukunft mehr auf die katholischen Laien zukomme, gerade was die Gemeindeleitung angeht, sagte Bischof Dr. Helmut Dieser: „Es wird nicht auf sie zukommen; es wird von ihnen ausgehen. Und das entspricht dem, was das Zweite Vatikanische Konzil gesagt hat: Kirche geht aus vom Glauben an Jesus Christus, den wir alle gemeinsam empfangen haben. Gemeinsames Priestertum nennt man das.

Der Nahraum wird nicht in erster Linie dadurch bespielt, dass der Priester jeden Tag in der Woche an diesem Ort ist, sondern dadurch, dass hier Christen leben und sich engagieren. Wir werden eine plurale kirchliche Landschaft bekommen. ‚Es ist erst richtig Kirche, wenn ein Pastor dabei ist.‘ Diese Vorstellung ist nicht mehr haltbar. Das ist nicht so. Es ist richtig Kirche, weil Ihr Kirche seid, wenn Ihr was für Kinder tut, Euch um Flüchtlinge kümmert, alten Leuten helft oder neue Gottesdienstformen entwickelt. Um diese Fragen geht es im ‚Heute bei dir‘-Prozess.“

Sorgenvoller Blick in die Zukunft

Dreeßen macht sich Sorgen vor allen Dingen über die Entwicklungen, die für das Bistum nach Abschluss des „Heute bei dir“-Prozesses in den kommenden Jahren angedacht sind (geplantes Ende: 2021). „Je nachdem, welche Pläne danach aus der Schublade gezogen werden, muss ich sagen: ohne mich!“

Dreeßens Blick richtet sich auf das Bistum Trier, wo Helmut Dieser zuvor Weihbischof war, bevor er nach Aachen kam. Noch auf dessen Initiative zurückzuführen seien die riesigen Gemeinden, die dort geformt worden sind. Im Bistum gebe es Gerüchte, dass Ähnliches auch für die hiesigen Regionen angedacht ist. Wenn aber Stolberg, Eschweiler, Herzogenrath, Würselen, Alsdorf und Baesweiler zum Beispiel zu einer Riesenpfarre Aachen-Land zusammengefasst würden – das locke erst recht keinen jungen Pfarrer. „Deswegen flüchten sich so viele junge Priester in die Kategorien“, sagt Dreeßen – in die Krankenhaus-, Gefängnis- oder Schul-Seelsorge.

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